Ukraine-Krieg, Tag 88: Russland intensiviert Luftangriffe im Osten und Norden

Ukraine - Der russische Angriffskrieg in der Ukraine dauert auch nach 88 Tagen weiter an. Alle aktuellen Entwicklungen des Krieges gibt es im TAG24-Liveticker.

Ein völlig zerstörtes Straßenbahn-Depot in Mariupol veranschaulicht auf erdrückende Weise die Folgen des Krieges in der Ukraine.
Ein völlig zerstörtes Straßenbahn-Depot in Mariupol veranschaulicht auf erdrückende Weise die Folgen des Krieges in der Ukraine.  © Alexei Alexandrov/AP/dpa

Das ukrainische Militär berichtete in der Nacht zum Sonntag von andauernden Kämpfen in den Gebieten Donezk und Luhansk im Osten des Landes. Dort seien am Samstag neun Angriffe russischer Truppen erfolgreich abgewehrt worden.

Im Laufe des Tages seien fünf Panzer, vier Artilleriesysteme und eine Drohne zerstört worden, teilte die ukrainische Armee mit. Russland setzt laut dem Lagebericht entlang der gesamten Front Kampfflugzeuge, Raketenwerfer und Panzer ein.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (44) pocht auf weitere Strafmaßnahmen des Westens gegen Russland. Das sechste Sanktionspaket der europäischen Staaten müsse beschleunigt werden, sagte das Staatsoberhaupt in einer Videobotschaft, die in der Nacht zum Sonntag veröffentlicht wurde.

Wohnungen für Ukraine-Flüchtlinge fehlen: Thüringen will Geld vom Bund
Ukraine Wohnungen für Ukraine-Flüchtlinge fehlen: Thüringen will Geld vom Bund

Bundeskanzler Olaf Scholz (63, SPD) bricht am Sonntag zu seiner ersten Afrika-Reise seit seinem Amtsantritt vor knapp einem halben Jahr auf. Er will dabei auch über die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf den Kontinent sprechen. Afrika ist unter anderem von den im Zuge des Kriegs drastisch steigenden Getreidepreisen betroffen, die eine Ernährungskrise ausgelöst haben.

Die Geschehnisse des gestrigen Tages könnt Ihr noch einmal im Ticker vom Samstag nachlesen. Alle Ereignisse des heutigen Samstags findet Ihr in diesem Artikel.

22.50 Uhr: Ukraine meldet acht Tote durch russische Angriffe

Mindestens acht Menschen sind nach ukrainischen Angaben am Sonntag durch russischen Beschuss getötet worden.

Im ostukrainischen Gebiet Donezk wurden nach Angaben des ukrainischen Militärs mindestens sieben Menschen getötet und acht verletzt. Bei einem Raketenangriff auf Malyn nordwestlich von Kiew wurde nach Angaben der Agentur Unian ebenfalls mindestens ein Mensch getötet.

Das ukrainische Militär meldete zudem am Sonntag elf abgewehrte Angriffe russischer Truppen im Osten der Ukraine. Im Lauf der Woche seien mehr als 200 russische Militärfahrzeuge zerstört worden sowie 3 Flugzeuge.

20.43 Uhr: Russland weiter bereit für Verhandlungen mit Ukraine

Russland ist nach Angaben eines Beraters von Kremlchef Wladimir Putin (69) bereit, die Gespräche mit Kiew wieder aufzunehmen.

Er sehe jedoch die Ukraine in Zugzwang, sagte Wladimir Medinski (51) am Sonntagabend der Agentur Interfax zufolge im belarussischen Staatsfernsehen. Medinski, der zuvor die Verhandlungen für die russische Seite geleitet hatte, schloss auch ein Treffen zwischen Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj (44) nicht aus.

Doch dafür werde eine "ernsthafte Vorbereitung" benötigt, wie etwa ausgearbeitete Dokumente, die die Präsidenten dann unterschreiben könnten. Von ukrainischer Seite gab es zunächst keine Reaktion auf die Aussagen.

Laut Berater Wladimir Medinski (51) ist Russland bereit, die Gespräche mit der Ukraine wieder aufzunehmen.
Laut Berater Wladimir Medinski (51) ist Russland bereit, die Gespräche mit der Ukraine wieder aufzunehmen.  © MAXIM GUCHEK / BELTA / AFP

20.40 Uhr: Russland will rund 50 neue Interkontinentalraketen in Dienst nehmen

Russland will bis zum Ende des Herbstes etwa 50 neue Interkontinentalraketen vom Typ Sarmat in den Dienst nehmen.

Die Raketen (Nato-Codename: SS-X-30 Satan 2) sollen im sibirischen Krasnojarsk hergestellt werden, wie der Chef der Raumfahrtbehörde Roskosmos, Dmitri Rogosin, der Agentur Interfax zufolge am Sonntagabend mitteilte.

18.18 Uhr: Ersatzdokumente sollen Ukrainern den Übergang erleichtern

Eine neue Regelung in den Jobcentern soll ukrainischen Flüchtlingen den Zugang zu Hartz-IV-Leistungen erleichtern.

Wie das Bundesarbeitsministerium am Sonntag auf dpa-Anfrage mitteilte, dürfen Jobcenter von Juni bis Ende Oktober neben formellen "Fiktionsbescheinigungen" auch Ersatzbescheinigungen als Nachweise aus Ausländerbehörden anerkennen. Das geht aus einer Weisung der Bundesagentur für Arbeit hervor.

Die Nachweise werden von den Ausländerbehörden ausgestellt. Dies ist Voraussetzung dafür, dass Flüchtlinge aus der Ukraine Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch beziehen können. Zudem müssen sie im Ausländerzentralregister erfasst sein. Der Bundesrat hatte am Freitag ein Gesetz beschlossen, wonach Ukraine-Flüchtlinge einen Anspruch auf Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II und XII bekommen. Bislang erhalten sie weniger Geld nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

16.50 Uhr: Russische Armee intensiviert Luftangriffe im Osten und Norden der Ukraine

Ungeachtet des Drängens von Präsident Wolodymyr Selenskyj (44) auf neue Verhandlungen zur Beendigung des Ukraine-Kriegs gehen die Kämpfe nicht nur im Osten des Landes mit aller Härte weiter.

Die russische Armee setze "ihre Raketen- und Luftangriffe auf das gesamte Territorium" fort und habe "die Intensität erhöht", erklärte der Generalstab der ukrainischen Armee.

Die Behörden meldeten Luftangriffe durch russische Streitkräfte in Charkiw im Norden sowie Mykolajiw und Saporischschja im Süden. Moskau setze zunehmend die Luftwaffe ein, "um wichtige Infrastrukturen zu zerstören", erklärte der ukrainische Generalstab.

Auch in der Großstadt Charkiw meldeten die ukrainischen Behörden weitere Luftangriffe.
Auch in der Großstadt Charkiw meldeten die ukrainischen Behörden weitere Luftangriffe.  © SERGEY BOBOK / AFP

14.03 Uhr: Ukraine verlängert Kriegsrecht um 90 Tage

Die Ukraine hat das seit Ende Februar geltende Kriegsrecht um weitere 90 Tage verlängert.

Das Parlament in Kiew stimmte angesichts des russischen Angriffskriegs auch für eine Verlängerung der Generalmobilmachung bis zum 23. August, wie mehrere Abgeordnete am Sonntag im Nachrichtendienst Telegram schrieben. Einen Tag später, am 24. August, feiert die Ukraine traditionell ihren Unabhängigkeitstag.

Das Kriegsrecht gibt dem Militär erweiterte Rechte und schränkt bürgerliche Freiheiten wie das Demonstrationsrecht ein.

12.47 Uhr: "Scheiß-Krieg!" Russische Konzertbesucher sorgen für Aufsehen

Mit Anti-Kriegs-Sprechchören haben Besucher eines Konzerts in Russland für Aufsehen gesorgt.

In sozialen Netzwerken veröffentlichten viele Nutzer am Wochenende ein kurzes Video, auf dem zu sehen ist, wie Hunderte Menschen vor einer Bühne immer wieder "Scheiß-Krieg, Scheiß-Krieg" rufen. Angaben unabhängiger Medien und bekannter Oppositioneller zufolge entstand die Aufnahme bei einem Auftritt der russischen Rockgruppe Kiss-Kiss am vergangenen Freitag in der Ostsee-Metropole St. Petersburg.

Die Band, die sich in der Vergangenheit bereits gegen Russlands Krieg in der Ukraine positioniert hatte, äußerte sich zunächst nicht.

12.08 Uhr: Polens Präsident bekommt viel Applaus bei Rede im Parlament in Kiew

Als erster ausländischer Staatschef seit dem Beginn des russischen Einmarsches hat der polnische Präsident Andrzej Duda eine Rede im ukrainischen Parlament gehalten.

Niemand könne die polnisch-ukrainische Einheit stören, sagte Duda in seiner Ansprache, die der ukrainische Abgeordnete Olexij Hontscharenko am Sonntag live auf Facebook veröffentlichte. Immer wieder erhoben sich die Parlamentarier, um dem Gast aus Polen zu applaudieren. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj war anwesend.

Dudas Solidaritätsbesuch war überraschend am Sonntagmorgen bekannt geworden.

Polens Präsident Andrzej Duda (50) hat vor dem ukrainischen Parlament gesprochen. Es gab Standing-Ovations.
Polens Präsident Andrzej Duda (50) hat vor dem ukrainischen Parlament gesprochen. Es gab Standing-Ovations.  © Wojtek Radwanski / AFP

11.42 Uhr: Ukraine meldet schwere Kämpfe um Sjewjerodonezk im Luhansker Gebiet

In der Ostukraine gibt es weiter schwere Kämpfe um die Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk im Luhansker Gebiet.

Positionen ukrainischer Truppen würden in dem Bereich entlang der gesamten Frontlinie mit russischer Artillerie beschossen, teilte der Generalstab in Kiew am Sonntag mit. Russische Truppen versuchten demnach erfolglos, Ortschaften nördlich, östlich und südlich von Sjewjerodonezk zu stürmen. Ebenso hart werde um Dörfer südlich der Trasse von Lyssytschansk nach Bachmut im Donezker Gebiet gekämpft.

Mit Artillerie versuchen die russischen Streitkräfte die ukrainischen Verteidiger mürbe zu schießen. Hier eine Einheit der selbst ernannten "Donezker Volksrepublik".
Mit Artillerie versuchen die russischen Streitkräfte die ukrainischen Verteidiger mürbe zu schießen. Hier eine Einheit der selbst ernannten "Donezker Volksrepublik".  © Alexei Alexandrov/AP/dpa

7.14 Uhr: Polens Präsident Andrzej Duda hält Rede im Parlament in Kiew

Polens Präsident Andrzej Duda (50) ist zur Unterstützung der durch Russlands Krieg gezeichneten Ukraine erneut zu einem Besuch in der Hauptstadt Kiew eingetroffen.

Er werde am Sonntag als erstes Staatsoberhaupt seit Kriegsbeginn vor drei Monaten eine Rede in der Rada, dem ukrainischen Parlament, halten, teilte die polnische Präsidialverwaltung in Warschau mit. Duda setzt sich dafür ein, dass die Ukraine möglichst rasch einen EU-Kandidatenstatus erhält.

Das polnische Staatsoberhaupt hatte Kiew bereits nach Kriegsausbruch im April besucht und dort auch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj (44) getroffen. Nach seiner Rückkehr warf Duda Russland vor, in der Ukraine einen "totalen Krieg" zu führen.

Andrzej Duda (50), Präsident von Polen, fährt erneut in die Ukraine. Er setzt sich dafür ein, dass das Land möglichst rasch EU-Kandidatenstatus erhält.
Andrzej Duda (50), Präsident von Polen, fährt erneut in die Ukraine. Er setzt sich dafür ein, dass das Land möglichst rasch EU-Kandidatenstatus erhält.  © Jaroslav Nov·k/TASR/dpa

0.47 Uhr: Wolodymyr Selenskyj fordert weitere Sanktionen gegen Russland

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (44) hat weitere Sanktionen gegen Russland gefordert.

Darüber habe er auch mit Italiens Regierungschef Mario Draghi (74) gesprochen, sagte das Staatsoberhaupt in einer in der Nacht zum Sonntag veröffentlichten Videobotschaft. Viele westliche Staaten haben bereits beispiellose Strafmaßnahmen gegen Russland verhängt.

In einer Videoansprache hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (44) weitere Sanktionen gegen Russland gefordert.
In einer Videoansprache hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (44) weitere Sanktionen gegen Russland gefordert.  © Uncredited/Pressebüro des ukrainischen Präsidenten via AP/dpa

0.26 Uhr: Reichen 100 Milliarden Euro für Bundeswehr nicht?

Der ehemalige militärpolitische Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Erich Vad, hält das angekündigte Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr für nicht ausreichend.

Er sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Die vielfach zu hörende Meinung, mit der Beschlussfassung über das Bundeswehr-Sondervermögen von 100 Milliarden Euro habe die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie für die nächsten Jahre "ausgesorgt", greift zu kurz, denn im Gegenzug ist die Industrie als Partner der Bundeswehr in hohem Maße gefordert."

Er erklärte, von der Industrie werde erwartet, dass sie ihre Kapazitäten in den verschiedensten Bereichen schnellstmöglich erhöhe, die vorausgesetzte Qualität liefere und die Bundeswehr jederzeit bestmöglich bediene.

"Dies wird nur möglich sein, wenn ein entsprechend hohes Niveau der Verteidigungsausgaben in Höhe von zwei Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts auch nach dem Auslaufen des Sondervermögens von 100 Milliarden Euro gewahrt und die Industrie nicht anschließend mit den aufgebauten Kapazitäten allein bleibt", sagte Vad.

Titelfoto: SERGEY BOBOK / AFP

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