Hochwasser-Drama in Rheinland-Pfalz: 2,5 Millionen Soforthilfe für Flutopfer

Bad Neuenahr-Ahrweiler - Rund eineinhalb Wochen nach der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz sorgt die Wetterlage bei den Menschen in dem betroffenen Gebiet erneut für Anspannung.

Ein Baukran arbeitet bei Aufräumarbeiten in Bad Neuenahr nach der verheerenden Flut.
Ein Baukran arbeitet bei Aufräumarbeiten in Bad Neuenahr nach der verheerenden Flut.  © dpa/Thomas Frey

Wie die Leiterin des Katastrophenschutzstabs, Begona Hermann, am Samstag mitteilte, rechnete der Deutsche Wetterdienst mit örtlichen Niederschlägen im Bereich von maximal 30 bis 40 Litern pro Quadratmeter. Ab Sonntagmorgen gegen 6 Uhr könne sich die Wetterlage noch verschärfen.

Die Zahl der Toten lag wie am Vortag bei 132, die der Verletzten bei 766. Das sagte ein Polizeisprecher am Samstag in Koblenz. Weiterhin würden noch 149 Menschen vermisst.

Den besonders betroffenen Kommunen sei angesichts des Regens ein Evakuierungsangebot gemacht worden, sagte Hermann. In den gefährdeten Gebieten Schuld, Insul, Dümpelfeld und Bad Neuenahr sollen die Menschen demnach mit Shuttle-Bussen zu einer Notunterkunft in Leimersdorf gebracht werden können.

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Zu einem Problem werden inzwischen auch die Massen an freiwilligen Helfern. Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) forderte sie am Samstag auf, das Krisengebiet Ahr wegen der schwierigen Umstände dort möglichst schnell zu verlassen.

Als Grund nannte die ADD die starken Niederschläge an diesem Wochenende, die zerstörte Infrastruktur und die unübersichtliche Verkehrssituation.

Hochwasser in Rheinland-Pfalz: Bislang 132 Tote, 149 weitere Menschen noch vermisst

Reste der Brücke, die die Ahr auf Höhe des Kurhauses in Bad Neuenahr überquerte, liegen in der Ahr.
Reste der Brücke, die die Ahr auf Höhe des Kurhauses in Bad Neuenahr überquerte, liegen in der Ahr.  © dpa/Thomas Frey

Den Angaben nach werden Shuttle-Busse eingesetzt, die die Helfer zurückbringen. Wer geplant hatte, als freiwilliger Helfer dorthin zu fahren, sollte dies nicht tun.

Das Polizeipräsidium Koblenz appellierte an Helferinnen und Helfer, sich nicht mehr auf den Weg in das Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz zu machen. "Die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung ist weiterhin überwältigend und ungebrochen", hieß es.

Durch die Vielzahl an Menschen, "die sich heute in das Katastrophengebiet aufgemacht haben um zu helfen, kommt es aktuell leider zu einer völligen Überlastung sämtlicher Zufahrtsstraßen zum Ahrtal, sowie der Straßen im Katastrophengebiet selbst", hieß es in einer Mitteilung vom Samstag.

Update, 25. Juli, 18 Uhr: Befreiung von Rundfunkbeitrag für Flutopfer

Flutopfer können unter bestimmten Voraussetzungen ab sofort von ihren Rundfunkgebühren befreit werden. ARD, ZDF und Deutschlandradio hätten sich auf unbürokratische Entlastungen geeinigt, teilte die Verwaltungsgemeinschaft am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf mit. Gebührenzahlende, deren beitragspflichtige Wohnungen, Betriebsstätten oder Kraftfahrzeuge aufgrund von Hochwasserschäden nicht mehr nutzbar seien, könnten beim Beitragsservice eine Abmeldung ihres Kontos beantragen.

Konkret gelten demnach folgende Regeln: Sind eine Wohnung, eine Betriebsstätte oder ein Auto nur vorübergehend nicht nutzbar, besteht für diesen Zeitraum die Möglichkeit einer befristeten Abmeldung des entsprechenden Beitragskontos. Dafür reiche ein Anruf aus.

Wurden die Wohnung, Betriebsstätte oder das Fahrzeug vollständig zerstört und sind nicht mehr zu gebrauchen, endet die Beitragspflicht, und das Konto kann umgehend abgemeldet werden. Dazu reiche eine kurze schriftliche Mitteilung an den Beitragsservice, teilte die Kommunikationsabteilung mit.

Eine dauerhafte Abmeldung sei ohne Nachweise möglich. Allerdings prüfe der Beitragsservice in beiden Fällen auf Basis offizieller behördlicher Informationen, ob es sich bei dem Konto tatsächlich um eine potenziell betroffene Adresse handele.

Eine Abmeldung ist den Angaben zufolge bis zu sechs Monate rückwirkend zum 1. Juli 2021 möglich. Betroffene Beitragszahler hätten also bis Jahresende Zeit. Eventuell zu viel gezahlte Beiträge sollen erstattet werden. Darüber hinaus seien Vereinbarungen über einen Zahlungsaufschub möglich. Weitere Informationen sowie die notwendigen Online-Formulare sollten in Kürze im Internet veröffentlicht werden unter rundfunkbeitrag.de

Update, 25. Juli, 17.54 Uhr: Landkreis zahlt 2,5 Millionen Euro Soforthilfe an Flutopfer aus

Das Geld dient für die Betroffenen für lebensnotwendige Besorgungen (Symbolfoto)
Das Geld dient für die Betroffenen für lebensnotwendige Besorgungen (Symbolfoto)  © Boris Roessler/dpa

Mehr als zwölf Millionen Euro für die Opfer der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz sind bislang auf dem Spendenkonto der Verwaltung des Landkreises Ahrweiler eingegangen.

Durch die große Spendenbereitschaft der Bevölkerung habe man bereits in den ersten Tagen rund 2,5 Millionen Euro direkt auszahlen können, erklärte Landrat Jürgen Pföhler (CDU) am Sonntag in Bad Neuenahr-Ahrweiler:

"Diese erste Soforthilfe des Kreises dient dazu, den durch das Hochwasser betroffenen Bürgerinnen und Bürgern kurzfristig Geld für lebensnotwendige Besorgungen zur Verfügung zu stellen."

Pro Haushalt würden zwischen 1000 und 2000 Euro bereitgestellt.

Update, 25. Juli, 16.31 Uhr: Innenminister will Überprüfung des Katastrophenschutzes nach Flut

Nach der verheerenden Flutkatastrophe an der Ahr will der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) den Katastrophenschutz grundlegend überprüfen lassen. "Das Ganze kommt auf den Prüfstand", sagte er der Rhein-Zeitung in Koblenz (Montagsausgabe).

Dies reiche von Warn- und Alarmierungssystemen bis hin zur technischen Ausstattung mit sicheren Funksystemen etwa für den Fall, dass - wie an der Ahr geschehen - Erdkabel von Fluten weggerissen wurden. Außerdem soll es möglichst ein länderübergreifendes Katastrophenschutzzentrum unter permanenter Beteiligung der Länder geben.

Update, 25. Juli, 16.27 Uhr: Zahl der Todesopfer und Vermissten im Kreis Ahrweiler konstant

Die Zahl der Todesopfer durch die Flut in Rheinland-Pfalz ist am Sonntag konstant geblieben. Sie liege weiterhin bei 132, sagte Florian Stadtfeld vom Polizeipräsidium Koblenz bei einer Pressekonferenz in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Etwas über die Hälfte der Flutopfer sei identifiziert. Auch die Zahl der Verletzten (766) und Vermissten (149) blieb konstant.

Man verfolge einen neuen vielversprechenden Ermittlungsansatz bei den Vermissten, sagte Stadtfeld: «Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir in kürzester Zeit diese Anzahl der vermissten Personen nach unten korrigieren können.» Details wollte er nicht nennen.

Gleichzeitig kündigte die Polizei an, bei Übergriffen gegen Helfer einzuschreiten: "Wir schützen alle Helferinnen und Helfer und werden nicht tolerieren, dass diese angegriffen oder angefeindet werden." Das Technische Hilfswerk (THW) hatte von Fällen berichtet, in denen Helfenden beschimpft und ihre Fahrzeuge mit Müll beworfen worden waren. Mittlerweile lägen der Polizei dazu auch Informationen vor, denen man nachgehe.

Nach dem ausgebliebenen Starkregen in der Nacht zu Sonntag schauen die Retter optimistisch aufs Wetter: "Es kommt zu einer Verbesserung der Wetterlage, die sich in nächsten Tagen fortsetzt", sagte Einsatzleiter Heinz Wolschendorf von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Rheinland-Pfalz (ADD).

Die Leiterin des Katastrophenschutzstabs, Begoña Hermann, erläuterte, warum freiwillige Helfer mit eigenem Auto noch bis einschließlich Montag nicht ins Krisengebiet dürfen: Der Abtransport von Schutt und Müll habe weiter Priorität, nachdem es am Samstag ein Verkehrschaos gegeben habe. "Jeder Helfer ist nicht nur erwünscht, sondern wird auch dringend gebraucht." Doch man müssen den Verkehr steuern, um Behinderungen zu vermeiden. Helfer sollten die Shuttlebusse einer privaten Initiaive für die Anfahrt nutzen.

Update, 25. Juli, 14:47 Uhr: Freie Fahrt für Müllautos an der Ahr

Im Hochwasser-Katastrophengebiet an der Ahr wird seit Sonntag im großen Stil Unrat abtransportiert. Unterstützt von Landwirten sollten Entsorgungsfirmen in einer konzertierten Aktion Müll auf Deponien bringen, wie die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) mitteilte. Sie untersagte Individualverkehr weitestgehend, damit die Müllfahrzeuge freie Fahrt haben.

Der Abtransport soll auch über die A61 laufen. Dort müssten Autofahrer mit Verkehrsbeeinträchtigungen rechnen. Die Müllentsorgung soll nach Angaben der Polizei Koblenz der Gefahr von Krankheiten vorbeugen und die weiteren Aufräumarbeiten erleichtern.

Freiwillige Helfer dürfen inzwischen zurück in das Krisengebiet. Ein vorübergehend eingestellter Shuttleservice verkehrt der ADD zufolge wieder regelmäßig. Privatautos müssten Helfer auf einem Parkplatz in Grafschaft (Landkreis Ahrweiler) abstellen. Am Samstag waren die Freiwilligen zunächst aufgefordert worden, wegen drohender starker Regenfälle und der unübersichtlichen Verkehrslage die Region um Bad Neuenahr-Ahrweiler zu verlassen.

Titelfoto: dpa/Thomas Frey

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