Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz: Zahl der Todesopfer steigt auf 60

Koblenz - Die Aufräum- und Bergungsarbeiten nach der Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz gehen am Freitag weiter. Noch werden viele Menschen vermisst, nachdem stundenlanger Starkregen aus kleinen Flüssen reißende Wassermassen gemacht hatte. Besonders betroffen waren Regionen im Kreis Ahrweiler sowie in Trier und Umgebung.

Der Ort Kordel in Rheinland-Pfalz wurde vom Hochwasser der Kyll überflutet.
Der Ort Kordel in Rheinland-Pfalz wurde vom Hochwasser der Kyll überflutet.  © Sebastian Schmitt/dpa

Innenminister Roger Lewentz (58, SPD) ging zuletzt von knapp 30 Toten durch die Naturkatastrophe aus. Auch mögliche weitere Opfer seien angesichts der großen Zahl von rund 40 bis 60 weiterhin vermissten Menschen zu befürchten, sagte er am Donnerstagabend im SWR-Fernsehen.

Die Kreisverwaltung von Ahrweiler nannte noch deutlich höhere Vermisstenzahlen: Im Kreis würden 1300 Menschen vermisst. Eine Sprecherin erklärte, das Mobilfunknetz sei lahmgelegt – und daher gebe es keinen Handy-Empfang und viele Menschen seien nicht erreichbar. "Wir hoffen, dass sich das klärt", sagte sie zu der hohen Zahl. Zugleich teilte der Kreis mit, dass es weitere Todesopfer gebe. Zahlen wollte die Sprecherin dazu noch nicht nennen.

Die Polizei in Koblenz warnte davor, in die von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Regionen zu fahren. "Bitte fahrt nicht in das Katastrophengebiet, um selbst nach Angehörigen zu suchen oder Hab und Gut zu sichern", teilte sie am späten Donnerstagabend per Twitter mit. "Ihr bringt Euch sonst selbst in Gefahr und behindert ggf. die Rettungsmaßnahmen!"

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Angehörige, die jemanden vermissen, können sich unter der Nummer 08006565651 melden.

Update, 16. Juli, 17.04 Uhr: Konkrete Warnungen bei Gewittern sind sehr schwierig

"Lokal Unwettergefahr" - so heißt es oft in Wettervorhersagen. Doch die dynamische Struktur von Gewitterzellen erschweren Meteorologen präzise Warnungen vor schweren Unwettern.

"Da Gewitter mit Starkregen meistens sehr lokal auftreten, kann man - mit Glück - erst kurz vorher sagen, wo das sein wird", sagte Franz-Josef Molé, der Leiter der Vorhersage- und Beratungszentrale des Deutschen Wetterdienstes (DWD).

"So ein Gewitter entsteht innerhalb einer halben Stunde."

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Update, 16. Juli, 16.19 Uhr: Spendenkonto für Rheinland-Pfalz eingerichtet

Angesichts der enormen Hochwasserschäden hat die Landesregierung in Rheinland-Pfalz ein Spendenkonto für Betroffene eingerichtet.

"Aktuell erreichen uns zahlreiche Anfragen, wie die von der Unwetter-Katastrophe in Rheinland-Pfalz betroffenen Menschen unterstützt werden können. Das zeigt, dass die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung wirklich groß ist", teilten Landesinnenmister Roger Lewentz und Landesfinanzministerin Doris Ahnen (beide SPD) am Freitag mit.

Das Konto ausschließlich für die in Rheinland-Pfalz Betroffenen wurde vom Landesinnenministerium bei der Sparkasse Mainz eingerichtet. Gespendet werden kann unter dem Kennwort "Katastrophenhilfe Hochwasser".

Update, 16. Juli, 15.34 Uhr: Mindestens 362 Verletzte bei im Kreis Ahrweiler

Bei der Unwetterkatastrophe im Kreis Ahrweiler sind mindestens 362 Menschen verletzt worden. Diese Zahl könne sich aber noch weiter erhöhen, teilte die Polizei in Koblenz am Freitag mit.

Dies gelte auch für die Toten, die das Innenministerium zuletzt mit 63 angegeben hatte.

Infolge des Unwetters sind weiterhin die Bundesstraße 257 ab Hönningen bis Ahrbrück sowie mehrere Land- und Kreisstraßen nicht befahrbar. Die Polizei ruft die Bevölkerung auf, die vom Hochwasser betroffenen Ortschaften nicht aufzusuchen, sondern weiträumig zu umfahren, damit Platz für die Rettungskräfte ist.

In allen Ortschaften seien Tag und Nacht Polizeikräfte für die Menschen präsent und ansprechbar.

"Das große Maß an Solidarität und die vielen Hilfsangebote aus der Bevölkerung beeindrucken uns sehr und zeigen die bundesweite Betroffenheit", heißt es in der Mitteilung.

Update, 16. Juli, 15.26 Uhr: Lage im Kreis Ahrweiler laut Gasversorger dramatisch

Der Versorger Energienetze Mittelrhein hat die Situation nach der Hochwasserkatastrophe im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz als dramatisch bezeichnet.

"Die Gasleitung ist komplett gerissen. Wirklich zerstört", sagte Unternehmenssprecher Marcelo Peerenboom am Freitag in Koblenz. Mehrere Kilometer Leitung müssten komplett neu gebaut werden.

"Das wird leider Wochen oder Monate dauern, bis dort wieder Gasversorgung ist. Das heißt für die Bürger: kaltes Wasser, und wenn die Heizperiode kommt, auch kalte Wohnung."

Das Unternehmen denke darüber nach, wie den Menschen geholfen werden könne. Derzeit komme der Versorger jedoch nicht einmal an alle Schadensstellen heran.

Zur Stromversorgung im Kreis Ahrweiler hatte das Unternehmen Westnetz von erheblichen Beschädigungen an den Verteilungsanlagen durch Starkregen und Überschwemmungen gesprochen. Zahlreiche Städte und Ortsgemeinden seien von Stromausfällen betroffen.

"Die Arbeiten und Erreichbarkeit der Stromanlagen werden zum Teil durch überflutete Straßen erschwert", hieß es in einer Mitteilung. Eine Aussage zur Wiederaufnahme der kompletten Versorgung sei vorerst nicht möglich.

Update, 16. Juli, 14.42 Uhr: Schulen in fünf Landkreisen an Ahr und Mosel geschlossen

Am letzten Schultag vor den Sommerferien in Rheinland-Pfalz waren zahlreiche Schulen in fünf Landkreisen wegen der Hochwasserkatastrophe geschlossen.

Damit war die Ausgabe der Jahreszeugnisse zunächst ebenso nicht möglich wie das gemeinsame Abschiednehmen von Schülerinnen und Schülern mit ihren Lehrkräften.

Im Landkreis Ahrweiler waren nach Angaben des Bildungsministeriums in Mainz am Freitag alle Schulen geschlossen.

Auch in den Kreisen Mayen-Koblenz, Cochem-Zell, Bitburg-Prüm und Trier-Saarburg konnten jeweils mehrere Schulen wegen Auswirkungen der Katastrophe keinen Unterricht ermöglichen.

Update, 16. Juli, 13.40 Uhr: Rheinland-Pfalz richtet Stabsstelle für Wiederaufbau ein

Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat nach der Flutkatastrophe eine Stabsstelle Wiederaufbau eingerichtet. "Die Schäden sind so dramatisch und gewaltig. Wir werden noch lange Zeit mit dem Wiederaufbau zu tun haben", sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Freitag in Mainz zur Begründung.

Die Federführung liege beim Innenministerium.

Update, 16. Juli, 13 Uhr: Bundeswehr schickt Panzergrenadiere nach Rheinland-Pfalz

Update, 16. Juli, 12.50 Uhr: Zahl der Todesopfer in Rheinland-Pfalz steigt auf 60

Die Zahl der Todesopfer bei der Hochwasserkatastrophe im nördlichen Rheinland-Pfalz ist auf 60 gestiegen.

Dies teilte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Freitag nach einer Sondersitzung des Kabinetts in Mainz mit.

Update, 16. Juli, 10.20 Uhr: "Die Lage ist weiterhin extrem angespannt"

Nach der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz ist nach Aussage von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) noch keine Entwarnung in Sicht. "Die Lage ist weiterhin extrem angespannt in unserem Bundesland. Das Leid nimmt auch gar kein Ende", sagte sie am Freitag beim Besuch der Leitstelle der Berufsfeuerwehr in Trier.

Die Zahl der Toten steige weiter. Vor gut einer Stunde habe die amtliche Zahl bei 52 gelegen. "Aber sie ist auch möglicherweise schon wieder gestiegen", sagte Dreyer.

Überall gehe jetzt das Wasser zurück, daher würden nun Menschen gefunden, die bei der Katastrophe ertrunken seien. "Und da könnte man eigentlich nur noch weinen. Das ist ein Horror. Das ist alles ganz, ganz schlimm, wenn Existenzen berührt sind. Wenn Häuser kaputt sind, wenn Straßen aussehen, wie wir das gesehen haben – aber dass Menschen sterben bei dieser Katastrophe, das ist wirklich ganz furchtbar", sagte Dreyer.

Wie viele Menschen noch vermisst seien, dazu gebe es derzeit "ganz unterschiedliche Zahlen". "Wir können die auch im Moment nicht wirklich verifizieren, weil wir natürlich wirklich hoffen und beten, dass viele davon einfach Menschen sind, die aufgrund der permanenten Störung des Mobilfunks, der Nichterreichbarkeit der Menschen, dass das einfach dadurch verursacht ist."

Die Einsatzkräfte hätten bei der Rettung von Menschen "Unglaubliches" geleistet, sagte Dreyer. Noch sei die Situation im Land vor Ort "dramatisch". Die Zerstörung sei "einfach immens". Und man müsse am heutigen Tag auch mit der Lage umgehen, dass Menschen jetzt ohne Hab und Gut dastehen.

Update, 16. Juli, 9.50 Uhr: Sechs eingestürzte Häuser in dem Dorf Schuld an der Ahr

Ein Polizist verschafft sich in dem Dorf Schuld im Kreis Ahrweiler nach den Überschwemmungen einen Überblick. Mindestens sechs Häuser wurden hier durch die Fluten zerstört.
Ein Polizist verschafft sich in dem Dorf Schuld im Kreis Ahrweiler nach den Überschwemmungen einen Überblick. Mindestens sechs Häuser wurden hier durch die Fluten zerstört.  © Christoph Reichwein/dpa

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (60, SPD) will sich am Freitagmorgen in Trier über die Situation in ihrer Heimatstadt informieren. Wegen des starken Hochwassers im Mosel-Nebenfluss Kyll waren in Trier und Umgebung am Donnerstag Tausende Menschen in Sicherheit gebracht worden, auch ein Krankenhaus musste evakuiert werden.

Die Rettungskräfte setzen die Suche nach Vermissten fort. Unterstützung bekommen sie dabei von der Bundeswehr, die inzwischen rund 900 Soldatinnen und Soldaten in die Katastrophengebiete in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz geschickt hat.

Im 700 Einwohner zählenden Eifeldorf Schuld an der Ahr waren sechs Häuser eingestürzt, etwa 40 Prozent der weiteren Wohngebäude in dem Ort wurden beschädigt. Erhebliche Schäden gab es auch in weiteren Regionen der Eifel sowie im Landkreis Trier-Saarburg.

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Die Schäden durch die Wassermassen sind immens. Das Land Rheinland-Pfalz stellte als kurzfristige Unterstützung 50 Millionen Euro bereit. Mit dem Geld sollen etwa Schäden an Straßen, Brücken und anderen Bauwerken behoben werden. In einigen Regionen kam es außerdem zu Stromausfällen, die Trinkwasserversorgung war eingeschränkt. Auch die Mobilfunknetze funktionierten nur noch teilweise.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) sicherte Betroffenen bei ihrem USA-Besuch Hilfe zu. "Wir werden sie in dieser schwierigen, schrecklichen Stunde nicht alleine lassen und werden auch helfen, wenn es um den Wiederaufbau geht", sagte Merkel am Donnerstag nach einem Treffen mit US-Präsident Joe Biden in Washington.

Titelfoto: Thomas Frey/dpa

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