"À la Carte - Freiheit geht durch den Magen": Foodporn im 18. Jahrhundert!

Deutschland - Dessert gefällig? "À la Carte - Freiheit geht durch den Magen" startet am 25. November in den deutschen Kinos und ist ein Augenschmaus vor dem Hintergrund der Französischen Revolution. Die TAG24-Kritik.

Manceron (Grégory Gadebois, 45, v.-l.) hat die hochherrschaftliche Küche voll im Griff.
Manceron (Grégory Gadebois, 45, v.-l.) hat die hochherrschaftliche Küche voll im Griff.  © PR/2021 Neue Visionen

Frankreich, 1788/89: Mehl, Butter, Wasser, Ei - in der Anfangsszene formt sich in sorgfältiger Handarbeit ein einzelnes Gebäckstück, untermalt von einem himmlischen Kinderchor. Was es genau ist, ergibt sich nicht auf den ersten Blick, aber hungrig wird man auf jeden Fall.

Schöpfer des mysteriösen Gerichtes ist der Koch Manceron (Grégory Gadebois, 45), ein bärbeißiger Lebensgenosse, der seine zögerliche Küchenmannschaft voll im Griff hat.

Und das muss er auch, schließlich steht er im Dienst des Herzogs de Chamfort (Benjamin Lavernhe, 37) und hofft darauf, dass ihn seine Karriere bald nach Versailles führen wird.

Seine Chancen stehen gut, er hat Erfahrung und Talent, aber auch eine Schwäche - nämlich seinen Erfindergeist. Und der kommt bei Hofe überhaupt nicht gut an! Es ist ausgerechnet die Kartoffel in den titelgebenden "Délicieux", die ihn und den Herzog vor den geladenen Gästen blamiert.

Der Adel und die Kirche wollen gefälligst hohe Kunst auf ihren Tellern und die Kartoffel - erst seit wenigen Jahrzehnten Teil der bäuerlichen europäischen Küche - gehört nun mal nicht dazu.

Deutscher Trailer zu "À la Carte - Freiheit geht durch den Magen" mit Grégory Gadebois und Isabelle Carré

"À la Carte - Freiheit geht durch den Magen": Sturm auf die Bastille im Jahr 1789 steht bevor

Manceron (Grégory Gadebois, 45, v.) weiß die Gäste seines Arbeitgebers leider nicht von seinen Fertigkeiten zu überzeugen.
Manceron (Grégory Gadebois, 45, v.) weiß die Gäste seines Arbeitgebers leider nicht von seinen Fertigkeiten zu überzeugen.  © PR/2021 Neue Visionen

Manceron lehnt es ab, sich für diese kulinarische Entscheidung zu entschuldigen. Das kostet ihn letztendlich seine Stellung.

Er packt also seine Taschen und kehrt mit seinem halbwüchsigen Sohn Benjamin (Lorenzo Lefèbvre) zurück in die Provinz, um seine Wunden zu lecken und die alte Raststätte seines verstorbenen Vaters auf Vordermann zu bringen.

Hier bekommt er eine zweite Chance in Erscheinung der geheimnisvollen Louise, die bei ihm unbedingt das Küchenhandwerk erlernen möchte.

Das niveauvolle Treiben zieht die Umgebung nach und nach in den Bann, und auch Chamfort scheint das allmähliche Treiben in der Raststätte zu beobachten.

Kann Manceron sich etwa wieder in dessen Gunst zurückkochen?

Doch nicht nur im Kessel, auch im Land brodelt es. Es soll nur noch wenige Monate dauern, bis die Bastille 1789 gestürmt wird und sich all ihre Leben für immer verändern werden ...

Französischer Originaltrailer zu ""À la Carte - Freiheit geht durch den Magen" von Regisseur Éric Besnard

"À la Carte - Freiheit geht durch den Magen" ist ein Fest für die Sinne

Regisseur und Co-Drehbuchautor Éric Besnard (57) hat zuletzt mit der Romanze "Birnenkuchen mit Lavendel" großen Erfolg gefeiert.
Regisseur und Co-Drehbuchautor Éric Besnard (57) hat zuletzt mit der Romanze "Birnenkuchen mit Lavendel" großen Erfolg gefeiert.  © PR/2021 Neue Visionen

Thierry Charrier und Jean-Charles Karmann sorgen als die Experten hinter Macerons Gerichten für wahren Foodporn und regen damit durchaus den Appetit an.

Was gezeigt wird, bewegt sich irgendwo zwischen der gewohnten modernen Küche und etwas fremd wirkenden Methoden, die nun mal aus dem 18. Jahrhundert stammen müssen.

Dabei scheut sich Regisseur und Co-Drehbuchautor Éric Besnard (57, "Birnenkuchen mit Lavendel") nicht davor, die unbequemen Seiten des Kochens zu zeigen - das Schlachten eines Kaninchens etwa oder Maceron, wie er im Stress Berge von Abwasch auftürmt.

Es bleibt jedoch nicht nur bei (un)schön anzusehenden Bildern: Im Streit reden Maceron und Louise nicht miteinander - er wetzt passiv-aggressiv seine Messer, sie arbeitet ihren Frust am Butterfass ab. Die Gefühle der Hauptfiguren werden durch den Alltag in der Küche umso greifbarer.

Besnard spielt außerdem mit Licht und Schatten, womit er die Unterschiede aufzeigt, die den französischen Adel und Mancerons Umfeld voneinander trennen.

Grégory Gadebois überzeugt in "À la Carte - Freiheit geht durch den Magen"

Mhm...lecker! In "À la Carte" läuft einem schon beim Zuschauen das Wasser im Mund zusammen.
Mhm...lecker! In "À la Carte" läuft einem schon beim Zuschauen das Wasser im Mund zusammen.  © PR/2021 Neue Visionen

Aufnahmen bei Hofe wirken streng symmetrisch, lichtdurchflutet und weiträumig; die Hauptcharaktere arbeiten hingegen in dunklen, vollgestopften Kellern, in engen Räumen oder bei Nacht.

Umso natürlicher wirkt deren Farbpalette, nämlich meist in feuchtgrünen Naturaufnahmen und erdigen Brauntönen, die im Laufe des Jahres immer freundlicher ausfallen.

Zwischendurch bindet Besnard wunderschöne Stillleben ein, die Mancerons Liebe zur ländlichen Küche mit echter Ästhetik vereinen.

Eine der interessantesten Beziehungen in "À la Carte" entspinnt sich zwischen Manceron und dem Herzog selbst.

Gadebois ("Bis an die Grenze", "Intrige") überzeugt als bärtiger, maulfauler Dickkopf mit harter Schale und weichem Kern, dessen Herz für den heimischen Gemüsegarten schlägt. Bei all seiner Prinzipientreue sehnt er sich vor allem nach dem Respekt von jemandem, der seine Werke angemessen würdigen kann.

Aus der Oberschicht heraus leistet das nur der Herzog, der zwar sehr viel Wert auf das Echo seiner adeligen Bekannten legt, sich aber auch nach Mancerons Gerichten regelrecht verzehrt.

Benjamin Lavernhe und Lorenzo Lefèbvre zeigen in "À la Carte" gute Leistungen

Benjamin (Lorenzo Lefèbvre, l.), Louise (Isabelle Carré, 50, M.) und Manceron (Grégory Gadebois, 45) sind grundverschieden, verfolgen jedoch ein gemeinsames Ziel.
Benjamin (Lorenzo Lefèbvre, l.), Louise (Isabelle Carré, 50, M.) und Manceron (Grégory Gadebois, 45) sind grundverschieden, verfolgen jedoch ein gemeinsames Ziel.  © PR/2021 Neue Visionen

Chamfort weiß auch, wie wichtig ein guter Koch für den gesellschaftlichen Umgang an der eigenen Tafel ist, und bringt es gleich auf den Punkt: "Ein Mann ohne Koch ist ein Mann ohne Freunde."

Auf diese Weise ergibt sich ein Hin und Her zwischen den beiden, die zwar durch mehrere Schichten getrennt sind, aber auch nicht so ganz ohne den Anderen können.

Lavernhe ("The French Dispatch") liefert eine komplexe Darstellung als selbstbewusster Mann, der seine Privilegien schamlos ausnutzt und trotzdem schwach werden kann.

Sohn Benjamin zeigt von dem väterlichen Wunsch nach Anerkennung alles andere als begeistert und macht ihm den Vorwurf, sich überhaupt mit der Oberschicht abzugeben.

Benjamin ist durch seine Nähe zur herzöglichen Bibliothek ungewöhnlich belesen. Mit lebhaftem Interesse verfolgt er die politischen Ereignisse, die aus Zuschauersicht unaufhaltsam in die Französische Revolution münden und zahlreiche Adlige letztendlich den Kopf kosten werden.

Lefèbvre ("Bang Gang - Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus") spielt den vorlauten, etwas nervigen Teenager solide, aber mit Herz und Verständnis für die Schwäche seines Vaters.

Isabelle Carré als Louise spielt alle anderen Darsteller und deren Figuren an die Wand

Isabelle Carré (50) als Louise avanciert schnell zur interessantesten Figur.
Isabelle Carré (50) als Louise avanciert schnell zur interessantesten Figur.  © PR/2021 Neue Visionen

Die mit Abstand beste Einzelleistung erbringt jedoch Isabelle Carré (50, "Die Anonymen Romantiker") als Louise, denn ihre Figur schält sich im Verlauf der Handlung und bringt dabei immer wieder eine neue Nuance zum Vorschein, die dem manchmal vorhersehbaren Plot neuen Auftrieb gibt.

In ihrer Sturheit sind sie und Manceron sich ebenbürtig und inspirieren sich gegenseitig. Dass letzterer sehr bald für sie schwärmt, sorgt vielleicht erst einmal für Augenverdrehen, aber das Klischee zahlt sich allmählich aus.

Carré verkörpert Louise auf eine zähe, aber auch verletzliche Art, als eine Frau, die sich durch nichts und niemanden unterkriegen lässt und dabei auch gewillt ist, zu unlauteren Mitteln zu greifen.

Alles spielt vor dem Hintergrund der Französischen Revolution, die zwar wichtigen Kontext leistet und Chamforts Figur stärker herausarbeitet, aber zuweilen auch schwerfällig in die eigentlich so elegante Geschichte hineinplatzt. Auf die ein oder andere Nebenfigur hätte man auch verzichten können, um bestimmten Dialogen und Charakteren mehr Tiefgang zu verleihen.

Am Ende steht jedoch ein visuell reizvoller Film mit guten bis sehr guten schauspielerischen Leistungen, der ernste Töne mit humorvollen verbindet und sich somit wunderbar für einen Kinoabend eignet - vor dem Abendessen, versteht sich!

Titelfoto: PR/2021 Neue Visionen

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