"First Cow": Mann rettet flüchtigen Mörder!

Deutschland - Ein Festivalhit voller Poesie! "First Cow" läuft zwar schon seit dem 9. Juli beim Streamingdienst Mubi, wird aber vom 18. November an auch in den deutschen Kinos gespielt und überzeugt als stilsicherer Western voll herrlicher Landschaftsaufnahmen. Die TAG24-Kritik.

Die erste Kuh in Oregon wird über den Steg vor malerischer Naturkulisse zu ihrem neuen Besitzer (Toby Jones, 55) geführt. Sie bringt Otis "Cookie" Figowitz (John Magaro, 38) und King-Lu (Orion Lee) auf eine gewitzte Idee.
Die erste Kuh in Oregon wird über den Steg vor malerischer Naturkulisse zu ihrem neuen Besitzer (Toby Jones, 55) geführt. Sie bringt Otis "Cookie" Figowitz (John Magaro, 38) und King-Lu (Orion Lee) auf eine gewitzte Idee.  © PR/Allyson Riggs/A24 Films

Zu Beginn ist feinfühlige Musik zu hören und ein Zitat von William Blake aus "Sprichwörter aus der Hölle" zu lesen: "Dem Vogel ein Nest, der Spinne ein Netz, dem Menschen Freundschaft."

Um Letzteres geht es im 24-mal ausgezeichneten Werk von Regisseurin Kelly Reichardt (57), das zudem noch für 145 Filmpreise nominiert war und seine Deutschlandpremiere am 22. Februar 2020 auf der 70. Berlinale feierte. Es beruht auf dem Roman "The Half-Life" von Jonathan Raymond (50).

In der ersten langen Einstellung ist ein wunderschöner See mit einem kahlen Wald im Hintergrund zu sehen, auf dem sich ein großer Dampfer vorwärts schleicht. Wenig später tritt mit Otis "Cookie" Figowitz (John Magaro, 38) der Hauptprotagonist in Erscheinung, der in den 1820er-Jahren in Oregon Pilze pflückt und sich als Koch einiger Trapper gerade so durchschlägt, was seiner abgenutzten Kleidung anzusehen ist.

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Er trifft hier auf King-Lu (Orion Lee), der sich mit einigen Russen anlegte, weil die einen Freund von oben bis unten aufschlitzten und er einen erschoss. Daher befindet sich der weitgereiste Chinese auf der Flucht, wird von Cookie ohne Nachfragen versteckt und somit gerettet. Die beiden treffen sich später wieder, als Cookie gerade arbeitssuchend ist, und kommen auf eine gemeinsame Geschäftsidee: Ein betuchter englischer Gentleman (Toby Jones, 55) hat die erste Kuh der Region bei sich stehen, was sich die beiden zunutze machen wollen.

Sie planen, leckere Kekse zu backen, und brauchen dafür Milch als "Geheimzutat". So gehen sie das Wagnis ein, das friedliche Tier nachts ohne Erlaubnis zu melken. Bald stehen die Leute für ihre Köstlichkeiten Schlange - auch der Engländer selbst. Wird der Feinschmecker etwas merken?

OmU-Trailer zu "First Cow" mit John Magaro, Orion Lee, Toby Jones und Ewan Bremner

"First Cow" ist ein visuell hochwertiger Neo-Western mit einem ganz eigenen Stil

Indie-Regisseurin Kelly Reichardt (57) hat mit "First Cow" einen im positiven Sinne eigenwilligen Film erschaffen.
Indie-Regisseurin Kelly Reichardt (57) hat mit "First Cow" einen im positiven Sinne eigenwilligen Film erschaffen.  © PR/Allyson Riggs/A24 Films

Diese Geschichte hat Reichardt ("Certain Women", "Night Moves") klasse umgesetzt. Der Independent-Filmemacherin ist ein poetisches und im positiven Sinne stilisiertes Kunstwerk gelungen, das mit seinen traumhaft schönen Landschaften und großartigen Aufnahmen begeistert.

Zwar ist das Erzähltempo langsam, doch wer sich damit anfreunden kann, dem wird in diesem vielschichtigen Neo-Western gerade visuell viel geboten.

In dieser Hinsicht könnte das Level nämlich gar nicht höher sein, denn die US-amerikanische Regisseurin und ihr kongenialer Kameramann Christopher Blauvelt (51, "Emma", "The Bling Ring", "Mid90s") spielen geschickt mit Schatten und Licht, haben beide ein scharfes cineastisches Auge und sorgen deshalb für eine imposante Bildgewalt, der man sich nicht entziehen kann und will.

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Darüber hinaus haben sie auch noch eine gute Handlung, die zwar phasenweise ein wenig zu minimalistisch vorangetrieben wird und in den 121 Minuten Laufzeit kleinere Längen, aber dennoch Hand und Fuß hat. Es geht um Beziehungen zwischen Menschen, bei denen die Details gekonnt herausgearbeitet werden. Eine große Rolle spielen auch ihre universellen Träume, Wünsche und Gedanken.

Mit dieser divergenten Herangehensweise an dieses bekannte und oft bediente Genre erschafft Reichardt etwas ganz Eigenes, das gerade deshalb neugierig macht, interessant ist und bleibt. Zudem kommt es ohne Brutalität aus, es gibt keine Schießerei oder Messerstecherei. Die einzige Prügelei wird nur weit entfernt im Hintergrund gezeigt.

Otis "Cookie" Figowitz (John Magaro, 38) sammelt im dichten Wald in Oregon Pilze.
Otis "Cookie" Figowitz (John Magaro, 38) sammelt im dichten Wald in Oregon Pilze.  © PR/Allyson Riggs/A24 Films

John Magaro und Orion Lee glänzen in "First Cow"

Otis "Cookie" Figowitz (John Magaro, 38, l.) rettet King-Lu (Orion Lee) das Leben, weshalb sich eine enge Freundschaft und großer Respekt zwischen den beiden Männern entwickelt.
Otis "Cookie" Figowitz (John Magaro, 38, l.) rettet King-Lu (Orion Lee) das Leben, weshalb sich eine enge Freundschaft und großer Respekt zwischen den beiden Männern entwickelt.  © PR/Allyson Riggs/A24 Films

Damit zeigt Reichardt mal eine gutmütige Seite, ohne den rauen und wilden Westen zu verklären, weil anhand der exzellenten Kostüme Klassenunterschiede deutlich werden. Gerade der herzensgute Cookie wird beispielsweise gezeigt, wie er zu Beginn einen Salamander, der auf dem Rücken lag und strampelte, umdreht, sodass er seiner Wege gehen kann.

Zudem inszeniert Reichhardt auch seine Liebe zum Backen anregend, sodass einem das Wasser im Mund zusammenläuft und man die Köstlichkeiten selbst gern kosten möchte. All das spricht für ein exzellentes Drehbuch voller Tiefgang, Feinheiten und ausdrucksstarker Dialoge, die zum Nachdenken anregen.

Außerdem kann sich die Regisseurin auf ihre Besetzung verlassen. Magaro ("The Many Saints of Newark", "Operation: Overlord", "Carol") zeigt als zurückhaltender, subtiler Mann, der aber auch ein Kämpfer ist, eine starke Darbietung. Er fungiert als Identifikationsfigur. Das gilt ebenfalls für Lee ("Star Wars - Episode VIII: Die letzten Jedi", "James Bond 007: Skyfall", "Zack Snyder: Justice League"), der seine Figur mit seiner ausdrucksstarken Stimme sowie seiner ruhigen Art exzellent einfängt und dessen Intelligenz sowie Weltoffenheit glaubwürdig darstellt.

In Nebenrollen wissen Jones ("Die Tribute von Panem - Catching Fire", "Captain America: The First Avenger", "Atomic Blonde") und Ewan Bremner (50, "Black Hawk Down", "Trainspotting", "Wonder Woman") mit ihrer Erfahrung sowie Qualität Akzente zu setzen.

Otis "Cookie" Figowitz (John Magaro, 38) ist ein herzensguter Mensch, der sich gerade so durchschlägt, mit seiner Liebe zum Backen aber eine herausragende Fähigkeit hat.
Otis "Cookie" Figowitz (John Magaro, 38) ist ein herzensguter Mensch, der sich gerade so durchschlägt, mit seiner Liebe zum Backen aber eine herausragende Fähigkeit hat.  © PR/Allyson Riggs/A24 Films

Zusammengenommen ist "First Cow" ein wundervoll poetischer Film mit einer verzückenden Bildsprache geworden, der dank seiner satten grünen Landschaften, ruhigen Kameraführung, feinsinnigen Geschichte und seiner Appetit anregenden Backszenen das Herz erwärmt. Da stört auch die ein oder andere Länge nur am Rande.

Titelfoto: PR/Allyson Riggs/A24 Films

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