Inzucht beim Steinbock: Hitzige Debatte um Tier-Import aus der Schweiz

Bad Tölz - Rund 80 Steinböcke leben an der Benediktenwand in Oberbayern - sie sind weitgehend isoliert von anderen Gruppen und das wird nun zum Problem: Inzucht. Der Bayerische Jagdverband (BJV) will eingreifen und Artgenossen aus der Schweiz importieren. Doch über das Projekt und vor allem über seine Präsentation wird jetzt heftig diskutiert.

Ein Steinbock steht auf dem Gipfel des Schöngütsch (Schweiz).
Ein Steinbock steht auf dem Gipfel des Schöngütsch (Schweiz).  © Anthony Anex/KEYSTONE/dpa

Schweizer Steinböcke sollen nach dem Plan des BJV für frischen Wind und frisches Genmaterial bei ihren bayerischen Artgenossen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sorgen. Zehn Tiere will der BJV nach Bayern bringen und die Kosten von 100.000 Euro übernehmen.

Der BJV verweist zwar auf eine notwendige Genehmigung durch das bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten; geht aber davon aus, dass dies eine "reine Formsache" sei.

Das sieht man im Ministerium anders. "Die Genehmigung des angesprochenen Steinbock-Projekts ist nicht nur 'Formsache'", sagte ein Ministeriumssprecher am Freitag. "Ein konkreter Antrag zu dem von BJV angekündigten Projekt liegt unserem Haus nicht vor."

Insofern konnte die Erteilung der Genehmigung noch nicht geprüft und beurteilt werden. Beim Steinwild handele es sich um eine Wildart, die nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung der obersten Jagdbehörde in die freie Natur ausgesetzt werden darf.

Bund Naturschutz äußert Bedenken zum Vorhaben des BJV

Drei Alpensteinböcke in Aktion.
Drei Alpensteinböcke in Aktion.  © Anthony Anex/KEYSTONE/dpa

Kritik kommt vom Bund Naturschutz: "Wir sehen hier viele Fragen offen", sagte Ralf Straußberger, Referent für Wald und Jagd beim BN, der Deutschen Presse-Agentur. "Wir finden es befremdlich, dass ein Projekt öffentlich diskutiert wird, bevor die Inhalte genau bekannt sind und das Verfahren formell auf den Weg gebracht wurde."

Inzucht sei bei Steinböcken kein seltenes Phänomen.

Eine Frage sei etwa die Kapazität der Region im Winter. "Das Gebiet an der Bendediktenwand ist eher klein und isoliert." Mit 80 Tieren sei die Kapazität dieses Lebensraums in etwa erschöpft. "Man muss auch fachlich klären: Wie passt das insgesamt in die Landschaft?"

Ein Vertreter der Jägerschaft vor Ort betonte: "Es geht nicht darum den Bestand zu erhöhen, sondern darum, den hohen Inzuchtgrad zu beseitigen und die Vitalität des Steinwildes dadurch zu stärken."

Der BJV beruft sich auf eine Genetik-Studie der Universität Zürich, nach der die Population der Benediktenwand-Steinböcke bedroht ist. Die Tiere hätten bereits genetische Defizite, seien krankheitsanfälliger und weniger fruchtbar.

"Wenn es so weitergeht, sterben sie aus", sagte ein Sprecherin des Bayerischen Jagdverbandes.

Steinböcke waren an der Benediktenwand nicht immer heimisch

Steinböcke stehen auf der Roten Liste bedrohter Arten. Sie unterliegen dem Jagdrecht, sind aber laut Jagdverband in Bayern streng geschützt und werden nicht gejagt. Laut Bestandsaufnahme des Wildportals Bayern beim Forstministerium wurden im Freistaat zuletzt knapp 800 Steinböcke gezählt. Die Tiere leben meist in einer Höhe ab etwa 2000 Metern.

An der etwa 1800 Meter hohen Benediktenwand waren sie nicht immer heimisch. Schon ihre Vorfahren waren Schweizer. Laut Wildportal Bayern wurde 1959 im benachbarten Tirol ein Steinwildrudel aus der Schweiz ausgesetzt. Durch die Wanderung einzelner Tiere nach Bayern und Auswilderungen entstand die Population an der Benediktenwand.

"Die Kolonie an der Benediktenwand vermehrt sich seit den 1970er Jahren gut und besteht nun schon fast 60 Jahre", urteilten die Experten 2016. Damals wurden 74 Tiere in der Wand gezählt.

Titelfoto: Anthony Anex/KEYSTONE/dpa

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