Wasserverschmutzung kaum noch zu bewältigen: So verseucht sind Sachsens Bäche!

Leipzig - Friedlich plätschern Sachsens Bäche dahin, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Doch wer genau hinschaut, wird vielerorts nur noch wenig Artenreichtum darin entdecken. Pestizide haben vor allem empfindliche Insektenarten ausgelöscht. Ein Monitoringprogramm unter der Leitung des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) deckte nun das ganze Ausmaß auf.

Prof. Dr. Matthias Liess (61), Leiter des UFZ-Departments System-Ökotoxikologie in Leipzig, koordinierte das bundesweite Gewässermonitoring.
Prof. Dr. Matthias Liess (61), Leiter des UFZ-Departments System-Ökotoxikologie in Leipzig, koordinierte das bundesweite Gewässermonitoring.  © André Künzelmann/UFZ

An 101 Messstellen in zwölf Bundesländern wurden an Bächen im Tiefland zwei Jahre lang über 1000 Wasser- und mehr als 500 biologische Proben genommen und untersucht. Darunter waren auch sieben Kleingewässer in Sachsen, unter anderem die Parthe, Leine, Launzige und Luppa.

"Wir haben bundesweit eine deutlich höhere Pestizidbelastung in den Kleingewässern nachgewiesen, als wir das ursprünglich erwartet haben", erklärt Prof. Dr. Matthias Liess (61), Leiter des UFZ-Departments System-Ökotoxikologie in Leipzig.

"Zwischen den Bundesländern konnten wir keinen Unterschied feststellen."Richtwert der Untersuchungen waren die sogenannten regulatorisch akzeptierten Konzentrationen, kurz RAK-Werte. Dabei handelt es sich um behördlich festgelegte Grenzwerte, in welcher Konzentration ein Wirkstoff im Gewässer auftreten darf.

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Das Insektizid Thiacloprid zum Beispiel überschritt diese in einigen Gewässern um mehr als das 100-fache. Auch andere Insektizide wie Clothianidin, Methiocarb und Fipronil sowie Herbizide wie Terbuthylazin, Nicosulfuron und Lenacil fielen mit 10- bis 100-facher Konzentration des Erlaubten in 27 Gewässern auf.

Weniger Libellen, mehr Schnecken: Artenvielfalt gibt Auskunft über Wasserinhalte

Wissenschaftler des UFZ haben auch Wasserproben an sieben sächsischen Messstellen entnommen, hier an der Launzige bei Neichen (Landkreis Leipzig).
Wissenschaftler des UFZ haben auch Wasserproben an sieben sächsischen Messstellen entnommen, hier an der Launzige bei Neichen (Landkreis Leipzig).  © André Künzelmann/UFZ

Insgesamt waren bei 81 Prozent der untersuchten Gewässer die gemessenen Konzentrationen höher als die RAK-Werte. In 18 Prozent der Bäche konnten sogar für mehr als zehn Pestizide Überschreitungen nachgewiesen werden.

"Dabei handelt es sich um typische, durchschnittliche Bäche in der Agrarlandschaft. Es waren sogar Gewässer dabei, die nur zu 20 Prozent im Einzugsgebiet von Landwirtschaft liegen", schildert Matthias Liess und ist sich sicher, dass solche Werte auch bei nicht untersuchten Bächen gefunden werden würden.

Und sei dies nicht dramatisch genug, hat sich durch das Monitoring auch gezeigt, dass die RAK-Werte teilweise zu hoch angesetzt sind. "Wir haben einige Gewässer dabei, wo die RAK-Werte eingehalten wurden. Trotzdem war die aquatische Gemeinschaft geschädigt", erklärt der Wissenschaftler.

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Das zeige sich daran, dass empfindliche Arten wie zum Beispiel Libellen oder Köcherfliegen nicht mehr vorkommen, dafür unempfindliche Arten wie Schnecken, Würmer und dergleichen umso mehr. Um die empfindlichen Insekten zu schützen, müssten die Grenzwerte sehr viel niedriger ausfallen. "Die Werte sind deshalb falsch, weil sie nie am Gewässer überprüft worden sind", sagt der Forscher. "Die Behörden haben Modelle und Laboruntersuchungen, die ein guter Anfang sind, aber nicht die Anforderungen an die Tiere in der Realität berücksichtigen. Sie haben viele Stressoren, müssen vor Räubern flüchten und sich mit anderen Tieren um die Nahrung schlagen", beschreibt Matthias Liess.

"Wir haben alle potenziellen Probleme für die Tiere mit untersucht und konnten dadurch erstmals die Umweltprobleme ranken."

Fehlen an Gewässern empfindliche Insektenarten wie Libellen, könnte das Ökosystem bereits gestört sein.
Fehlen an Gewässern empfindliche Insektenarten wie Libellen, könnte das Ökosystem bereits gestört sein.  © imago images/blickwinkel

Experten: Landwirte sollen weniger Pestizide verwenden

Mehr Schein als Sein: Wenn Bäche eine naturnahe Gewässerstruktur haben, müssen sie nicht automatisch gesund sein.
Mehr Schein als Sein: Wenn Bäche eine naturnahe Gewässerstruktur haben, müssen sie nicht automatisch gesund sein.  © imago images/Chromorange

So sei der Eintrag von Pestiziden oder Herbiziden das Tüpfelchen auf dem i, wenn es ums Überleben geht. Probleme wie Gewässerausbau, Sauerstoffmangel oder ein zu hoher Nährstoffgehalt durch Düngung würden hingegen für die empfindlichen Arten eine untergeordnetere Rolle spielen.

Auch die Art der Probenentnahme habe einen entscheidenden Unterschied gemacht. "Die Umweltämter testen ja auch. Aber ein Monitoring allein reicht nicht aus. Man muss auch ein richtiges Monitoring machen", sagt der Experte.

So wurden nicht nur, wie von der EU-Wasserrahmenrichtlinie vorgegeben, eine Schöpfprobe genommen, sondern auch eine Ereignisprobe. Diese wird von einem automatisch gesteuerten Probenehmer nach einem Niederschlagsereignis entnommen. Liess: "Die Ereignisprobe liefert wesentlich realistischere Ergebnisse, da die Pestizide insbesondere bei Niederschlägen [...] in die Gewässer eingetragen werden."

Damit unsere Gewässer sauberer werden, müssten die Landwirte weniger Pestizide verwenden und Randstreifen zu den Gewässern unbewirtschaftet lassen, fordert der Akademiker. "Wie breit diese sein müssen, untersuchen wir gerade. Aber zehn bis 20 Meter sind wahrscheinlich eine gute Größe."

Titelfoto: imago images/Chromorange

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