"Billie - Legende des Jazz": Goldkehle zwischen Sex, Gras und Rassismus

Deutschland - Ein Leben am Limit! Am 11. November läuft in den deutschen Kinos die britische Dokumentation über Billie Holiday an, eine US-amerikanische Jazzikone, die als Protestsängerin und Lebedame in die Geschichtsbücher einging. Die TAG24-Filmkritik.

Billie Holiday faszinierte die Massen mit ihrer einzigartigen Stimme.
Billie Holiday faszinierte die Massen mit ihrer einzigartigen Stimme.  © PR/Prokino/Getty/Michael Ochs Archives/REP Documentary/Marina Amaral

Washington D.C., 1978: Eine Frau liegt leblos auf dem winterlichen Gehweg. Es ist Linda Lipnack Kuehl, eine Journalistin, Feministin und glühende Jazz-Verehrerin, die zuletzt an einer Biografie über Billie Holiday arbeitete.

An die 200 Menschen hatte sie inzwischen interviewt, darunter ehemalige Bandkollegen, Freunde, aber auch Zuhälter und Drogenexperten. Billie, dieser Name steht nicht nur für eine einmalige samtig-sinnliche Stimme, sondern auch für eine hemmungslose Drogensucht und eine Reihe an Beziehungen voller Gewalt und Erniedrigung.

Unterschiedlicher könnten die beiden Frauen nicht sein, so eine Behauptung. Stimmt das wirklich? Auch Linda hatte Unglück mit den Männern, eckte an und wurde bedroht. War das möglicherweise ein Grund für ihren Tod?

"Die stillen Trabanten" startet: Über einsame Nächte mit prominenter Star-Besetzung
Kino & Film News "Die stillen Trabanten" startet: Über einsame Nächte mit prominenter Star-Besetzung

Eines dürfte nach diesem Film auch den Zuschauern verklickert worden sein: Jazz ist nichts für Langweiler!

Brutalität und Zärtlichkeit, beides ist eng verbunden in Billies bewegtem Leben, das in Armut begann und stets von Gewalt geprägt war.

Deutscher Trailer zu "Billie - Legende des Jazz" von Regisseur James Erskine

Sex, Drugs 'n' ... Jazz? "Billie - Legende des Jazz" ist temporeiche Doku mit zu wenig Tiefgang

Auch Billie Holidays Image lockte die Menschen an.
Auch Billie Holidays Image lockte die Menschen an.  © PR/Prokino/Getty/Hulton-Deutsch Collection/REP Documentary/Marina Amaral

Dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist ihr Lebenshunger so mächtig und der Zuschauer kann sich dem überhaupt nicht entziehen, so rasant setzt Regisseur James Erskine ("The Human Face") die Höhen und Tiefen ihres Lebens.

Billie Holidays verführerisch-dunkle Stimme gibt es nicht nur andächtig mit originaler Tonspur, sondern auch in kräftiger Farbe, zahlreichen sorgfältig restaurierten Archivaufnahmen, eng verwoben mit dem Glamour der 1930er- und 1940er-Jahre.

Zu Wort kommen etliche Kollegen und Experten direkt von Lindas Tonband, sodass sie auch nach ihrem Tod die Anerkennung für ihre umfangreiche investigative Arbeit bekommt.

"Cocaine Bear": Bär schnupft Unmengen Kokain und startet blutigen Amoklauf
Kino & Film News "Cocaine Bear": Bär schnupft Unmengen Kokain und startet blutigen Amoklauf

Eben weil die Erzählung so rasant zwischen ihrer schweren Drogensucht und ihren zahlreichen Liebschaften mit Männern wie Frauen hin und her springt, wünscht man sich als Zuschauer nach einer Weile gewisse Ruhephasen, um durchzuatmen und das Gehörte zumindest kurz zu verdauen.

Die gibt es allerdings nicht. Gleich am Anfang wird man mit vielfältigen skandalösen Anekdoten bombardiert, ihre frühe Prostitution als Jugendliche mit ihrem Sexhunger in Verbindung gesetzt. Das erste Mal, wo man verweilen darf, ist ausgerechnet bei dem "Strange Fruit"-Segment, das Billies Status als Protestsängerin gegen den Rassismus für immer in der Weltgeschichte zementierte.

Regisseur James Erskine schafft eine spannende Rahmenhandlung, schöpft aber das Potenzial nicht aus

Billie Holiday sichtlich gezeichnet von den Skandalen, die sie umwitterten.
Billie Holiday sichtlich gezeichnet von den Skandalen, die sie umwitterten.  © PR/Prokino/Getty/Charles Hewitt/REP Documentary/Marina Amaral

Das Thema des Lynchens ist nicht gerade ein üblicher Ruhepol und wird auch rasch wieder abgelöst. Es ist nicht so, dass Billie überhaupt nicht zu Wort kommt - auch ihre tiefe Stimme ist zwei-, dreimal kurz vertreten, aus anderen Interviews mit Lindas Arbeit verwoben. Was jedoch dominiert, ist der Klatsch aus den Mündern Anderer.

Am Ende hat man nicht das Gefühl, dass man Billie als Person wirklich näher kennengelernt hat, wie man es normalerweise von einer Biografie erwartet. Stattdessen ergeben sich zahlreiche, jedoch eher zweidimensionale Einblicke in das Musikgeschäft, das Billie zum Ruhm katapultierte, aber auch ständig auf den nächsten Skandal lauerte.

Deswegen ist es auch schade, dass Erskine, der ja Linda Lipnack Kuehls Arbeit ergänzt und damit neue Perspektiven beleuchten könnte, die Rahmenhandlung rund um deren eigenen mysteriösen Tod nicht voll ausschöpft.

Die Gegensätze wie Parallelen zwischen den beiden Frauen sind faszinierend und die Filmaufnahmen, mit denen Erskine ab und an mal einen Haken zu Linda schlägt, wecken den Eindruck einer offenen, neugierigen und forschen Frau, von der man gerne mehr wüsste.

Benötigte Ruhephasen hätten durch mehr Raum für Theorien zu ihrem Tod geschaffen werden können. Natürlich immer im Hinblick darauf, dass sich dieser Film um Billie und nicht um Linda dreht, aber nach dem dramatischen Einstieg hätte man sich etwas mehr Tiefgang bei beiden Frauen wünschen können.

"Billie" ist eine außergewöhnlich lebendige und schlagkräftige Dokumentation über das bewegte Leben einer außergewöhnlichen Sängerin. Leider bleibt sie durch den Fokus auf zahlreiche Exzesse eher an der Oberfläche und hätte einen gelegentlichen Tritt auf die Bremse durchaus gut vertragen können.

Titelfoto: PR/Prokino/Getty/Charles Hewitt/REP Documentary/Marina Amaral

Mehr zum Thema Kino & Film News: