"Corpus Christi": Ein verurteilter Gewalttäter wird illegal Priester!

Deutschland - Bewegendes Kirchendrama! Der polnische "Oscar"-Kandidat dieses Jahres, "Corpus Christi", läuft ab dem 3. September in den deutschen Kinos und begeistert mit einem fantastischen Hauptdarsteller.

Daniel (Bartosz Bielenia) hat eine kriminelle Vorgeschichte und will dennoch Priester werden. Auf legale Weise ist das aber nicht möglich.
Daniel (Bartosz Bielenia) hat eine kriminelle Vorgeschichte und will dennoch Priester werden. Auf legale Weise ist das aber nicht möglich.  © PR/Arsenal Filmverleih

Denn was Bartosz Bielenia als Daniel zeigt, ist schlichtweg großartig! Schon zu Beginn wird deutlich, dass es sich um eine ambivalente Figur handelt, die ein Geschenk für einen guten Schauspieler ist, weil er sich voll entfalten kann.

Daniel arbeitet mit einigen anderen Häftlingen eines Jugendgefängnisses in einer Schreinerei. Als ihr Meister kurz für ein Telefonat nach draußen geht, quälen einige der anderen einen jungen Erwachsenen, während Daniel Schmiere steht.

Dabei ist er eigentlich gottesfürchtig und Messdiener von Pater Tomasz (Lukasz Simlat), der ihm für die Zeit nach Ablauf seiner Strafe einen Job in einem Sägewerk vermittelt. Eigentlich will Daniel aber Priester werden. 

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Doch als Sträfling hat er da keine Chance. So feiert er seine Entlassung auf einer Party mit Alkohol, Drogen und Sex, ehe er in den Bus steigt und die ländliche polnische Gegend erreicht, in der das Sägewerk liegt. Er macht nur eine Schicht und erkundet dann das nächstgelegene Dorf. 

Vor der charmanten Eliza (Eliza Rycembel) gibt er sich in der Kirche als Priester aus. So wird er erst ihrer strenggläubigen Mutter Lida (Aleksandra Konieczna) vorgestellt und dann dem Dorfpriester Wojciech Golab (Zdzislaw Wardejn), der ihn zwar ausfragt, aber bei sich aufnimmt. Als Golab krankheitsbedingt ausfällt, soll Daniel einspringen. Und nach anfänglicher Nervosität findet er sich immer besser in seiner Rolle zurecht. Doch die Vergangenheit droht ihn einzuholen...

Deutscher Trailer zu "Corpus Christi" mit Bartosz Bielenia

"Corpus Christi" ist auch dank Bartosz Bielenia ein Ausnahmefilm

Daniel (Bartosz Bielenia) gibt sich als Priester aus und wird von den Dorfleuten akzeptiert, weil er anders und volksnäher an die Sachen herangeht.
Daniel (Bartosz Bielenia) gibt sich als Priester aus und wird von den Dorfleuten akzeptiert, weil er anders und volksnäher an die Sachen herangeht.  © PR/Arsenal Filmverleih

Diese bewegende Geschichte hat Jan Komasa ("Warschau 44") meisterlich umgesetzt. Der Regisseur hat mit viel Fingerspitzengefühl einen Ausnahmefilm geschaffen, der noch lange nachwirkt. Kein Wunder, dass sein Werk international 49 (!) Preise gewann und für 20 weitere nominiert wurde.

Denn schon die erste Szene, in der die Häftlinge übergriffig werden, ist stark gestaltet und dennoch nur der Auftakt zu einem außergewöhnlichen Werk, das bis in die kleinsten Details durchdacht ist.

"Corpus Christi" funktioniert dabei als hervorragende Milieustudie des ländlichen Polens und zugleich auch als vortreffliches Charakterporträt. 

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Gerade Daniel ist ein spannender Protagonist, der voller Widersprüche steckt, worauf schon das Äußere von Schauspieler Bielenia hindeutet.

Auf der einen Seite verströmt er nicht nur in den imposanten Gesangsszenen eine engelsgleiche Aura. Auch sein Gesicht geht zweifelsohne ganz bewusst in diese Richtung. Andererseits versprüht er auch eine maskuline Härte, die perfekt zu seiner Rolle als (Ex-) Sträfling passt.

Er kann durch diese einzigartige Mischung innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde die Stimmung einer ganzen Sequenz komplett verändern. Das wiederum sorgt von Beginn an für eine fesselnde Grundfaszination, die bis zum Ende aufrechterhalten wird.

Daniel (Bartosz Bielenia) geht in seiner Rolle als Priester voll auf.
Daniel (Bartosz Bielenia) geht in seiner Rolle als Priester voll auf.  © PR/Arsenal Filmverleih

"Corpus Christi" begeistert mit starkem Drehbuch, erstklassigen Dialogen und Charakteren

Eliza (Eliza Rycembel) und Daniel (Bartosz Bielenia) verstehen sich von Beginn an sehr gut.
Eliza (Eliza Rycembel) und Daniel (Bartosz Bielenia) verstehen sich von Beginn an sehr gut.  © PR/Arsenal Filmverleih

Er ist die Entdeckung des Filmes schlechthin! Was er trotz seines jungen Alters (28 Jahre) an mimischer Ausdrucksstärke zu bieten hat, wie geschickt er die Seele seiner Figur erfasst und eine eigene Version daraus macht, ist wahrlich beeindruckend! 

Hinzu kommen seine markanten und stechend hellblauen Augen, die er ebenfalls erstklassig einzusetzen weiß. 

Wenig verwunderlich, dass er für seine Performance zehn internationale Preise erhielt.

Doch auch die anderen Schauspieler um Rycembel und Konieczna (beide spielten schon zusammen in "Dunkel, fast Nacht") füllen ihre Parts großartig aus, weshalb dieses Drama auch ein starkes Ensemble-Stück ist, aus dem Bielenia allerdings hervorsticht.

Denn er ist derjenige, der die Identifikationsfigur für die Zuschauer ist, den Film erdet, mit dem man in besonderem Maße mitfiebert und dessen Handlungen und Antrieb man gut nachvollziehen kann.

Das hängt auch mit dem hintergründigen Drehbuch zusammen, dem die seltene Mischung gelingt, nie zu viel zu verraten, aber immer genug, sodass man das Drama noch eine Spur aufmerksamer verfolgt. Hier kann nämlich jede Kleinigkeit ein entscheidender Hinweis auf die Vorgeschichte der Figuren sein und die Story damit gekonnt vorantreiben. Dazu überzeugen die authentischen, ausformulierten Dialoge, die viele wahrhaftige Aussagen enthalten und damit zusätzlich viel zur Authentizität des Dramas beitragen.  

"Corpus Christi" behandelt viele universelle Themen auf hintergründige Art und Weise

Pinczer (l., Tomasz Zietek) war mit Daniel (Bartosz Bielenia) zusammen im Knast und könnte ihn auffliegen lassen.
Pinczer (l., Tomasz Zietek) war mit Daniel (Bartosz Bielenia) zusammen im Knast und könnte ihn auffliegen lassen.  © PR/Arsenal Filmverleih

Dank ihnen, des Skripts und des perfekt getimten Schnitts können viele universelle Themen fließend in die Erzählung eingearbeitet werden. Es geht unter anderem um Schuld, Sühne, Trauer, Vergebung, individuelle Freiheit, das Ausleben der eigenen Leidenschaft und darum, sich nicht von seinem Weg abbringen zu lassen.

Und das sind nur einige Beispiele. Denn in diesem umfassenden Werk finden sich sehr viele exzellente Beobachtungen der Realität wieder, die der Gesellschaft gekonnt und zugleich unaufdringlich den Spiegel vorhalten. 

Wenn sich etwa eine Dorfgemeinschaft zu Unrecht auf eine Person einschießt, wirkt das wie zu Zeiten des Mittelalters - völlig fehlplatziert! 

Außerdem arbeitet Komasa gemeinsam mit Bielenia die inneren Kämpfe von Daniel erstklassig heraus. 

Der 20-Jährige hat nämlich eine bewegte Vorgeschichte, die ihn erst in diese komplizierte Lage gebracht hat. Schwierig ist es für ihn nicht nur, weil er mit Eliza anbandelt, sondern auch, weil Mitinsasse Pinczer (Tomasz Zietek) im Sägewerk arbeitet und ihn auffliegen lassen könnte. So muss Daniel andauernd auf der Hut sein. 

All das wird von ruhigen Einstellungen eingefangen, durch die man immer die Übersicht hat, aber auch nah am Geschehen und den atmosphärischen Locations dran ist. Wegen all dieser Stärken ist "Corpus Christi" einer der besten Filme des Jahres geworden - unbedingt anschauen!

Titelfoto: PR/Arsenal Filmverleih

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