"Das Land meines Vaters": Wie die mächtigen Konzerne einen kleinen Bauern ausbluten lassen

Deutschland - Einer der besten Filme des Jahres! "Das Land meines Vaters" startet am 18. November in den deutschen Kinos und begeistert mit einer zutiefst bewegenden Familiengeschichte, in die viele universelle Themen flüssig eingearbeitet werden. Die TAG24-Kritik.

Die Familie Jarjeau erlebt auch schöne Momente, so wie hier an Weihnachten: Vater Pierre (Guillaume Canet, 48), Tochter Emma (Yona Kervern), Mutter Claire (Veerle Baetens, 43) und Sohn Thomas (Anthony Bajon) halten zusammen.
Die Familie Jarjeau erlebt auch schöne Momente, so wie hier an Weihnachten: Vater Pierre (Guillaume Canet, 48), Tochter Emma (Yona Kervern), Mutter Claire (Veerle Baetens, 43) und Sohn Thomas (Anthony Bajon) halten zusammen.  © PR/Nord-Quest Films

1979 kehrt Pierre Jarjeau (Guillaume Canet, 48) aus Wyoming in die französische Provinz zurück, um den Hof "Les Grands Bois" seines Vaters Jacques Jarjeau (Rufus alias Jacques Narcy, 78) für viel Geld zu pachten.

Insgesamt 1,3 Millionen Franc zahlen er und seine große Liebe Claire (Veerle Baetens, 43), 1000 Franc pro Hektar pro Jahr. Trotz dieser Summen strotzt er vor Tatendrang, liebt die Farm, die inmitten einer malerischen Natur liegt und weitläufig ist.

1996 haben Pierre und Claire mit Thomas (Anthony Bajon, 27) und Emma (Yona Kervern) zwei Kinder, die schon ordentlich mithelfen, schließlich ist immer viel zu tun. Doch die finanziellen Sorgen wachsen. Pierre verkauft 130 kleine Ziegen, bekommt aber weniger Geld dafür als noch zuvor.

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Er hat sich hoch verschuldet und bekommt von der Bank nur einen Aufschub, weil er seinen Hof mithilfe eines mächtigen Unternehmens vergrößert. Fortan züchtet er neben Ziegen auch Hühner in Massentierhaltung. Das missfällt seinem knurrigen und sturen Dad, der ihm den Hof nicht schenken will, weil Pierre "nur Mist" baue, nun im System feststecke und er sein Leben lang hart gearbeitet habe.

Mit seiner Art trägt er dazu bei, dass sein Sohn komplett ausrastet und der Stress ihn langsam von innen auffrisst, weil ihn die Großkonzerne nun "an den Eiern" hätten. Ein Zusammenbruch im Hühnerstall ist da nur der Anfang ...

Deutscher Trailer zu "Das Land meines Vaters" mit Guillaume Canet und Veerle Baetens

"Das Land meines Vaters" ist ein Meisterwerk geworden, das den Zeitgeist trifft

Regisseur Edouard Bergeon (39) hat diese bewegende Geschichte am eigenen Leib erlebt und nun einen fantastischen Film erschaffen.
Regisseur Edouard Bergeon (39) hat diese bewegende Geschichte am eigenen Leib erlebt und nun einen fantastischen Film erschaffen.  © PR/Philippe Vandendriessche

Diese autobiografische Geschichte hat Edouard Bergeon (39) brillant umgesetzt. Dem französischen Filmemacher ist ein Meisterwerk gelungen, das von der ersten bis zur letzten Minute fesselt und berührt.

Das liegt am herausragenden Drehbuch voll sensibler Zwischentöne, an der außergewöhnlich guten Charakterdarstellung sowie -entwicklung und an der erstklassigen Regie-Führung eines Mannes, der diese Dinge selbst erlebt und nun auf der großen Leinwand verarbeitet hat.

Dabei legt er seine Figuren zutiefst menschlich an, sodass sich das Publikum mit ihnen identifizieren kann. Zudem arbeitet der Sohn und Enkel von Bauern gekonnt heraus, welche universellen Probleme die Familie hat und wie sie den Kampf dennoch über viele Jahre annimmt, ehe sich erste Brüche und Ermüdungserscheinungen zeigen.

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Mit viel Fingerspitzengefühl zeigt er eine jahrzehntelange, schleichende Entwicklung im Landwirtschaftsbereich und bringt dem Publikum nahe, wie erdrückend es für die hart arbeitenden Menschen ist, trotz allem immer mehr Schulden anzuhäufen. Bergeon führt einem deutlich vor Augen, wozu solch übermächtige Dauersorgen führen können.

Erstaunlicherweise gelingt es ihm dennoch, sein Werk - typisch französisch - mit einer gewissen Leichtigkeit zu erzählen und problemlos sehr ernste sowie wichtige gesellschaftliche Themen wie moderne Sklaverei, Ausbeutung, Existenzangst oder familiäre Probleme ausgewogen zu behandeln und sie flüssig in die Storyline einzuweben, ohne diese zu überfrachten. Außerdem hinterfragt er das aktuelle Landwirtschaftsproblem zu Recht kritisch.

Originaltrailer zu "Das Land meines Vaters" mit Guillaume Canet und Veerle Baetens

"Das Land meines Vaters" lässt die Zuschauer eine emotionale Achterbahnfahrt durchleben

Thomas (Anthony Bajon, 27) versucht, seinem Vater zu helfen, während Jacques (Rufus, 78) ihm das Gefühl gibt, es ihm nie recht machen zu können.
Thomas (Anthony Bajon, 27) versucht, seinem Vater zu helfen, während Jacques (Rufus, 78) ihm das Gefühl gibt, es ihm nie recht machen zu können.  © PR/Nord-Quest Films

Gerade diese Vielfalt und zugleich Balance sind der Schlüssel dafür, dass dieses grandiose Drama so gut funktioniert. So werden die Jarjeaus beim fröhlichen Beisammensein zu Weihnachten gezeigt, bei Familienfeiern, aber auch bei Unstimmigkeiten und Streitereien zwischen den Generationen.

Das führt dazu, dass man als Betrachter eine emotionale Achterbahnfahrt erlebt und voll in die Story abtauchen kann. Darüber hinaus bindet man sich durch die hintergründige Darstellung an gleich mehrere Protagonisten, da ihre Handlungen und Motive nachvollziehbar sind.

So macht "Das Land meines Vaters" sogar traurig sowie wütend, weil die Verzweiflung und bedrückende Stimmung greifbar sind. In dieser Kategorie erinnert er an das wichtige und ebenfalls sehenswerte US-Umweltdrama "Vergiftete Wahrheit".

Zusätzlich ist der künstlerische Anspruch erkennbar hoch. Die starke Kameraführung von Eric Dumont ("My Son") sorgt mit ihren weiten Aufnahmen von der Farm beispielsweise für eindringlich-schöne Bilder, die dank der herrlichen Landschaften noch wirkungsvoller sind.

Auch die Darsteller werden erstklassig in Szene gesetzt und sind deshalb imstande, großartige Leistungen zu zeigen.

Pierre (Guillaume Canet, 48) sprüht lange Zeit vor Tatendrang und will den Hof entwickeln sowie rentabel machen.
Pierre (Guillaume Canet, 48) sprüht lange Zeit vor Tatendrang und will den Hof entwickeln sowie rentabel machen.  © PR/Nord-Quest Films

Guillaume Canet und Veerle Baetens erden "Das Land meines Vaters" gekonnt

Mit der Zeit hinterlassen die erdrückenden Dauersorgen bei Pierre (Guillaume Canet, 48) jedoch erkennbar Spuren.
Mit der Zeit hinterlassen die erdrückenden Dauersorgen bei Pierre (Guillaume Canet, 48) jedoch erkennbar Spuren.  © PR/Nord-Quest Films

Allen voran Canet ("The Program - Um jeden Preis", "The Beach", "Zusammen ist man weniger allein"), der seine ambivalente Rolle mit vollem körperlichem sowie mimischem Einsatz ausfüllt und dabei gekonnt alle verschiedenen Gefühlsregungen porträtiert - großes Schauspielkino des international gefragten Charakterdarstellers!

Doch auch Batens ("The Broken Circle"), Bajon ("The Prayer") und Rufus ("Die fabelhafte Welt der Amelie") zeigen sehr gute Darbietungen. Erstere hat die stärkste Frauenrolle inne und stellt diese überzeugend und mit viel Klasse dar.

Daher sind das gute Casting und die stimmige Dynamik bzw. Chemie zwischen den Künstlern ein weiterer Grund dafür, dass der Film so gut funktioniert.

Dabei helfen ihnen die Masken und Kostüme nachhaltig, gerade Canet altert so ersichtlich und glaubwürdig. Genau solche Details tragen viel zur dichten Atmosphäre bei, die von der schönen Musikuntermalung noch verstärkt wird.

In besonderem Maße gilt das sogar für die Dialoge, die aus der jeweiligen Situation heraus zu entstehen scheinen und dank der Schauspieler sowie ihrem Timing authentisch herübergebracht werden.

Die Jarjeaus bewirtschaften den Bauernhof gemeinsam.
Die Jarjeaus bewirtschaften den Bauernhof gemeinsam.  © PR/Nord-Quest Films

Zusammengenommen ist "Das Land meines Vaters" eine meisterliche Familiensaga, die aufgrund ihrer tiefschürfenden, analytischen Geschichte, ihrer beeindruckend ausgewogenen sowie emotionalen Machart und der exzellent agierenden Besetzung ein großes Kinoerlebnis geworden ist! Ganz stark!

Titelfoto: PR/Nord-Quest Films

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