Aufschrei nach Botschafter-Kritik an Kanzler: "Olaf Scholz ist keine Wurst"

Berlin - Ukraine-Botschafter Andrij Melnyk (46) ist definitiv nicht als Mann der leisen Töne bekannt. Seit Kriegsbeginn fiel er immer wieder durch Äußerungen gegenüber deutschen Politikern auf, die nicht wenige wohl als "drüber" bezeichnen würden. Jetzt nahm er sich auch Kanzler Olaf Scholz (63, SPD) zur Brust, nannte den eine "beleidigte Leberwurst". Der Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten.

Ukraine-Botschafter Andrij Melnyk (46).
Ukraine-Botschafter Andrij Melnyk (46).  © Christophe Gateau/dpa

Seit Tagen und fast schon Wochen steht die Frage im Raum: Wann reist Olaf Scholz nach Kiew? Briten-Premier Boris Johnson (57) war schon da, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (63, CDU) und auch UN-Generalsekretär António Guterres (73). Doch der Kanzler ziert sich noch.

Im ZDF erklärte er nun seine abwartende Haltung. So stünde die Ausladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einer möglichen Reise im Weg. "Es kann nicht funktionieren, dass man von einem Land, das so viel militärische Hilfe, so viel finanzielle Hilfe leistet, das gebraucht wird, wenn es um die Sicherheitsgarantien geht, die für die Zeit der Ukraine in der Zukunft wichtig sind, dass man dann sagt, der Präsident kann aber nicht kommen."

Eine Argumentation, die Andrij Melnyk nicht akzeptieren will. "Eine beleidigte Leberwurst zu spielen, klingt nicht sehr staatsmännisch", sagte der Botschafter gestern. "Es geht um den brutalsten Vernichtungskrieg seit dem Nazi-Überfall auf die Ukraine, es ist kein Kindergarten."

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Äußerungen, die im deutschen Polit-Olymp gar nicht gut ankamen. "Olaf Scholz ist keine Wurst, er ist der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland", so beispielsweise Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (70, FDP). Auch seine Parteikollegin und Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann (64) war alles andere als erfreut. "Vielleicht, lieber Herr Melnyk, entschuldigt man sich einfach mal beim Präsidenten und lädt dann den Kanzler höflich ein zu kommen", sagte sie den "Funke"-Zeitungen.

Die AfD ging in Person von Fraktions-Chef Tino Chrupalla (47) sogar noch einen Schritt weiter. "Solche Provokationen und Beleidigungen von Verfassungsorganen sind nicht tatenlos hinzunehmen. Die Bundesregierung muss sofort Botschafter Melnyk einbestellen." Zeige der sich weiter uneinsichtig, müsse man darauf bestehen, dass er umfassend abberufen wird.

Kommentar: Deutschland ist nicht der Feind

Politik-Redakteur Paul Hoffmann (29) gibt seine Meinung zur aktuellen Problematik ab.
Politik-Redakteur Paul Hoffmann (29) gibt seine Meinung zur aktuellen Problematik ab.  © Eric Münch

Immer wieder holte Ukraine-Botschafter Andrij Melnyk in den vergangenen Wochen zum Frontalangriff auf Deutschland und seine Politiker aus. Zu großen Teilen war seine Kritik berechtigt, gerade wenn es um die merkwürdigen Verstrickungen Einzelner in Geschäfte mit Russland geht.

So langsam mache ich mir allerdings Sorgen, dass seine stetigen undiplomatischen Äußerungen einen Keil zwischen Millionen solidarischer Bundesbürger und die Ukraine treiben könnten. Nahm man die Rhetorik um die Ausladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier noch mit Verwunderung zur Kenntnis, gehen die neuerlichen Worte über Olaf Scholz wirklich zu weit.

Natürlich ist es kindisch, wegen der Steinmeier-Ausladung vorerst nicht nach Kiew reisen zu wollen. Allerdings kann solch eine Kritik auch mit anderen Worten geäußert werden.

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Deutschland ist in diesem Krieg nicht der Feind, sondern der Freund der Ukraine. Zeit, dessen gewählte Vertreter wieder mit einem Mindestmaß an Respekt zu behandeln.

Titelfoto: Christophe Gateau/dpa

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