So lebenswert kann der Tod sein: "Soul" liefert Kinospaß auf Disney+

München - "Ich würde vor Glück sterben, wenn ich in der Band von Dorothea Williams spielen dürfte." Dass seine Worte schneller Realität werden, als sich "Soul"-Hauptfigur Joe Gardner vorstellen kann, war wohl nicht ganz in seinem Sinne.

Joe Gardner hat es geschafft. Er darf bei einer in der Jazz-Szene bekannten Band mitmischen. Doch die Freude hält nur kurz.
Joe Gardner hat es geschafft. Er darf bei einer in der Jazz-Szene bekannten Band mitmischen. Doch die Freude hält nur kurz.  © Disney/Pixar

Kaum hat er nach Jahren endlich ein Jobangebot als Vollzeit-Musiklehrer in der Hand - was bedeuten würde, dass er dadurch seinen Traum, Profimusiker zu werden wohl aufgeben müsste - klingelt sein Telefon. Sein Ex-Schüler spielt in einer Jazzband - und in ihrem Quartett ist ein Musiker mitten in der Tour ausgefallen.

Es ist seine große Chance, doch noch sicheres Einkommen und Krankenversicherung gegen Liebe und Leidenschaft zur Musik eintauschen zu können. Das Leben als Künstler scheint nach der Zusage der Band zum Greifen nah - doch dann geschieht genau das, was er kurz zuvor sagte: Er stirbt inmitten des Freudentaumels auf der Straße.

Für den härtesten Schicksalsschlag in Joes Leben brauchen Disney und Pixar - die eigentlich dafür bekannt sind, die engsten Bezugspersonen der Hauptfigur (meist Elternteile) zu Beginn sterben zulassen - keine zehn Minuten. Dann ist die Hauptfigur tot. Wobei - eigentlich ist sein Körper erst in einer Warteschleife, wie man im "Davorseits" erfährt.

Dort landet Joe nämlich auf seiner Flucht vor dem Jenseits, wo seine Seele gerade gelandet ist. Was ihm aber so gar nicht in seinen Zeitplan passt.

"Soul" wirkt erwachsener als andere Disney/Pixar-Filme

Seele 22 könnte der Schlüssel für Joes Rückkehr sein. Doch müssen beide erst noch viel voneinander lernen.
Seele 22 könnte der Schlüssel für Joes Rückkehr sein. Doch müssen beide erst noch viel voneinander lernen.  © Disney/Pixar

Stellenweise scheint es so, als ob man hier viele gute Ideen aus den Vorgängerfilmen "Coco" und "Alles steht Kopf" eingebracht hätte, die es damals nicht in die ersten Filme geschafft haben.

Es geht neben den Themen Tod, Seele und Jenseits auch um Prioritäten und Charakterentwicklung. Noch mehr, als es bei jeder klassischen Heldenreise der Fall ist.

Apropos Heldenreise: Unser Held, Joe, begibt sich natürlich ebenfalls auf eine Reise. Er will zurück in seinen Körper. Zurück in sein Leben. Wo er in wenigen Stunden am Klavier einer Jazzband sitzen soll.

Doch Terry - der Buchhalter des Jenseits - stellt fest, dass eine Seele fehlt. Und er wird nicht ruhen, bis er sie gefunden hat. In der Zwischenzeit lernt Joe Gardner viel über das Leben kennen, den Tod und vor allem über sich. Denn sein ach so tolles Leben war vielleicht (noch) nicht so lebenswert, wie er es sich immer eingeredet hat.

Dass Disney und Pixar inzwischen Meister darin sind, Filme auf zwei Ebenen zu inszenieren, ist wohl jedem bekannt. Die eine Ebene richtet sich ganz klar an Kinder, die auch hier ihren Spaß finden werden. Die andere an die Eltern. Dennoch wirkt "Soul" im Vergleich zu den Vorgängern deutlich reifer.

Auch sind oft tiefsinnige Gedanken darin versteckt, die im ersten Moment gar nicht als solche auffallen. Beispielsweise als Joes Jenseits-Begleiter "Nummer 22" zu ihm in einem Nebensatz sagt: "Man kann hier keine Seele zerstören. Dafür ist die Erde zuständig", stockt man innerlich kurz.

Zurück ins Leben - allerdings nicht wie erhofft

Nach etlichen Absagen endlich die große Chance. Doch schafft es Joe rechtzeitig vor seiner größten Chance zurück ins Leben?
Nach etlichen Absagen endlich die große Chance. Doch schafft es Joe rechtzeitig vor seiner größten Chance zurück ins Leben?  © Disney/Pixar

Seele "22" ist in dem gut 90-minütigen Film das Comic Relief. Die humorvolle Nebenfigur, die leichte Erklärungen liefert und ernste Situationen auflockert, ist Joes Schlüssel zurück ins Leben. Und er landet - zusammen mit 22 - tatsächlich auf der Erde.

Dummerweise jedoch landet 22 im Körper des im Krankenhaus stationierten Joes - und er selbst in der Therapiekatze, die ihm von der Klinik zugeteilt wurde. Was die Sache mit Körper, Seele, Leben und Tod jetzt nicht gerade einfacher macht.

Fazit: Disney und Pixar haben mit "Soul" wohl den erwachsensten Film gemacht. Zwar orientiert er sich an den Seh- und Unterhaltungsgewohnheiten von Kindern, doch das gesamte Setting, die Geschichte und vor allem die Moral des Filmes richten sich sehr stark eher an die Eltern - und älteren.

"Soul" liefert den DisneyPlus-Abonnenten eine sehr schöne Geschichte mit toll geschriebenen Charakteren und witzigen Momenten. Sie hilft, das Leben aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und zu verstehen und weckt den Wunsch, seine Prioritäten neu zu sortieren.

Es ist schade, dass diesem Film coronabedingt die große Leinwand vorenthalten blieb. Im Gegensatz zu "The Mandalorian", wo ein riesiges Franchise dahinter steht, wird "Soul" vermutlich kein Kaufargument für Disney+ werden. Sollte er aber. Mit seinem Start am 25. Dezember liefert er auf jeden Fall einen guten Grund, für einen Familienabend vor dem Fernseher. Statt Popcorn sind ja auch mal Plätzchen als Seelenfutter okay.

Titelfoto: Disney/Pixar

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