Bangen um ausgewilderte Bartgeier: Tierschützer hoffen auf Lebenszeichen

Ramsau bei Berchtesgaden - Am Anfang waren sie ihren Schützlingen so nah, dass sie alles registrieren und notieren konnten, die Schlaf- und Fresszeiten, die Anzahl der Flügelschläge, selbst die Kotspritzer. Doch nun heißt es für das Team, das 2021 erstmals seit der Ausrottung vor mehr als 140 Jahren Bartgeier in Deutschland ausgewildert hat: warten und hoffen.

Die beiden ausgewilderten Bartgeier "Wally" und "Bavaria" fliegen im Nationalpark Berchtesgaden.
Die beiden ausgewilderten Bartgeier "Wally" und "Bavaria" fliegen im Nationalpark Berchtesgaden.  © Markus Leitner/dpa

Hoffen darauf, dass die mit enormem finanziellen wie personellem Einsatz ausgewilderten Tiere noch leben. Und warten darauf, dass irgendjemand sie sieht und dies - am besten noch belegt durch ein Foto - auch meldet.

Zu "Bavaria", der abenteuerlustigeren der beiden aus einer spanischen Zuchtstation stammenden Geiermädels, ist der Kontakt schon Ende November abgebrochen. Bei "Wally", die sich noch lange in der Region aufhielt, wird er auch immer sporadischer: Der Akku der mit einem Solarmodul bestückten GPS-Sender erhält bei dem trüben Wetter offenbar nicht genug Power.

Dennoch ist Toni Wegscheider, der das Projekt für den Landesbund für Vogelschutz in Bayern federführend betreut, zuversichtlich. "Die haben sich optimal entwickelt, was die Spannbreite betrifft, was das Gewicht betrifft, die sind voll leistungsfähig, und was ein Bartgeier zum Überleben können muss, können die beiden - außer brüten."

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Dennoch gibt es natürlich selbst für den größten Vogel der Alpen, der eine Spannbreite von knapp drei Metern erreicht, viele Gefahren.

"Wir wissen, dass im Alpenraum 30 bis 50 Prozent aller Bartgeier an Bleivergiftung verrecken"

Bartgeier können eine Spannbreite von knapp drei Metern erreichen.
Bartgeier können eine Spannbreite von knapp drei Metern erreichen.  © Markus Leitner/dpa

Neben Blitzschlag oder Angriffen eines Steinadlers gehören dazu Lawinen - die aber zugleich für die Tiere auch elementar sind. "Lawinenzeit ist Geierzeit, denn jede Lawine ist potenziell ein Nahrungslieferant, wenn eine Gams oder ein Steinbock mitgerissen wird", erklärt Wegscheider.

Deshalb sei auch der November die härteste Zeit des Jahres für die Tiere: Die Schneedecke ist noch so dünn, dass sie alle herumliegenden Kadaver bedeckt und damit vor den scharfsichtigen Geiern versteckt, aber noch nicht so dick, dass sie durch Lawinenabgänge neue hervorbringt.

Eine weitere, große Gefahr geht von Bleivergiftungen aus - die Aasfresser nehmen das Nervengift auf, wenn sie die Knochen von mit Bleimunition geschossenen Tieren fressen. "Wir wissen, dass im Alpenraum 30 bis 50 Prozent aller Bartgeier - völlig unnötig - an Bleivergiftung verrecken", schildert Wegscheider.

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Deshalb warten die Tierschützer auch so sehnsüchtig auf Sichtungen der beiden durch gebleichte Flügelfedern identifizierbaren Tiere.

Wenn jemand einen lethargisch wirkenden, taumelnden oder nicht mehr flugfähigen Bartgeier melden würde, so würden die Experten selbst in die entferntesten Winkel der Alpen fahren, das Tier mithilfe seines vhs-Senders im Gelände suchen und das Gift noch mit Medikamentenspritzen auszuschleichen versuchen, so wertvoll ist jedes einzelne Exemplar für den Erhalt der Art.

"Wir konnten Menschen begeistern für die Natur, das hat aus unserer Sicht hervorragend geklappt"

Tierschützer warten sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen der beiden Tiere.
Tierschützer warten sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen der beiden Tiere.  © Markus Leitner/dpa

Im Rahmen eines alpenweiten Wiederansiedelungsprojektes wurden zwischen 1986 und 2020 knapp 230 Bartgeier ausgewildert, 2021 zum ersten Mal auch in Deutschland. Der Nationalpark Berchtesgaden, wo "Wally" und "Bavaria" ihre Kinderstube eingerichtet bekamen, zieht eine durchweg positive Bilanz.

Nicht nur, weil sich die beiden Tiere wie erhofft entwickelt haben und nun ihre Kreise auch außerhalb des Nationalparks ziehen.

"Wir haben in der Halsgrube - also in Sichtweite zur Auswilderungsnische - einen Infostand eingerichtet, der von Tausenden aufgesucht wurde", berichtet der Projektverantwortliche des Nationalparks, Ulrich Brendel. "Wir konnten Menschen begeistern für die Natur, das hat aus unserer Sicht hervorragend geklappt."

Selbst Befürchtungen, das große Interesse könnte zu wilden Trampelpfaden und anderen Schäden in der sensiblen Kernzone führen, bewahrheiteten sich nicht. "Die Menschen haben sich überwiegendst sehr rücksichtsvoll verhalten."

Jetzt sei man bereits dabei, alles für die Ankunft der nächsten beiden Zuchttiere vorzubereiten und kleinere Stellschrauben nachzujustieren - etwa eine noch bessere Abdeckung der Nische mit Web-Cams. Denn das eine dreiviertel Million Euro teure Projekt ist auf zehn Jahre angelegt, jährlich sollen zwei bis drei weitere Jungtiere in unmittelbarer Nähe zum beliebten Königssee ausgewildert werden.

"Letztendlich ist alles so vorbereitet, dass wir im Mai - solange liegt der Schnee manchmal in den Höhen - sofort wieder starten können", berichtet Brendel. Auch in der Felsnische, in der "Wally" und "Bavaria" in den ersten Wochen lebten, wurde alles winterfest gemacht.

"Putzen im eigentlichen Sinne müssen wir da oben nicht", schildert Brendel - zumal Geier ihre Nester reinlich halten. "Aber wenn ein Geier da empfindlich wäre, hätte er auch den Job verfehlt."

Titelfoto: Markus Leitner/dpa

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