Ist "Kopfplatzen" ein Skandalfilm? Max Riemelt spielt einen Pädophilen!

Deutschland - Differenziertes Drama! In "Kopfplatzen" spielt Max Riemelt ("Napola - Elite für den Führer", "Die Welle", "Sense8") einen pädophilen Architekten namens Markus. 

Markus (Max Riemelt) macht unter anderem im Schwimmbad Fotos von kleinen Jungs...
Markus (Max Riemelt) macht unter anderem im Schwimmbad Fotos von kleinen Jungs...  © PR/Salzgeber & Co. Medien GmbH

Der Film sollte eigentlich am 2. April in den deutschen Kinos starten. Aufgrund der Corona-Krise wurde daraus nichts. Doch der Verleih Salzgeber hat sich etwas einfallen lassen und startet an diesem Donnerstag auf der eigenen Homepage den "Salzgeber Club".

Der präsentiere dort "jede Woche, immer donnerstags, eine exklusive VoD-Premiere für das Heimkino. 

Die Filme, die dort gezeigt werden, wurden noch nicht als DVD oder Blu-ray veröffentlicht und sind digital für vier Wochen exklusiv auf salzgeber.de zu sehen."

Diesen könne man über den integrierten Vimeo-Player "gegen eine Gebühr digital" ausleihen und zu Hause gucken. Das lohnt sich bei diesem Drama, das ab dem 2. April läuft. 

Dort weiß Markus, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Auf seiner Arbeit ahnt davon aber niemand etwas. Denn er ist freundlich und hilft Kollegen bei Fachfragen. Doch als er um ein Date gebeten wird, lehnt er ab. Er treffe sich mit einem Kumpel, schiebt Markus vor.

Das stimmt aber nicht. Denn er isst stattdessen ganz alleine und befriedigt sich selbst - mit zunehmendem Filmverlauf auf immer aggressivere Weise.

"Kopfplatzen" erzählt die Geschichte eines Mannes, der gegen seine sexuelle Neigung ankämpft

...die er in seiner eigenen Dunkelkammer entwickelt.
...die er in seiner eigenen Dunkelkammer entwickelt.  © PR/Salzgeber & Co. Medien GmbH

Seinen tief angestauten Frust lässt er zudem beim Kickboxen raus. Auch hier vertröstet er seine Kumpels und schiebt vor, dass seine Freundin (die er nicht hat) ihn zu Hause erwartet.

Dort macht er stattdessen Fotos von kleinen Jungen, die er im Fernsehen sieht. Auch im Schwimmbad nimmt er illegal Kinder auf und entwickelt die Bilder in seiner eigenen Dunkelkammer.

Er fürchtet den Kontrollverlust, denn er führt einen anhaltenden Kampf mit sich selbst und gegen seine sexuelle Neigung. 

Einmal folgt er einem Jungen durch einen Park. Der hat Glück, dass er zwei Schulfreunde trifft, sodass Markus abbricht und verschwindet, fast schon an sich selbst verzweifelt.

Er sucht einen Arzt auf, dem er sich anvertraut. Der wirft ihn jedoch hochkant und ungehalten aus seiner Praxis. Die Scham ist in diesem Moment extrem groß.

Und sein Verlangen wird größer, das Besiegen der inneren Dämonen schwerer, was durch den Einzug seiner neuen Nachbarin Jessica (Isabell Gerschke) noch verstärkt wird. Die ist nämlich alleinerziehende Mutter vom achtjährigen Arthur (Oskar Netzel), der Markus schnell ins Herz schließt.

Jessica verliebt sich in Markus und vertraut ihm immer wieder auch Arthur an. Mehrfach kommt es zu brenzligen Situationen. Und die Stimme in seinem Kopf, "mehr" mit dem unschuldigen Jungen anzufangen, wird immer lauter...

"Kopfplatzen" ist ein brisantes Drama mit Fingerspitzengefühl

Jessica (l., Isabell Gerschke) verliebt sich in Markus (r. Max Riemelt) und vertraut ihm auch ihren Sohn Arthur (Oskar Netzel) an.
Jessica (l., Isabell Gerschke) verliebt sich in Markus (r. Max Riemelt) und vertraut ihm auch ihren Sohn Arthur (Oskar Netzel) an.  © PR/Salzgeber & Co. Medien GmbH

Diese brisante Geschichte hat Regisseur Savas Ceviz mit sehr viel Fingerspitzengefühl umgesetzt. Ihm ist dank starker Recherche und eines intelligenten Skripts ein wertungsfreies Drama gelungen, das bemerkenswert reif daherkommt.

Denn es stellt Markus nicht als Monster dar, sondern als Mensch mit Stärken und Schwächen, der an einer gesellschaftlich geächteten sexuellen Neigung leidet, mit der er alleine nicht auf Dauer umgehen kann.

Im Gegenteil: Seine eigene Gedankenwelt macht es ihm noch schwerer, sich und seine Triebe zu beherrschen. Denn er muss seine Natur verleugnen und kann sich nicht ausleben, weil er sonst straffällig wird. 

Und das wäre noch der harmloseste Aspekt. Schließlich würde er darüber hinaus auch noch einen Mitmenschen nachhaltig schädigen, physisch wie psychisch. 

Genau diese Aspekte arbeitet Ceviz großartig heraus und verharmlost die Störung und ihre Folgen nicht. 

Das verdeutlicht auch eine Metapher. Markus geht immer wieder in den Zoo, wo er einen eingesperrten Wolf betrachtet. In dem Raubtier sieht er sich selbst.

Max Riemelt zeigt in "Kopfplatzen" eine herausragende Leistung

Markus (Max Riemelt) kämpft gegen seine sexuelle Neigung an, kann sich nicht ausleben und ist deshalb unglücklich.
Markus (Max Riemelt) kämpft gegen seine sexuelle Neigung an, kann sich nicht ausleben und ist deshalb unglücklich.  © PR/Salzgeber & Co. Medien GmbH

Seine Verzweiflung und Überforderung mit der Lage ist durchgehend spürbar. In einer Schlüsselszene erklärt er sie wie folgt: "Es ist in meinem Kopf. Es ist in mir, überall. Ich will nicht daran denken, aber es ist immer da. Es kommt immer wieder und immer stärker."

Auch den Ablauf schildert er ganz genau: "Am Anfang beobachtest du sie aus der Ferne. Dann willst du immer mehr, sie auch anfassen. Wie ein Karussell. Es dreht sich immer weiter und weiter."

Nicht nur in dieser Sequenz ist sein großes Dilemma spürbar. 

Die Hoffnungslosigkeit von Markus zieht sich durch den ganzen Film und wird von Riemelt meisterlich eingefangen und dargestellt.

Ohnehin liefert die deutsche Schauspielgröße eine brillante Leistung ab, vielleicht sogar die Beste in ihrer gesamten Karriere.

Im Presseheft spricht er ganz offen über seine Bedenken, die Rolle anzunehmen: "Manche Menschen ziehen keine Grenzen zwischen den Figuren und den Darstellern, die sie spielen. Dadurch besteht immer die Gefahr, mit der Person, die man verkörpert, undifferenziert verbunden zu werden."

Doch er erkundete das Innenleben seines Charakters und seine Kämpfe. Dadurch schälte er die ambivalente Persönlichkeit von Markus auf geniale Art und Weise heraus. 

Max Riemelt erkundet in "Kopfplatzen" das komplexe Innenleben seiner Figur

Markus (Max Riemelt) umarmt seinen Neffen.
Markus (Max Riemelt) umarmt seinen Neffen.  © PR/Salzgeber & Co. Medien GmbH

Denn sein Protagonist ist charismatisch, obwohl seine tief liegende Unzufriedenheit die ganze Zeit über durchscheint.

Auch sonst fängt er die vielen unterschiedlichen Aspekte und Details seiner Figur hintergründig ein und ermöglicht toleranten Zuschauern somit, seine Handlungen, Motive und Störung nachvollziehen zu können. Die anderen Darsteller spielen ihm dafür die Bälle gekonnt zu.

Dazu überzeugen auch die authentischen Dialoge, der fesselnde Schnitt, die ruhige Kameraführung, die stimmigen Locations, die funktionalen Kostüme und vor allem die entsättigte Farbgebung, die ihren Teil zur bedrückenden und trostlosen Atmosphäre beiträgt, durch die man als Zuschauer in "Kopfplatzen" versinken kann.

Ein Skandalfilm ist er trotz der schwierigen Thematik aber nicht geworden. Dafür sind sich die Macher ihrer Verantwortung (zum Glück!) zu bewusst. 

Deshalb ist das Drama mutig wie sehenswert geworden und ein echter Geheimtipp für Menschen, die sich auf dieses schwierige Thema einlassen können.

Titelfoto: PR/Salzgeber & Co. Medien GmbH

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