"Bohnenstange" zeigt den erbarmungslosen Alltag zweier Soldatinnen nach Kriegsende

Deutschland - Nichts für schwache Nerven! "Bohnenstange", der am 22. Oktober in den deutschen Kinos startet, zeigt in fantastischen Bildern, wie brutal das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg für die Überlebenden weiterging.

Masha (l., Vasilisa Perelygina) und Iya (Viktoria Miroshnichenko) arbeiten inzwischen beide in einem Veteranenkrankenhaus.
Masha (l., Vasilisa Perelygina) und Iya (Viktoria Miroshnichenko) arbeiten inzwischen beide in einem Veteranenkrankenhaus.  © eksystent Filmverleih

Leningrad 1945: Zwei Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges liegt die Stadt in Trümmern.

Die Bevölkerung kämpft noch mit den Traumata des Krieges. Gleichzeitig müssen sich die Verbliebenen eine neue Existenz aufbauen, obwohl es kaum etwas zu essen gibt und der Hunger allgegenwärtig ist.

Die zwei jungen Frauen Iya (Viktoria Miroshnichenko) und Masha (Vasilisa Perelygina), die sich einst an der Front kennenlernten, befinden sich unter den Überlebenden.

Die hochgewachsene Iya - auch Bohnenstange genannt - hatte ihrer Freundin versprochen, auf deren Sohn Paschka (Timofey Glazkov) aufzupassen.

Dabei leidet die Krankenschwester noch immer unter plötzlichen Anfällen, bei denen sie in Schockstarre verfällt.

Eine dieser Attacken sorgt dafür, dass Paschka auf tragische Weise ums Leben kommt.

Als Masha davon erfährt, will sie keine Rache, sondern ein neues Kind, denn nur dieses kann ihr neuen Lebensmut geben. Da ihr selbst während des Kriegseinsatzes die Gebärmutter entfernt wurde, soll nun Iya einspringen und den Nachwuchs austragen.

Doch die ist von dem Plan ganz und gar nicht begeistert...

Deutscher Trailer zu "Bohnenstange" mit Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina

"Bohnenstange" begeistert mit beeindruckenden Bildern und großartigen Schauspiel-Leistungen

Iya (Viktoria Miroshnichenko) leidet nach ihrem Kriegseinsatz unter plötzlichen Anfällen.
Iya (Viktoria Miroshnichenko) leidet nach ihrem Kriegseinsatz unter plötzlichen Anfällen.  © eksystent Filmverleih

Regisseur Kantemir Balagov ("Closeness") ist mit seinem zweiten Spielfilm sowohl optisch als auch inhaltlich ein Meisterwerk gelungen!

Im Gegensatz zu vielen Genrevertretern setzt der Filmemacher auf eine ganz eigene Bildsprache.

Statt der für Kriegsfilme üblichen tristen Grau- und Blautönen, kommt "Bohnenstange" in warmem Gelb und Braun daher. 

Darunter mischt sich immer wieder ein kräftiges Grün, das sich wie ein Leitfaden durch das Drama zieht und auch inhaltlich an Bedeutung gewinnt.

Auch wenn die Szenen überraschend farbenfroh erscheinen, schreckt das Drehbuch nicht davor zurück, die Grausamkeiten der (Nach-)Kriegsgesellschaft mit aller Härte zu zeigen.

Hungertod, Prostitution, Gewalt, Traumata - Balagov zeigt den alltäglichen Kampf ums Überleben ungeschönt und authentisch.

Die Kamera bewegt sich dabei oft von der Totalen zur Nahaufnahme, sodass diese am Ende dicht auf den Gesichtern der Schauspieler verharrt.

Diese liefern ebenfalls auf höchstem Niveau ab. Allen voran Viktoria Miroshnichenko spielt die Rolle der ungelenken Iya, die nur zaghaft redet und oft schweigt, großartig. 

"Bohnenstange" behält trotz schwerer Themen eine gewisse Leichtigkeit

Iya (Viktoria Miroshnichenko) und Masha (Vasilisa Perelygina) leiden wie der Großteil der Restbevölkerung unter der Lebensmittelknappheit.
Iya (Viktoria Miroshnichenko) und Masha (Vasilisa Perelygina) leiden wie der Großteil der Restbevölkerung unter der Lebensmittelknappheit.  © eksystent Filmverleih

Besonders einprägsam ist die Sequenz, in der der kleine Paschka mit Kriegsversehrten im Krankenhaussaal Scharade spielt. 

Einer zieht seine Nase nach oben zum Schweinsrüssel. Ein Einarmiger imitiert die Bewegungen eines Flügelschlags. Als sie den Jungen in seinem bunten Pullover dazu bringen wollen, einen Hund zu imitieren, kommen sie schnell zu der düsteren Erkenntnis, dass er wohl noch nie einen gesehen hat. "Woher soll Paschka Hunde kennen? Die wurden alle gegessen", bemerkt einer der Verletzten.

Trotz der Schwere der Themen wirkt "Bohnenstange" nie erdrückend, da es Balagov gelingt, immer wieder Momente einzubinden, die sowohl bei den Protagonisten als auch den Zuschauern für ein kurzes Aufatmen sorgen.

Die Figuren suhlen sich nicht in Selbstmitleid - obwohl sie allen Grund dazu hätten. Auch wenn Vergangenheit und Gegenwart das Schlimmste von ihnen abverlangen, herrscht dennoch Hoffnung auf ein besseres Leben.

Wenngleich Balagov in "Bohnenstange" nichts dem Zufall überlässt, wirkt der Film keineswegs durchchoreografiert oder vorhersehbar. Stattdessen handelt es sich hierbei um ein innovatives Kriegsdrama mit starken Frauenrollen, beeindruckenden Bildern und einem glaubwürdigen Blick auf ein kaputtes Nachkriegs-Russland.

Kein Wunder, dass Russland dieses Glanzstück ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt hat!

Titelfoto: eksystent Filmverleih

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