Ukraine-Krieg, Tag 128: Russland soll Phosphor-Bomben auf Schlangeninsel eingesetzt haben

Ukraine - Seit nunmehr 128 Tagen führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Im umkämpften Osten bleibt die Lage weiterhin sehr ernst. Alle aktuellen Entwicklungen gibt es im TAG24-Liveticker.

Ukrainische Soldaten trainieren an einem Mehrfachraketenabschussgeräts (MLRS) aus britischer Produktion.
Ukrainische Soldaten trainieren an einem Mehrfachraketenabschussgeräts (MLRS) aus britischer Produktion.  © Tim Merry/Daily Express/PA Wire/dpa

Während Russland in der Ostukraine weiter seine militärische Überlegenheit ausspielt, kann Kiew über die Rückeroberung der symbolträchtigen Schlangeninsel im Schwarzen Meer berichten.

Präsident Wolodymyr Selenskyj (44) bietet Europäern derweil an, russische Erdgaslieferungen durch Strom aus seinem Land zu ersetzen.

Im Gebiet Odessa wurden nach ukrainischen Angaben zehn Menschen beim Einschlag einer russischen Rakete in ein Mehrfamilienhaus getötet.

Wagenknecht empört auf Twitter: "Wahnsinniger Krieg gegen Russland"
Ukraine Wagenknecht empört auf Twitter: "Wahnsinniger Krieg gegen Russland"

Im ostukrainischen Gebiet Luhansk sind die regierungstreuen Truppen in Lyssytschansk nach eigenen Angaben darüber hinaus akut von einer Einschließung bedroht. Die knapp sieben Kilometer westlich der Stadt gelegene Raffinerie sei umkämpft, teilte der ukrainische Generalstab mit.

Was am gestrigen Donnerstag wichtig war, könnt Ihr im TAG24-Ticker des Tages nachlesen. Alle aktuellen Ereignisse des heutigen Freitags (1. Juli) gibt es im aktuellen Liveticker.

21.21 Uhr: Kiew wirft Russland Attacke auf Schlangeninsel mit Phosphorbomben vor

Die Ukraine hat der russischen Armee den Abwurf von Phosphorbomben auf die Schlangeninsel im Schwarzen Meer vorgeworfen.

Mit Kampfflugzeugen des Typs Su-30 seien von der von Russland 2014 annektierten Halbinsel Krim zwei Angriffe mit Phosphorbomben geflogen worden, teilte der Oberkommandierende der ukrainischen Armee, Walerij Saluschnyj, im Nachrichtendienst Telegram am Freitag mit.

Dazu präsentierte der 48-Jährige eine Videoaufnahme, welche die Bombardierung belegen soll. "Das Einzige, worin der Gegner konsequent ist, ist die unveränderte "Treffgenauigkeit"", betonte er ironisch mit Hinweis auf anscheinend verfehlte Abwürfe.

Tags zuvor war das russische Militär von der Insel abgezogen. Moskau hatte das als "Geste des guten Willens" dargestellt. Kiew betrachtet den Abzug von dem am zweiten Kriegstag durch die Russen eroberten Eiland als Sieg infolge häufiger Angriffe.

Die Schlangeninsel im Schwarzen Meer.
Die Schlangeninsel im Schwarzen Meer.  © Uncredited/Maxar Technologies/dpa

21.20 Uhr: USA kündigen weiteres 820-Millionen-Waffen-Paket für Ukraine an

Die US-Regierung hat der Ukraine weitere Militärhilfen in Millionenhöhe zur Verteidigung im russischen Angriffskrieg zugesagt.

Mit einem Paket in Höhe von 820 Millionen US-Dollar (etwa 787 Millionen Euro) sollen dem Land unter anderem weitere Munition für das Raketenwerfersystem vom Typ Himars, zwei Boden-Luft-Raketenabwehrsysteme mit der Bezeichnung Nasams, Artilleriemunition und Radare zur Artillerieabwehr bereitgestellt werden, wie das Pentagon am Freitag mitteilte.

Ein großer Teil der neuen Hilfen kommt nichts aus Beständen der USA, sondern aus einer Vereinbarung mit der Industrie. Die USA haben der Ukraine seit Kriegsbeginn Ende Februar damit nach eigenen Angaben Waffen und Ausrüstung im Wert von fast sieben Milliarden US-Dollar (6,73 Milliarden Euro) zugesagt oder bereits geliefert. US-Präsident Joe Biden hatte die neuen Hilfen bereits beim Nato-Gipfel in Madrid in Aussicht gestellt.

19.54 Uhr: Israelische Botschaft wirft Melnyk Verharmlosung des Holocaust vor

Die israelische Botschaft in Deutschland hat dem ukrainischen Botschafter, Andrij Melnyk, nach dessen kontroversen Interview-Aussagen eine Verharmlosung des Holocaust vorgeworfen. Melnyk steht wegen Äußerungen über den früheren ukrainischen Nationalistenführer Stepan Bandera (1909-1959) unter Druck.

"Die Aussagen des ukrainischen Botschafters sind eine Verzerrung der historischen Tatsachen, eine Verharmlosung des Holocausts und eine Beleidigung derer, die von Bandera und seinen Leuten ermordet wurden", erklärte die israelische Botschaft in Berlin am Freitag auf Twitter. Melnyks Darlegungen "untergraben auch den mutigen Kampf des ukrainischen Volkes, nach demokratischen Werten und in Frieden zu leben".

Nationalistische Partisanen aus dem Westen der Ukraine waren 1943 für ethnisch motivierte Vertreibungen verantwortlich, bei denen Zehntausende polnische Zivilisten ermordet wurden. Melnyk hatte den Anführer Bandera in einem Interview mit dem Journalisten Tilo Jung in Schutz genommen und gesagt: "Bandera war kein Massenmörder von Juden und Polen." Dafür gebe es keine Belege.

19.52 Uhr: Wirtschaftsjahr 2021/22: Ukraine exportiert trotz Krieg mehr Getreide

Trotz des russischen Angriffskriegs hat die Ukraine in dem Ende Juni ausgelaufenen Wirtschaftsjahr 2021/22 acht Prozent mehr Getreide und Hülsenfrüchte exportiert als im Jahr davor.

Nach 44,7 Millionen Tonnen (2020/21) seien 48,5 Millionen Tonnen ausgeführt worden, teilte das Agrarministerium in Kiew am Freitag mit. Im Kriegsmonat Juni lag die Ausfuhr wegen des ausgefallenen See-Exports jedoch mit 1,4 Millionen Tonnen 44 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Die Weizenausfuhr lag im Wirtschaftsjahr 2021/22 mit 18,7 Millionen Tonnen mehr als zwölf Prozent über dem Vorjahreswert. Allerdings wurde im Juni fast 80 Prozent weniger Weizen exportiert als 2020/21.

Vor allem beim wichtigen Brotgetreide fürchten internationale Hilfsorganisationen wegen kriegsbedingt fehlender ukrainischer Exporte einen weiteren Anstieg der Lebensmittelpreise. Besonders für Afrika und Asien werden Hungersnöte befürchtet. Ein Wirtschaftsjahr geht im Agrarbereich vom 1. Juli bis zum 30. Juni des Folgejahres.

19.12 Uhr: Zahl der Toten nach russischen Raketenangriffen in Region Odessa steigt auf 21

Nach den russischen Raketenangriffen in der südukrainischen Region Odessa ist die Zahl der Toten nach ukrainischen Angaben auf 21 gestiegen.

Unter den Toten sei auch mindestens ein Kind, ein zwölfjähriger Junge, sagte der Sprecher der Regionalverwaltung von Odessa, Serhij Bratschuk, dem ukrainischen Fernsehen am Freitag.

18.58 Uhr: Russland soll Rechte Kriegsgefangener achten

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Russland dazu aufgefordert, die Rechte ukrainischer Kriegsgefangener zu achten.

Wie das Straßburger Gericht am Freitag mitteilte, beschloss es dazu eine sogenannte einstweilige Maßnahme. Einstweilige Maßnahmen sind laut Gericht verbindlich und werden nur selten und bei unmittelbarer Gefahr auf irreparablen Schaden ausgesprochen. Russland will sich allerdings nicht mehr an Entscheidungen aus Straßburg halten.

Eine Ukrainerin, deren Mann von russischen Kräften als Kriegsgefangener gehalten werden soll, hatte sich zuvor an das Menschenrechtsgericht gewandt. Sie soll in dem Camp, in dem ihr Mann wohl gehalten wird, Folter an Ukrainern gesehen haben. Das Gericht forderte Russland nun auf, sicherzustellen, dass die Menschenrechte des Mannes respektiert werden.

Diese Maßnahme gelte für alle weiteren Anfragen bei Gericht von ukrainischen Kriegsgefangenen, die nahelegten, dass das Risiko einer irreparablen Schädigung unmittelbar bestehe. Russland soll zudem innerhalb einer Woche Auskunft darüber geben, ob der Mann von Russland gefangen genommen wurde, und wenn ja, unter welchen Bedingungen er festgehalten werde.

Soldaten der sogenannten Volksrepublik Donezk begleiten einen Bus mit verwundeten ukrainischen Soldaten aus dem Asow-Stahlwerk in Mariupol. Zahlreiche ukrainische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft.
Soldaten der sogenannten Volksrepublik Donezk begleiten einen Bus mit verwundeten ukrainischen Soldaten aus dem Asow-Stahlwerk in Mariupol. Zahlreiche ukrainische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft.  © Alexey Kudenko/Sputnik/dpa

18.56 Uhr: Ukrainische Stellungen unter schwerem Beschuss

In der Ost- und in der Südukraine sind Stellungen der ukrainischen Armee entlang der ganzen Frontlinie von russischen Truppen mit Artillerie beschossen worden.

Dutzende Orte in den Gebieten Charkiw, Donezk, Luhansk, Saporischschja, Mykolajiw und Cherson wurden am Freitag in dem bei Facebook veröffentlichten Bericht des ukrainischen Generalstabs aufgezählt.

Vereinzelt seien auch Angriffe von Flugzeugen und Hubschraubern geflogen worden, hieß es. Ukrainische Einheiten hätten einen russischen Angriff bei einem Gelatine-Werk bei der Industriestadt Lyssytschansk im Gebiet Luhansk abgewehrt. Details zum Geschehen um die letzte unter ukrainischer Kontrolle stehende Stadt in dem Gebiet wurden nicht genannt.

Seit Februar suchen die Menschen in Charkiw Schutz vor Bombenangriffen auch in den Metro-Station der Stadt.
Seit Februar suchen die Menschen in Charkiw Schutz vor Bombenangriffen auch in den Metro-Station der Stadt.  © -/Ukrinform/dpa

18.55 Uhr: Selenskyj: Beschuss von Wohnhaus bei Odessa war gezielter Angriff

Selenskyj hat einen russischen Raketentreffer eines Wohnhauses im südukrainischen Gebiet Odessa als nicht versehentlich bezeichnet.

"Das ist ein gezielter Raketenschlag Russlands, Terror Russlands gegen unsere Städte und Dörfer, gegen unsere Menschen, Erwachsene und Kinder", sagte er laut Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine am Freitag nach einem Treffen mit dem norwegischen Regierungschef Jonas Gahr Støre in Kiew. Die eingesetzte Rakete sei eigentlich für die Bekämpfung von Flugzeugträgern und anderen Kriegsschiffen konzipiert worden.

18.50 Uhr: Russland hofft auf "rationale Lösung" bei Kaliningrad-Transitverkehr

Im Streit um die Einschränkung des russischen Transitverkehrs in die russische Ostsee-Exklave Kaliningrad hofft Moskau auf eine "rationale Lösung".

Russland habe der Europäischen Union erklärt, dass die gegenwärtige Lage nicht nur zu erheblichen Kosten für Litauen, sondern auch für die EU führe, sagte der russische Vize-Außenminister Alexander Gruschko der Agentur Interfax zufolge am Freitag. Er habe den Eindruck, dass "das Signal angekommen" sei.

Ähnlich äußerte sich auch Russlands EU-Botschafter Wladimir Tschischow. Er hoffe auf "eine Kompromisslösung in naher Zukunft", sagte er.

Litauen hatte Mitte Juni den Bahntransit einiger Waren über sein Territorium in das Gebiet um Kaliningrad - ehemals Königsberg - verboten, die auf westlichen Sanktionslisten stehen. Moskau nannte die Beschränkungen "illegal" und drohte mit Gegenmaßnahmen.
Litauen hatte Mitte Juni den Bahntransit einiger Waren über sein Territorium in das Gebiet um Kaliningrad - ehemals Königsberg - verboten, die auf westlichen Sanktionslisten stehen. Moskau nannte die Beschränkungen "illegal" und drohte mit Gegenmaßnahmen.  © Uncredited/AP/dpa

17.53 Uhr: EU-Kommission schlägt Eine-Milliarde-Kredit für Ukraine vor

Zur Deckung laufender Kosten hat die EU-Kommission die Auszahlung eines Kredits in Höhe von einer Milliarde Euro an die kriegsgeplagte Ukraine vorgeschlagen.

Die Makrofinanzhilfe solle dabei helfen, den unmittelbaren Finanzbedarf infolge des russischen Kriegs gegen das Land zu bewältigen, teilte die Brüsseler Behörde am Freitag mit. Das Geld könnte etwa in Rentenzahlungen und den Betrieb von Krankenhäusern fließen.

Der Vorschlag ist der erste Teil eines im Mai angekündigten Hilfspakets über neun Milliarden Euro bis Ende des Jahres. Vor der Auszahlung müssen die EU-Staaten und das Europaparlament noch zustimmen. Der EU-Gipfel Mai hatte sich bereits grundsätzlich für das Neun-Milliarden-Paket ausgesprochen.

Nach Angaben der EU-Kommission wird die erste Milliarde als langfristiger Kredit zu günstigen Konditionen vergeben. Als Zeichen der Solidarität würden die Kosten für Zinsen aus dem EU-Haushalt getragen.

Titelfoto: Uncredited/Maxar Technologies/dpa

Mehr zum Thema Ukraine: