Neues Buch enthüllt alles: Kardinal Marx will katholische Kirche umkrempeln

München - Mehr Menschlichkeit, mehr Freiheit, ein neues Zeitalter des Christentums: Wenige Monate nach seinem Rückzug vom Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) fordert der Münchner Kardinal Reinhard Marx eine grundlegende Erneuerung der katholischen Kirche.

Kardinal Reinhard Marx (66), Erzbischof von München und Freising und damaliger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, äußert sich bei einer Pressekonferenz zu aktuellen Fragen zur katholischen Kirche.
Kardinal Reinhard Marx (66), Erzbischof von München und Freising und damaliger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, äußert sich bei einer Pressekonferenz zu aktuellen Fragen zur katholischen Kirche.  © Bernd von Jutrczenka/dpa

In seinem Buch "Freiheit", das an diesem Montag (25. Mai) auf den Markt kommt, mahnt er einen grundsätzlichen Wandel an - und geht mit konservativen Widersachern hart ins Gericht. 

"Die kirchlichen Skandale und Krisen der letzten Jahre haben die Dringlichkeit zur Erneuerung unterstrichen", schreibt der 66-Jährige. 

Die Geschichte der Kirche gehe nicht zu Ende. "Zu Ende geht aber möglicherweise eine bestimmte Sozialgestalt und auch eine bestimmte Sprache", betont der Erzbischof von München und Freising. 

Es werde sich vieles ändern an kirchlichen Lebensgewohnheiten. "Das betrifft das Zueinander von Freiheit und Gehorsam, Glaube und Leben, das Verhältnis von Männern und Frauen, Laien und Klerikern, Vielfalt und Einheit in der Kirche."

Zu der Erneuerung, die er fordert, gehört es für ihn zwingend, moderne Freiheiten als gesellschaftliche Errungenschaft zu betrachten. Gewissensentscheidungen von Menschen seien "unbedingt zu respektieren". Es gehe "nicht an, die Freiheitsgeschichte der modernen Welt als Irrweg zu verdammen oder gar als Bedrohung des Glaubens und der Kirche zu sehen".

Das ist vor allem dem Hintergrund bemerkenswert, dass Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., sich in einer neuen Biografie völlig gegensätzlich zu modernen Freiheiten geäußert und beispielsweise Homosexualität verklausuliert als Werk des Antichristen bezeichnet hat. 

"Synodaler Weg": Kardinal Marx will sich nicht länger zurücknehmen

Kardinal Marx (66) hat sich nach eigenen Angaben nicht zu einem Rückzug vom Vorsitz der katholischen Deutschen Bischofskonferenz gedrängt gefühlt.
Kardinal Marx (66) hat sich nach eigenen Angaben nicht zu einem Rückzug vom Vorsitz der katholischen Deutschen Bischofskonferenz gedrängt gefühlt.  © Andreas Arnold/dpa

Nach seinem überraschenden Rückzug musste sich Marx bisher noch zurücknehmen, mit seinem Buch macht er deutlich, dass das nun vorbei ist. 

Er galt ohnehin schon als treibende Kraft hinter dem Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland, der "Synodaler Weg" genannt wird und sich mit der Sexualmoral, dem Zölibat und der Stellung der Frau befassen soll. 

Konservative wie der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und besonders der frühere Regensburger Bischof Kardinal Gerhard Müller, gelten als scharfe Kritiker dieser Linie.

In seinem Buch nennt Marx keinen dieser Namen. Doch er wendet sich klar gegen konservative, reaktionäre Strömungen. 

Eine Kirche, "die in einer rein negativen Sicht der Moderne verharrt und sich zurückträumt in eine idealisierte Vergangenheit (...) ist nicht nur überholt, sondern sogar zu verhindern. Dass solche Stimmen zum Teil vermehrt zu hören sind, beunruhigt mich."

Diese hätten "nichts gelernt aus der Geschichte". 

"Neue Epoche des Christentums": Kardinal geht mit Konservativen ins Gericht

Das Cover des Buches "Freiheit" von Kardinal Reinhard Marx. Er fordert darin einen grundlegenden Wandel der katholischen Kirche.
Das Cover des Buches "Freiheit" von Kardinal Reinhard Marx. Er fordert darin einen grundlegenden Wandel der katholischen Kirche.  © Kösel-Verlag/dpa

Der Kardinal schreibt, er hoffe auf "eine neue Epoche des Christentums" und eine "neue Theologie", die "einen Schritt weiter" gehe. 

"Es muss eine Theologie sein, die noch stärker lernt, die "Zeichen der Zeit" im Licht des Evangeliums zu deuten", betont Marx. 

"Eine Kirche, die ihren Glauben hauptsächlich in theologisch reflektierten Texten und im Katechismus ausdrückt (...) wird Menschen kaum anziehen können."

Der Kirche dürfe "nichts Menschliches fremd sein". "Wenn frei sein und katholisch sein nicht zusammengehören können, ist der Weg des Glaubens in die Zukunft versperrt."

Das klingt zum Teil ungemein progressiv, ganz konkret wird Marx allerdings nicht. Zum Umgang der katholischen Kirche mit Homosexuellen äußert er sich nicht. Und das Wort Zölibat kommt nicht einmal vor auf den 175 Seiten des Buches. 

In seinem eigentlich ziemlich flammenden Plädoyer für mehr weiblichen Einfluss in der Kirchenleitung betont er, dass es ihm dabei explizit nicht um die Priesterweihe für Frauen geht. 

Es gehe nicht darum, "eine "Zeitgeistkirche" zu schaffen", betont Marx. 

Titelfoto: Andreas Arnold/dpa

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