"Berlin Alexanderplatz" ist ein abgedrehter Trip in die Abgründe der menschlichen Seele!

Deutschland - Rausch der Sinne! Die Bestseller-Verfilmung "Berlin Alexanderplatz" von Regisseur Burhan Qurbani ("Wir sind jung. Wir sind stark.") hat völlig zurecht fünf Deutsche Filmpreise gewonnen, weil sie einen mutigen, modernen Ansatz hat. Nun, am heutigen 16. Juli, läuft das Drama nach mehreren Corona-bedingten Verschiebungen endlich in den Kinos an. Lest hier noch einmal die ausführliche TAG24-Kritik.

Krimineller Sog: Francis (r., Welket Bungué) sucht bei Drogenboss Reinhold (Albrecht Schuch) Hilfe und gerät in ernste Schwierigkeiten.
Krimineller Sog: Francis (r., Welket Bungué) sucht bei Drogenboss Reinhold (Albrecht Schuch) Hilfe und gerät in ernste Schwierigkeiten.  © PR/© 2019 eOne Germany

Das Publikum durchlebt das 183 Minuten lange Epos aus der Perspektive von Francis (Welket Bungué), der aus Bissau nach Deutschland flüchtete und viele kriminelle Dinge tun musste, um schlussendlich in Berlin anzukommen.

Dort will er eigentlich ein anständiges Leben führen. Doch die Stadt der Sünde bringt ihn mehrfach zu Fall, sodass er sich jedes Mal mühsam wieder aufrappeln muss. 

Wegen seiner Vergangenheit wird er aber zusätzlich auch noch von quälenden Albträumen heimgesucht. 

Dazu ist sein Leben in Berlin alles andere als rosig. Er wohnt in einer schäbigen Flüchtlingsunterkunft, in der sich viele Frauen prostituieren (müssen) und die meisten Männer Drogendealer werden.

Dabei spielt Reinhold (Albrecht Schuch) eine entscheidende Rolle. Der Drogenboss rekrutiert neue Leute, indem er ihnen Startkapital gibt und viel Geld in Aussicht stellt. 

Obwohl Francis das erst ablehnt und auch nicht darauf angewiesen ist, weil er unter der Hand in einer Fabrik arbeitet, lässt er sich kurz darauf mit dem Psychopathen ein. Denn er hilft einem Verletzten und ruft einen Krankenwagen - doch der Mann war illegal in Deutschland!

Trailer zu "Berlin Alexanderplatz" mit Welket Bungué, Albrecht Schuch und Jella Haase

"Berlin Alexanderplatz" ist ein packendes Gesamtkunstwerk

Mieze (oben, Jella Haase) kümmert sich nach einer Verletzung um Francis (Welket Bungué).
Mieze (oben, Jella Haase) kümmert sich nach einer Verletzung um Francis (Welket Bungué).  © PR/© 2019 Sommerhaus/eOne Germany/Stephanie Kulbach

Das bringt alle Beteiligten in die Bredouille, sodass Ottu (Richard Fouofié Djimeli) Francis bei ihrem Boss verrät, damit wenigstens er selbst und alle anderen ihre Jobs behalten. 

So landet Francis wenig später beim gerissenen Reinhold, der genau weiß, wie er sein neustes Opfer manipulieren kann. Er lässt ihn bei sich wohnen und verspricht ihm einen deutschen Pass, wenn er ihm hilft - vorerst mit Frauen.

Denn Reinhold will Frauen haben, doch wenn es soweit ist, ekeln sie ihn an. Francis darf sie dann trösten und mit ihnen schlafen.

Doch nach und nach verfängt er sich immer tiefer in Reinholds kriminellen Strudel, der ihn zu verschlingen droht...

Diese brisante Geschichte hat Qurbani großartig umgesetzt. Sein Film hat zwar die ein oder andere kleine Länge, doch darüber lässt sich locker hinwegsehen, weil er einen unverwechselbaren Stil hat, eine dichte Atmosphäre und außerdem viele wichtige Themen unserer Zeit hintergründig behandelt.

Ob Alltagsrassismus, die Suche nach der eigenen Identität in einem fremden Land oder den Teufelskreis der Gewalt und Kriminalität: Der deutsche Regisseur liefert hervorragende Arbeit ab, weil er ein stimmiges Gesamtkunstwerk erschafft, in dem sich die verschiedensten Details und Aspekte schlüssig miteinander verbinden.

"Berlin Alexanderplatz" geht ins Risiko, was sich voll auszahlt!

Francis (l., Welket Bungué) lernt in Berlin auch die starke und schöne Amazone Eva (Annabelle Mandeng) kennen.
Francis (l., Welket Bungué) lernt in Berlin auch die starke und schöne Amazone Eva (Annabelle Mandeng) kennen.  © PR/© 2019 Sommerhaus/eOne Germany/Frédéric Batier

So entwickelt sich mit zunehmender Dauer eine hypnotische Sogwirkung, durch die man tief in das düstere Geschehen, das sich mit den Abgründen der menschlichen Seele befasst, eintauchen kann. 

Die Verantwortlichen gehen mit ihrem Drama, das auf dem deutschen Roman-Klassiker von Alfred Döblin aus dem Jahre 1929 beruht, ins Risiko - was sich erfreulicherweise auszahlt!

Schließlich kommt das hierzulande selten genug vor, weshalb es umso schöner ist, wenn die Qualität durch kreative Einfälle so hoch ist und das auch mit fünf Deutschen Filmpreisen honoriert wurde. 

Wie in Trance gleitet man durch ein Berlin, das eine Mischung aus 2020 und 1929 zu sein scheint. Auch die Stadt der Sünde ist passend, fast schon märchenhaft in Szene gesetzt und erinnert stellenweise an die Erfolgsserie "Babylon Berlin". 

Gegen den deutschen Überfilm des Jahres, "Systemsprenger" (>>TAG24-Kritik), hatte "Berlin Alexanderplatz" in den wichtigsten Kategorien dann allerdings doch das Nachsehen, holte allerdings die Lola in Silber für den zweitbesten Spielfilm des Jahres. 

An die Qualität des besten deutschen Filmes 2019 kommt Qurbani zwar nicht ganz heran, dennoch wird er auch Ende 2020 zu den stärksten Vertretern dieses Jahres zählen. 

Welket Bungué ist die Entdeckung in "Berlin Alexanderplatz"

Francis (l., Welket Bungué) flirtet mit Mieze (Jella Haase) in einer Bar.
Francis (l., Welket Bungué) flirtet mit Mieze (Jella Haase) in einer Bar.  © PR/© 2019 Sommerhaus/eOne Germany/Wolfgang Ennenbach

Eine Parallele zwischen den beiden Ausnahmewerken: Beide feierten auf der Berlinale ihre Weltpremiere. 

"Systemsprenger" im vergangenen Jahr, "Berlin Alexanderplatz" am 26. Februar 2020 um 15.30 Uhr im Berlinale Palast.

Zwar wurde er dort leider nicht mit einem Preis bedacht, verfügt aber über ein exzellentes Drehbuch, das mit seiner Vielschichtigkeit und Klugheit zu begeistern weiß. 

Dazu kommt es ausgewogen daher und vermittelt viele nachhallende und wichtige Botschaften, woran auch die ausgefeilten und authentischen Dialoge einen entscheidenden Anteil haben.

Vor allem der großartig auftrumpfende Cast hebt das Drama aber auf eine noch höhere Ebene. Die Entdeckung schlechthin ist dabei Bungué ("Joaquim"), der tatsächlich in Guinea geboren wurde, aber in Portugal aufwuchs. 

Er legt seine Figur mit viel Charme an, zeigt sich allerdings wandelbar und schafft es, sowohl sensible, als auch knallharte Szenen überzeugend zu spielen. Dank seiner schauspielerischen Ambivalenz, die perfekt zur Figur passt, trägt er viel zur flirrenden Atmosphäre bei. Doch nicht nur er.

Das Jahr des Albrecht Schuch: Geniale Leistung in "Berlin Alexanderplatz" mit Lola gekrönt

Albrecht Schuch zeigt als Reinhold eine überragende Leistung, für die er völlig zurecht die Lola für die beste männliche Nebenrolle bekam.
Albrecht Schuch zeigt als Reinhold eine überragende Leistung, für die er völlig zurecht die Lola für die beste männliche Nebenrolle bekam.  © PR/© 2019 Sommerhaus/eOne Germany/Wolfgang Ennenbach

Ganz besonders Schuch ("Bad Banks") spielt sich in den Vordergrund, weil er für seinen Charakter, der sich selbst als "weißen Müll" bezeichnet, eine auffällige und zugleich passende eigene Körpersprache entwickelt hat. 

Immer wieder stemmt er seine linke Hand völlig verdreht an seine linke Seite und läuft auch unrund.

Denn sein Protagonist Reinhold ist ein charmanter Psychopath, ein verführerischer Menschenfänger, ein listiger Teufel. 

All das zeigt Schuch (>>TAG24-Portrait) nicht nur mit seiner manischen Mimik, sondern mit ganzem Körpereinsatz. 

Seine Performance ist wahrlich elektrisierend und das komplette Gegenteil seiner Rolle in "Systemsprenger". 

Völlig zurecht wurde er sowohl für den einen, als auch für den anderen Part mit der Lola als beste männliche Haupt- und Nebenrolle ausgezeichnet - was für ein grandioses Jahr für Schuch! 

Ebenfalls eine herausragende Leistung zeigt Jella Haase ("Fack ju Göhte" 1-3, "Das perfekte Geheimnis") in ihrem wichtigen Part als Prostituierte Mieze, die Francis später bei sich aufnimmt. Erneut demonstriert die gebürtige Berlinerin, wie wandelbar sie ist.

Jella Haase spielt eine wichtige Rolle überzeugend und mit viel Stärke

Francis (Welket Bungué) rutscht immer wieder auf die schiefe Bahn ab.
Francis (Welket Bungué) rutscht immer wieder auf die schiefe Bahn ab.  © PR/© 2019 Sommerhaus/eOne Germany/Wolfgang Ennenbach

Denn sie hält Francis immer wieder den Spiegel vor und glaubt an das Gute in ihm. 

Er möchte sie beschützen, was sie einmal zu der Aussage bringt: "Ich bin nicht aus Zucker. Ich bin aus Marmor." Haases Figur hat nämlich schon viele negative Dinge erlebt. 

In weiteren Nebenrollen performen Joachim Król ("Der Junge muss an die frische Luft") als Gangster Pums und Annabelle Mandeng ("Unknown Identity") als Eva, die sich um Francis kümmert, stark.

Ihnen allen kommt die (im positiven Sinne) eigenwillige Machart zugute, die von den düsteren und zugleich abwechslungsreichen Locations, der  dynamischen Kameraführung und der stimmigen Musikuntermalung unterstützt wird. 

Die beiden letztgenannten Kategorien wurden ebenso wie das Szenenbild mit einer Lola bedacht.

Sogar eine eigene Figur sind die brillanten Kostüme, die viel über die Charaktere verraten. Das gilt auch für die passenden Frisuren und das unterstützende Make-up. 

Wegen all dieser Aspekte ist "Berlin Alexanderplatz" einer der besten deutschen Filme des Jahres geworden. Wer brutale Szenen und eine harte Story verkraften kann, sollte sich dieses großartige Drama unbedingt anschauen!

Titelfoto: PR/© 2019 Sommerhaus/eOne Germany/Stephanie Kulbach

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