"Fabian oder Der Gang vor die Hunde": Berlin zwischen Party, Sex und Hitlers Machtergreifung

Deutschland - Der deutsche Film des Jahres! Mit der Adaption von Erich Kästners Roman "Fabian oder Der Gang vor die Hunde", die am 5. August in den Kinos anläuft, wagt sich Regisseur Dominik Graf (68) tief hinein in den Sündenpfuhl Berlins der frühen 1930er Jahre, verliert dabei aber nie ganz den Bezug zum Hier und Jetzt.

Zusammen mit Labude (Albrecht Schuch, 35) streift Jakob Fabian (Tom Schilling, 39) durch die Nachtclubs.
Zusammen mit Labude (Albrecht Schuch, 35) streift Jakob Fabian (Tom Schilling, 39) durch die Nachtclubs.  © DCM Film

Die Handlung beginnt in der Gegenwart: Die wackelige Kamera führt den Zuschauer aus einem Berliner U-Bahnwagen über den Bahnsteig am Heidelberger Platz an unzähligen Passanten vorbei. Kaum merklich verändern sich die Menschen rings herum, während die Atemzüge im Hintergrund immer angestrengter klingen, die Schritte immer schneller werden.

Schließlich kommt das Bild - und der Betrachter - endlich oben auf der Treppe an: im Berlin des Jahres 1931.

Hier wartet der Germanist Jakob Fabian (Tom Schilling, 39, "In Berlin wächst kein Orangenbaum"), am Ausgang auf seinen Freund, den unglücklich verliebten Labude (Albrecht Schuch, 35, "Berlin Alexanderplatz").

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Die beiden jungen Männer kennen sich noch aus Studienzeiten. Während Fabian den Doktor schon hat, steht Labude, der trotz oder gerade wegen seiner reichen Familie fest im linken Milieu verankert ist, kurz vor Abgabe seiner Promotion.

Zusammen erkunden sie das wilde Nachtleben der Großstadt, trinken und rauchen zu viel und vergnügen sich mit wechselnden Liebschaften. Auf einem dieser Ausflüge lernt Fabian Cornelia Battenberg (Saskia Rosendahl, 28, "Mein Ende, dein Anfang") kennen und verliebt sich Hals über Kopf in die angehende Schauspielerin.

Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm: Erst verliert er seinen Job als Werbetexter in einer Zigarettenfabrik, dann gerät auch seine Romanze mit Cornelia ins Stocken. Denn sie ist mehr noch an ihrer beruflichen Karriere als an der Liebe interessiert.

Deutscher Trailer zu "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" mit Tom Schilling, Albrecht Schuch

"Fabian oder Der Gang vor die Hunde" ist eine Hommage an die Möglichkeiten des Kinos

Fabian (Tom Schilling, 39) verliebt sich in Cornelia Battenberg (Saskia Rosendahl, 28) Hals über Kopf.
Fabian (Tom Schilling, 39) verliebt sich in Cornelia Battenberg (Saskia Rosendahl, 28) Hals über Kopf.  © DCM Film

Knapp drei Stunden lang lässt sich Dominik Graf ("Der rote Kakadu") Zeit, um seine eigene Version von Kästners Roman, der mittlerweile vielerorts Teil des Schulkanons ist, auf die Leinwand zu bringen und langweilt dabei keine einzige Minute.

Das gelingt vor allem dank seiner Experimentierfreudigkeit: Die Szenen in "Fabian" kommen mal in körnigem Super 8, mal in hyperrealistischem HD daher. Sowohl das Format in 4:3, als auch die Archivaufnahmen in Schwarz-Weiß erinnern an Kino aus vergangenen Zeiten.

Dazu wechselt der Streifen immer wieder in den Splitscreen, zwischen rasanten Schnitten und Standbildern sowie Über- und Unterbeleuchtung hin und her.

Selbst eine Hommage an den Stummfilm bringt Graf gekonnt in seinem Werk unter: Als Fabian gerade mit Cornelia und seiner Mutter in einem Restaurant sitzt und ein erfolgreicher Filmproduzent auftaucht, wird der Ton durch Klaviermusik ersetzt und der Dialog auf Texttafeln eingeblendet.

So entfaltet sich der Film zu einer Collage aus Altem und Neuem, verliert sich dabei allerdings nie komplett in technischen Spielereien, sondern verknüpft diese geschickt mit den Aufnahmen eines ebenso sommerlichen wie verruchten Berlins.

Dabei greifen die verschiedenen Zeiten ineinander: In "Fabian" tragen die Darsteller mal Kleider aus den 30ern, mal erinnern ihre Hosen und Hemden an die aktuelle Mode großstädtischer Hipster. An den Litfaßsäulen hängen Wahlplakate der NSDAP. Die Figuren steigen in Oldtimer, laufen über Stolpersteine, die heute an die Opfer des damals kurz bevorstehenden Holocaust erinnern: "Wir sitzen alle im gleichen Zug und reisen quer durch die Zeit".

"Fabian oder Der Gang vor die Hunde" setzt auf einen großartigen Cast

Irene Moll (Meret Becker, 52, r.) knutscht erst wild mit Fabian (Tom Schilling, 39) herum und will ihn später für ihr "Männerbordell" anheuern.
Irene Moll (Meret Becker, 52, r.) knutscht erst wild mit Fabian (Tom Schilling, 39) herum und will ihn später für ihr "Männerbordell" anheuern.  © DCM Film

Hauptfigur Fabian ist dabei der Beobachter, dem das Publikum durch die Straßen der Großstadt folgt.

Während er sich zu Beginn noch dem Drang nach wilden Eskapaden hingibt, wird er mit fortschreitender Handlung zum stillen Betrachter, der der Lasterhaftigkeit seines Freundes Labude nichts mehr abgewinnen kann.

Tom Schilling spielt seine Rolle zwischen Leichtfüßigkeit und Schwere ähnlich brillant wie er es schon in "Oh Boy" getan hat und Albrecht Schuch beweist einmal mehr, dass er aktuell zu den besten deutschen Schauspielern gehört.

Auch die Frauenfiguren kommen in "Fabian" erfrischend emanzipiert daher: Da ist etwa die begierige Irene Moll (Meret Becker, 52, "Babylon Berlin"), die ihre Lust zum Geschäftsmodell macht und Fabian für ihr neu eröffnetes Männerbordell gewinnen will.

Oder eben Cornelia, die von Saskia Rosendahl ebenso selbstbewusst wie verletzlich gespielt wird.

Mit "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" ist Dominik Graf ein facettenreiches, tiefgründiges aber ebenso unterhaltsames Werk gelungen, das gleichzeitig einen Blick zurück und nach vorn wirft, das in seiner Umsetzung viel wagt, dabei aber nie über die Stränge schlägt und dessen Cast von der ersten bis zur letzten Minute brilliert.

Titelfoto: DCM Film

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