"Die schönsten Jahre eines Lebens": Die große Sehnsucht nach einer alten Liebe

Deutschland - "Die schönsten Jahre eines Lebens sind die, die man noch nicht gelebt hat", sagte einst der französische Schriftsteller und Politiker Victor Hugo. Das ist auch das Motto dieses Filmes, der ab dem 2. Juli in den deutschen Kinos läuft.

Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant, 89) verbringt seinen Lebensabend in einem luxuriösen Seniorenheim.
Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant, 89) verbringt seinen Lebensabend in einem luxuriösen Seniorenheim.  © PR/Metropolitan Filmexport

In "Die schönsten Jahre eines Lebens" steht mit Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant, 89) ein älterer Mann im Mittelpunkt, der mittlerweile in einem Seniorenheim wohnt. Dieses ist zwar luxuriös, aber eben nur "das Beste vom Schlechtesten".

Selbstverständlich will der ehemalige Rennfahrer und Frauenheld hier nicht sein Dasein fristen. Doch da er nicht mehr mobil ist und sein Kurzzeitgedächtnis ihn im Stich lässt, blieb seinem Sohn Antoine (Antoine Siri) keine andere Wahl.

Doch auch er merkt, dass sein Vater nicht mehr groß an Gesprächen teilnimmt und hauptsächlich Tagträumen nachhängt. 

Dabei denkt er vor allem an seine alte Liebe Anne Gauthier (Anouk Aimée, 88), mit der er vor über 50 Jahren eine Affäre hatte. 

Damals gingen sie nicht gerade im Guten auseinander. Doch diese feurige Beziehung war so lebendig, dass er sich noch heute an die große Liebe seines Lebens erinnert. Antoine macht sich deshalb auf die Suche nach der mysteriösen Frau und findet diese in der Normandie mit ihrer Tochter Françoise Gauthier (Souad Amidou) und ihrer Enkelin (Tess Lauvergne). 

Er bittet sie inständig, Jean-Louis zu besuchen. Nach reiflicher Überlegung ringt sie sich dazu durch. Zwar erkennt Duroc sie nicht, fühlt sich jedoch an Anne erinnert. Die Chemie zwischen ihnen stimmt sofort wieder und weckt die eingeschlafenen Lebensgeister von Jean-Louis wieder...

Trailer zu "Die schönsten Jahre eines Lebens" mit Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée

"Die schönsten Jahre eines Lebens" ist der Nachfolger des Klassikers "Ein Mann und eine Frau"

Françoise Gauthier (l., Souad Amidou) und Antoine Duroc (Antoine Siri) sind die bereits mittelalten Kinder des einstigen Paares.
Françoise Gauthier (l., Souad Amidou) und Antoine Duroc (Antoine Siri) sind die bereits mittelalten Kinder des einstigen Paares.  © PR/Metropolitan Filmexport

Diese Geschichte knüpft nahtlos an den Kinoklassiker "Ein Mann und eine Frau" aus dem Jahre 1966 an, der ein Jahr später gleich zwei "Oscars" (bestes Originaldrehbuch, bester fremdsprachiger Film) gewann.

Damals wie heute ist Claude Lelouch der Regisseur und Drehbuchautor. 

Der 82-Jährige lässt dieselben Hauptdarsteller, die vor 54 Jahren mitspielten, erneut in ihre Rollen schlüpfen. 

Wer "Ein Mann und eine Frau" also noch nicht gesehen hat, sollte ihn nachholen, bevor er sich "Die schönsten Jahre eines Lebens" anschaut.

Der feierte auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2019 seine Weltpremiere und kommt nun nach der Corona-bedingten Kinopause endlich auch in die deutschen Lichtspielhäuser.

Für die meisten Cineasten dürfte der 49. Film Lelouchs ein Fest sein. Denn sein Werk ist aus der Zeit gefallen, angenehm ruhig erzählt, legt viel Wert auf die Charakterdarstellung und -entwicklung, behandelt dabei auch noch das universelle Thema des Älterwerdens und den unterschiedlichen Umgang damit.

Während Anne noch voll im Leben steht und einen eigenen kleinen Laden hat, muss sich Jean-Louis mit dem begnügen, was ihm noch bleibt: seine Träume und sein Langzeitgedächtnis. 

"Die schönsten Jahre eines Lebens" beschäftigt sich mit dem nagenden Zahn der Zeit

Auch die italienische Starschauspielerin Monica Bellucci (55) hat als Elena einen Gastauftritt.
Auch die italienische Starschauspielerin Monica Bellucci (55) hat als Elena einen Gastauftritt.  © PR/Metropolitan Filmexport

Die stärksten Erinnerungen aus der Vergangenheit tauchen vor seinem geistigen Auge auf und versüßen ihm seine Existenz. 

Lelouch erzählt diese tiefschürfende Story mit Feingefühl und Gespür für seine Figuren, die er sensibel und ungeschönt mit Stärken sowie Schwächen und ihrem Alter getreu darstellt. 

Dabei legt er auch Wert auf Kontraste und baut immer wieder Originalaufnahmen aus dem Vorgänger ein, was dem Publikum deutlich vor Augen führt, wie viel Zeit seitdem vergangen ist.

So entwickelt sich ein melancholischer Feel-Good-Film, der traurig und schön zugleich ist. 

Durch die hintergründige Art und Weise der Inszenierung ermöglicht es Lelouch den Zuschauern, mit den sympathischen Protagonisten auch emotional mitzugehen.

Dieser Aspekt wird durch das vielschichtige Drehbuch und die intelligenten Dialoge, die zum Nachdenken anregen, noch verstärkt.

Deshalb sieht man darüber hinweg, dass das gut 90 Minuten lange Drama die ein oder andere kleinere Länge hat und die Grenzen von Tragtraum und Realität manchmal zu sehr verschwimmen. Denn das Identifikationspotenzial ist groß, die Geschichte bewegend, berührend und herzerwärmend.

Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant zeigen in "Die schönsten Jahre eines Lebens" starke Leistungen

Anne Gauthier (r., Anouk Aimée) besucht Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant). Die Chemie zwischen den beiden stimmt sofort wieder.
Anne Gauthier (r., Anouk Aimée) besucht Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant). Die Chemie zwischen den beiden stimmt sofort wieder.  © PR/Metropolitan Filmexport

Auf die Chemie zwischen den Schauspielern und deren Charisma kann sich Lelouch ohnehin verlassen.

Sowohl die 88-jährige Aimée, die erstmals 1947 vor der Kamera stand und mit der italienischen Regie-Legende Federico Fellini die zwei Klassiker "La Dolce VIta - Das süße Leben" (1960) und  "Achteinhalb" (1963) drehte, als auch der 89-jährige Trintignant, der 2012 in Michael Hanekes "Liebe" den männlichen Hauptpart spielte und auch sonst mit vielen Weltstars wie Kirk Douglas, Orson Welles und Klaus Kinski drehte, beweisen hier, was jahrzehntelange Dreherfahrung ausmachen kann.

Sie füllen ihre wichtigen Figuren mit viel Leben und reichern sie subtil mit Details an, weshalb es eine wahre Freude ist, den beiden Stars zuzusehen, an denen man dank der Kameraführung auch noch sehr nah dran ist. 

Dazu fügen sich auch die schönen Locations und die ausdrucksstarken Kostüme gut in den Erzählfluss ein, der durch viele weitere interessante Themen sehr lebendig ist.

Wegen all dieser Stärken ist dieses Spätwerk von Lelouch, Aimée und Trintignant sehenswert geworden. Gerade Cineasten werden sich über diese vermutliche letzte filmische Zusammenkunft freuen und "Die schönsten Jahre eines Lebens" deshalb genießen können. 

Titelfoto: PR/Metropolitan Filmexport

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