Liebe Nicht-Eltern: Einfach mal die Klappe halten!

Dresden - Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, wird bald ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka.

Kinder außer Kontrolle? Nicht-Eltern wissen immer Rat.
Kinder außer Kontrolle? Nicht-Eltern wissen immer Rat.

Liebe Mitväter und Mütter, Ihr stoßt bei Euren Kindern an Grenzen, wisst nicht weiter, denkt über einen entlegenen Heimplatz am Ende der Welt oder wenigstens in Brandenburg nach? Kein Grund zum Verzweifeln.

Es gibt kompetente Hilfe: Fragt im Bekanntenkreis oder wahllos auf der Straße Menschen um Rat, die keine Kinder haben. Bockt der Nachwuchs im Supermarkt? Mäkelt am Essen? Pariert nicht aufs Wort? Kinderlose haben auf alles eine Antwort. Meist sogar ungefragt.

Jeder, der schon mal einem Minderjährigen unfallfrei über den Kopf gestreichelt hat, sieht sich als Erziehungsberater.

Morgensport für Eltern: Kinder anziehen
Vaterpolka Morgensport für Eltern: Kinder anziehen

Alltägliches Beispiel: Essen bei Freunden. „Bringt ruhig die Kinder mit. Wir haben damit gar kein Problem.“ Man hört, sie haben keine eigenen.

Wir, das ist heute die "kleine Besetzung" Leo, Bebo, die Mama und ich, werden von Valerie und Bernd überschwänglich begrüßt und für die Schönheit unserer Jungs gelobt. "Lasst sie ruhig toben. Kinder sind so erfrischend", lässt Bernd den künftigen Traumvater raushängen.

Was auf den Tisch kommt, wird gegessen. Oder nicht?
Was auf den Tisch kommt, wird gegessen. Oder nicht?

Mir fällt nicht ein, wann mich meine Kinder jemals außerhalb eines Planschbeckens "erfrischt" haben. Bernd und ich scheinen da unterschiedliche Definitionen zu haben.

Wie befohlen lassen wir die Jungs frei. Bebo begibt sich krabbelnd auf die Suche nach Gefahrgut, das er in den Mund nehmen oder ihn in Verletzungsgefahr bringen könnte. Leo bekommt seine Reisespielzeugbox.

Dann wird uns die Küche vorgestellt. Vom Feinsten. Allein der Kühlschrank (Multi-Airflow-System, Indoor Icemaker, Power Freeze-Funktion) hat mehr drauf als ein durchschnittlicher Hilfskoch. Was er nicht hat, ist eine Kindersicherung. Bebo öffnet ihn gerade und räumt das Gemüsefach aus. "Du bist ja ein ganz Aufgeweckter", kichert Valerie und sammelt hektisch Tomaten, Gurken, Limetten auf.

Dann erklärt sie dem Übeltäter auf die Schranktür tippend: "Nein. Nein. Das ist nur für die Großen. Nein. Nein." Mich anschauend sagt sie zu ihrem Mann: "Feste Regeln sind ganz wichtig. Von Anfang an." Bin ihr sehr dankbar, dass sie es mir abnimmt, dem Baby zu vermitteln, keine Schränke zu öffnen. Endlich tut das mal jemand. Auf diesen ihren Ansatz wäre ich nie gekommen.

Theoretisch nicht gern gesehen, praktisch ein großer Helfer: Smartphones in Kinderhänden.
Theoretisch nicht gern gesehen, praktisch ein großer Helfer: Smartphones in Kinderhänden.  © 123RF

Es gibt Lammkarree in Kräuterkruste mit Polentasticks. Davon wird Leo keinen Bissen essen, deshalb bitte ich, eine Extrawurst kochen zu dürfen. Nudeln oder Kartoffeln und kräuterkrustenfreies Fleisch. "Ihr achtet auf gesunde Ernährung und wollt den Kindern nicht so viel Salz und Gewürze zumuten", lobt uns Valerie. "Nein, es soll ihnen schmecken."

"Essen die denn nicht das, was auf den Tisch kommt?" Auf die Mutter aller "Gute-Alte-Erziehung"-Fragen reagiere ich längst abgebrüht: "Nein. Die letzte Hungersnot ist ja doch schon ein paar Jahre her. Und ihr stellt Euch doch auch nur das auf den Tisch, was ihr esst." Verständnislos lassen sie uns ein paar Kartoffeln und Hühnerfleisch kochen.

Leo ist inzwischen ein Rennauto, poltert lautstark durch die Bude und strapaziert unser aller Nerven. Zum Glück ist das Essen fertig. Bernd meint es gut und dekoriert auch die Kinderportion mit Kräutern. Ich kratze sie wieder runter, während mein Essen kalt wird.

Autofahrt mit Kindern: Papa and the Furious
Vaterpolka Autofahrt mit Kindern: Papa and the Furious

Die lieben Freunde müssen es nicht aussprechen: So ein Theater wird es bei ihrem Kind mal nicht geben. Es wird klaglos alles essen, was sie ihm servieren, bevor es sich still ans Klavier setzt und "Vier Jahreszeiten" aus dem Kopf spielt. Leo hingegen isst vier Happen, rülpst laut, lacht sich darüber kaputt und hat keinen Hunger mehr. Er zappelt am Tisch rum, will weiter spielen, langweilt sich.

Die "Experten" sind sich einig: Kind ist nicht still, kann nur ADHS sein.
Die "Experten" sind sich einig: Kind ist nicht still, kann nur ADHS sein.  © DPA

Valerie lässt mit besorgtem Blick ihre Diagnose-Bombe platzen: "Habt ihr schon mal drüber nachgedacht, mit ihm zum Arzt zu gehen? Ich denke da laut ICD-10 an F 84." "Bitte was?", frage ich, kann mir die Antwort aber denken. "Naja, er scheint mehr als aufgeweckt, rennt nur rum, zappelt, kann sich nicht aufs Essen konzentrieren. Deutliche Anzeichen für ADHS." Wir starren schweigend auf unsere Teller.

"Ich kann auch mal meine Cousine aus Tübingen fragen, sie hat zwar eine gesunde Tochter, kennt sich aber sehr gut in der Materie aus."

Ich improvisiere einen dankbaren Gesichtsausdruck und versuche das Thema zu wechseln. Das angehende ADHS-Kind stelle ich mit einem Handyspiel ruhig. Wir sind ja hier, um mit unseren Freunden zu plaudern. Doch die arbeiten fleißig weiter daran, sich zu Ex-Freunden zu machen.

"Für Kinder in diesem Alter ist das aber nicht die richtige Beschäftigung", hilft mir Bernd auf die Mediennutzungs-Sprünge. Er kann natürlich auch ein besonders gutes Buch empfehlen: "Mit dem hat Valeries Cousine auch schwierige Situationen mit ihrer Tochter prima hinbekommen." Ich unterdrücke einen Würgereiz: "Kannst mir den Titel ja per WhatsApp schicken."

Dabei sehe ich in die Augen meiner Freundin. Die Pupillen flitzen. Ihre Hand krallt das Damaststahl-Steakmesser und rammt es in das Lamm. Wenn wir nicht bald aufbrechen, landet die Klinge zeitnah im Bernd.

Fürsorglich macht der mich auf Bebos verstopfte Nase aufmerksam. Den Popel habe ich längst bemerkt: „Ich weiß, den isst er eh gleich“, antworte ich und freu mich über sein nur dürftig unterdrücktes Entsetzen. Sonderlich kindererfrischt wirkt er nicht mehr.

Die jetzt drängende volle Windel tut ihr übriges. "Die Tochter meiner Cousine aus Tübingen hat schon mit acht Monaten nicht mehr eingemacht. Sie hat da voll auf Stoffwindeln gesetzt", berichtet Valerie. "Ihr könnt auf dem Sofa Windeln wechseln, das ist bei uns kein Problem." Überlege kurz, mit der Windel nach Valerie zu werfen, lasse aber nur ein bisschen Rachekacke in einer Design-Sofa-Ritze zurück.

Erfüllt von Dankbarkeit nehmen wir Abschied. Haben an nur einem Abend alle Kniffe in uns aufgesogen, wie wir aus unseren zwei missratenen Kindern doch noch normal dressierte Menschen hinbekommen.

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