Dunkle Geheimnisse im Gedankenpalast: Twin Mirror bringt Mystery ins Wohnzimmer

Deutschland - Vor wenigen Tagen erschien mit "Twin Mirror" das neue Mystery-Game aus dem Hause Dontnod. Und auch in diesem Spiel bleiben die "Life is strange"-Macher ihrem Grundkonzept treu: Eine introvertierte Person, ein dunkles Geheimnis, dem man auf die Schliche kommt, besondere Fähigkeiten, die über die eines normalen Menschen hinausgehen.

Joan glaubt nicht an den Unfalltod ihres Vaters - und will Patenonkel Sam zum Recherchieren bringen.
Joan glaubt nicht an den Unfalltod ihres Vaters - und will Patenonkel Sam zum Recherchieren bringen.  © Screenshot/dontnod

Die Stimmung - selbst in fröhlichen Momenten - immer leicht bedrückend und unheilschwanger. Und eine große Ungerechtigkeit, die stumm darum schreit, ans Tageslicht gebracht zu werden.

In "Twin Mirror" spielen wir jedoch keine Teenagerin, die den Verlauf der Zeit beeinflussen kann. Wir sind ein ausgewachsener Mann, ein Journalist, der sein Leben und seine Vergangenheit in der Kleinstadt Basswood im US-Bundesstaat West Virginia hinter sich gelassen hat. Eigentlich.

Denn nach nur zwei Jahren kehrt man zurück in seine alte Heimat - um seinem besten Freund Nick die letzte Ehre zu erweisen. Ein tödlicher Autounfall. Doch wird die Rückkehr nicht nur von dem traurigen Anlass überschattet, auch die Schatten der Vergangenheit erwarten unseren Protagonisten Sam Higgs.

Seine große Liebe, die ihn damals nicht heiraten wollte - dann aber mit Nick zusammen kam. Offene Feindseligkeit der Bewohner, die Nick für das Schließen der hiesigen Mine verantwortlich machen - wodurch die halbe Stadt arbeitslos wurde. Und Joan.

War der Unfall am Ende doch etwa Mord?

Sam Higgs ist beim Thema Emotionen eher überfordert, sein analytischen Können ist dafür sehr ausgeprägt.
Sam Higgs ist beim Thema Emotionen eher überfordert, sein analytischen Können ist dafür sehr ausgeprägt.  © Screenshot/dontnod

Die Tochter von Nick - und das Patenkind von Sam. Er hatte damals nicht nur Basswood verlassen - sondern auch sie.

Und in ihrer Wut und Verzweiflung über den Verlust des Vaters und dem Verhalten ihres Patenonkels richtet sie eine konkrete Bitte an Sam: Finde heraus, wer meinen Vater ermordet hat.

Denn sie glaubt nicht an die Geschichte mit dem Unfall. Und Sam, dessen Fähigkeit es ist, komplexe Zusammenhänge, scheinbare Nebensächlichkeiten und belanglos wirkende Details in seinem "Gedankenpalast" abzuspeichern, zu analysieren und auszuwerten, ist ihre einzige Hoffnung. Doch er will ihr nicht helfen. Er möchte seinen Freund die letzte Ehre erweisen und wieder abhauen. Bis er nur wenige Stunden nach seiner Ankunft - nach einigen Bieren in der Kneipe - in seinem Hotelzimmer aufwacht. Und seine Klamotten blutverschmiert in der Badewanne liegen.

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Sich der Wahrheit verpflichtet fühlend fängt Sam an, Fragen zu stellen und Dinge zu erkunden - und plötzlich ergibt vieles einen Sinn. Oder verliert ihn.

Immer mit dabei ist Sams "Double", sein Alter Ego, sein personifiziertes Gewissen, dass nur er sehen kann. Denn Sam selbst denkt analytisch und rational. Mit Emotionen kann der Journalist nicht so gut umgehen. Sein Imaginärer moralischer Kompass hingegen, schlägt ihm immer wieder die gefühlsbetonte Blickrichtung vor.

Und wir als Videospieler entscheiden, welchen Weg wir - je nach Situation - einschlagen wollen. Das Spiel bringt also alles mit, um ein richtig gutes Mystery-Game zu werden. Doch genau das ist leider nicht passiert.

Hervorragende Geschichte, unnötige Längen

In seinem "Gedankenpalast" kann Sam Informationen und Erinnerungen auswerten.
In seinem "Gedankenpalast" kann Sam Informationen und Erinnerungen auswerten.  © Screenshot/dontnod

Um fair zu sein: In einer Zeit, in der wir von "Lockdown" zu "Lockdown" schwingen, in der nur für die Hauptstory schon 30 Stunden in "Cyberpunk" und für eine Platin-Trophäe in "The Last Of Us, Part II" knapp 50 Stunden investieren müssen, sind etwa neun Stunden Spielzeit für "Twin Mirror" an einer Pobacke abgesessen.

Wobei auch hier kann man Platin erst erspielen, wenn man alle der möglichen Spielausgänge erlebt hat. Oder 60 Prozent aller Entscheidungen entweder rational oder emotional getroffen wurden. Als Pokal-Jäger muss man also mehrmals das Game starten.

Doch bereits beim ersten Durchgang merkt man schnell, dass der "Gedankenpalast" schon nach kurzer Zeit seinen Reiz verliert. Auch sind die Charaktere sehr oberflächlich und es fehlt an der nötigen Tiefe, die man sich in einem solchen Game erhofft - oder eigentlich voraussetzt.

Zudem lernen wir Sam zwar besser kennen, während wir ihn durch die Geheimnisse von Basswood steuern, doch eine klassische Heldenreise erlebt er nicht. Ja, das war die nette Formulierung für: Er entwickelt sich nicht weiter.

Fazit: Wenn man die Season 2 von "Fall Guys" hinter sich hat, das Update von "Cold War" noch auf sich warten lässt und "Cyberpunk 2077" für die NextGen zu Hause liegt, die Konsole aber noch auf sich warten lässt, kann man mit "Twin Mirror" getrost ein-zwei Tage überwinden. Jalousien runter, das Sixpack Pepsi Max und die Telefonnummer des Pizzadienstes bereitgestellt und schon kann man sich diesem Spiel voll und ganz hingeben - ganz in Ruhe.

Denn man muss Ruhe bewahren, wenn Sam offensichtliche Zusammenhänge erst dann abschließend erkennt, wenn man auch den letzten dafür programmierten Hinweis erarbeitet hat. Das Spiel ist nicht der große Wurf. Vielleicht auch, weil man sich viel erhofft oder erwartet hat. Doch wer das Setting mag und sich darauf einlässt, bekommt eine richtig spannende Geschichte geliefert, die stellenweise einiges wettmachen kann.

Titelfoto: Screenshot/dontnod

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