"A Chiara": Wie eine Familie brutal von der Mafia zerrissen wird

Deutschland - Schockierend! "A Chiara" läuft am heutigen 23. Juni in den deutschen Kinos an und fesselt mit der Geschichte eines Mädchens, dessen Leben als Mafia-Tochter plötzlich in die Brüche geht. Die TAG24-Filmkritik.

Chiaras (Swamy Rotolo, 17) Welt wird über Nacht auf den Kopf gestellt, als ihr Vater verschwindet.
Chiaras (Swamy Rotolo, 17) Welt wird über Nacht auf den Kopf gestellt, als ihr Vater verschwindet.  © Frenetic Films

Chiara (Swamy Rotolo, 17) ist 15, schlagfertig, raucht schon heimlich und entspricht auch sonst dem Klischee eines rebellischen Mittelkindes. Sie wächst in Kalabrien auf, dem äußersten Süden Italiens, den die kriminelle 'Ndrangheta fest im Griff hat. Im Alltag des Mädchens spielt die jedoch kaum eine Rolle.

Eine weiche Seite zeigt Chiara ihren beiden Schwestern Giulia (Grecia Rotolo) und Georgina (Georgina Rotolo) sowie ihrem über alles geliebten Papa Claudio (Claudio Rotolo). Der hat jedoch auch einige Geheimnisse, wie es bei Giulias 18. Geburtstagsparty offensichtlich wird.

Kurz darauf explodiert das Familienauto und Claudio ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Chiara sucht nach Antworten, die findet sie jedoch nur in den Nachrichten, in denen ihr Vater als Mafioso bezeichnet wird. Auch ihre Familienmitglieder, allen voran ihre Mutter und ihre Schwester, schweigen eisern.

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Chiara verliert den Halt, schwänzt die Schule, wird aggressiv und forscht nun auf eigene Faust los, um herauszufinden, was ihre Familie vor ihr zurückhält. Doch ihre Abwärtsspirale führt sie in Abgründe, von denen sie nicht einmal träumen könnte ...

Trailer zu "A Chiara" von Jonas Carpignano

"A Chiara" nimmt nur langsam Fahrt auf, fesselt aber bis zum Schluss

Ob Chiaras ältere Schwester Giulia (Grecia Rotolo, M.) mehr über die fiesen Machenschaften ihres Vaters (Claudio Rotolo, r.) weiß, als sie zugeben will?
Ob Chiaras ältere Schwester Giulia (Grecia Rotolo, M.) mehr über die fiesen Machenschaften ihres Vaters (Claudio Rotolo, r.) weiß, als sie zugeben will?  © Frenetic Films

"A Chiara" (in manchen Kinos auch "Chiara") wirkt auf den ersten Blick wie ein typischer Coming-of-Age-Film, der ungewöhnlich viel Zeit darauf verwendet, alltägliche Szenen aus dem Familienleben Chiaras zu zeigen. Es wird viel geraucht, gelacht, geredet und getanzt, so entsteht zunächst nur wenig Spannung.

Jegliche Anflüge von Langeweile verschwinden aber spätestens mit dem dramatischen Einschnitt durch Claudios Verschwinden und der Krise, in die die gesamte Familie gestürzt wird.

Regisseur Jonas Carpignano (38) zieht dabei die anfangs so lockeren Daumenschrauben immer fester und baut so bis zum allerletzten Moment einen fesselnden Druck auf.

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Ein großer Pluspunkt liegt in der Kombination von natürlichen Dialogen, die Chiara als Teenager glaubwürdig machen, einem sehr zeitgemäßen Soundtrack aus Italo-Trap und der teilweise dokumentarischen Kameraführung.

Nicht immer gelingt letztere perfekt, manche Szenen sind schlecht ausgeleuchtet und es gibt einige Close-ups zu viel, jedoch wird man so direkt in Chiaras Perspektive hineingezogen, die manchmal ins Traumhafte abgleitet und mit plötzlichen Momenten der Gewalt schockiert.

Realismus wird in "A Chiara" besonders großgeschrieben, denn Carpignano hat bewusst für seine Hauptdarsteller Laienschauspieler/-innen ausgesucht, die bereits miteinander (und weitläufig mit dem Regisseur) verwandt sind. Auch wussten die Schauspieler stets nur das, was ihre Figuren im Laufe der Geschichte erfahren.

"A Chiara" ist der starke Abschluss von Jonas Carpignanos Kalabrien-Trilogie

Im Abschluss der Kalabrien-Trilogie steht das tragische Schicksal von Mafia-Kindern im Vordergrund.
Im Abschluss der Kalabrien-Trilogie steht das tragische Schicksal von Mafia-Kindern im Vordergrund.  © Frenetic Films

Das spiegelt sich besonders in Swamy Rotolos außergewöhnlicher Natürlichkeit und der Chemie, die sie zusammen mit ihren beiden Schwestern und ihrem Vater an den Tag legt. Stille Momente der Zärtlichkeit machen Chiaras zentralen Konflikt umso herzzerreißender.

Mit "A Chiara" schließt der Regisseur seine gefeierte Kalabrien-Trilogie in der Stadt Gioia Tauro ab, in der er verschiedene Geschichten lose miteinander verbindet und frühere Hauptfiguren als Nebenfiguren auftreten lässt.

Während in "Mediterraneo" und "A Ciambra" jeweils Geschichten aus dem afrikanischen Flüchtlings- und Roma-Spektrum im Fokus standen, konzentriert sich "A Chiara" auf die Schicksale von Kindern der Mafia.

Gerade die Strukturen der 'Ndrangheta wird immer wieder vererbt, weshalb die italienischen Behörden regelmäßig die Kinder von ihren Familien trennen, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. "A Chiara" ist ein ganz anderer Film als zum Beispiel "Der Pate" (1972), wirkt intimer und emotionaler, bringt so aber endlich neues Blut in das eigentlich schon so oft erzählte Thema.

Zusammengenommen ist "A Chiara" ein durchweg gelungenes, packendes Familien-Drama, das klug zwischen Coming-of-Age und Sozialkommentar balanciert und mit einem Cast aus Laien beeindruckt. Absolut sehenswert!

Titelfoto: Frenetic Films

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