Horrorfilm "Lamb": Ehepaar nimmt Kind auf, doch das entpuppt sich als mysteriöses Zwitterwesen

Deutschland - Düsteres Horrormärchen mit überraschender Wendung! Im isländischen Oscarkandidaten "Lamb", der am 6. Januar in den (offenen) deutschen Kinos anläuft, adoptiert ein kinderloses Ehepaar ein bizarres Mischwesen aus Mensch und Schaf. Doch das ist längst nicht der gruselige Höhepunkt der Story. Die TAG24-Kritik.

Maria (Noomi Rapace, 42) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason, 52) mit ihrem Adoptiv-"Kind" Ava.
Maria (Noomi Rapace, 42) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason, 52) mit ihrem Adoptiv-"Kind" Ava.  © A24

Eine isländische Farm irgendwo im Nirgendwo: Maria (Noomi Rapace, "Alien Covenant") und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason, "Weiß weißer Tag") hüten in der Einsamkeit der Berge eine kleine Schafherde und verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit der Aufzucht der Nutztiere.

Nur eines fehlt den Eheleuten noch zu ihrem Glück: ein eigenes Kind.

Diese Lücke scheint sich in einer schicksalhaften Nacht endlich zu schließen, als ein Mischwesen aus Lamm und Kind an Weihnachten in ihrem Stall geboren wird.

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Wie selbstverständlich nimmt Maria das Neugeborene als ihr eigenes Baby an und gibt ihm den Namen "Ada".

Das Glück scheint perfekt, denn aufgrund der abgeschiedenen Lage des Hofes kommt kaum eine Menschenseele vorbei.

Und etwaige Konkurrenz in Form von Adas leiblicher Schafsmutter, die immer wieder vor dem Anwesen des Paares steht und lauthals blökt, wird von Maria kurzerhand persönlich erschossen.

Erst als Ingvars Bruder Pétur (Björn Hlynur Haraldsson) ungeplant zu Besuch kommt, beginnt die Familienidylle zu bröckeln ...

Trailer zu "Lamb" mit Noomi Rapace und Björn Hlynur Haraldsson

"Lamb" kreiert dank düsterer Naturaufnahmen und Musikklängen eine einzigartige Stimmung

Die Landschaftsaufnahmen in "Lamb" sind die große Stärke des Films.
Die Landschaftsaufnahmen in "Lamb" sind die große Stärke des Films.  © A24

Ein Lamm-Baby-Zwitter wird von einem verzweifelten Paar adoptiert und als ihr eigenes Kind ausgegeben - wer bei dieser Grundprämisse nicht schlagartig Reißaus nimmt, erlebt mit "Lamb" gleich zu Beginn des noch jungen Kinojahres eine waschechte Überraschung.

Trotz der gewöhnungsbedürftigen Ausgangslage gelingt Newcomer Valdimar Jóhannsson (44) mit seinem Langfilmdebüt ein faszinierender Genremix aus Familiendrama und Gruselstreifen mit Querverweisen aus Bibel und isländischer Folklore.

Die Erzählung startet dabei äußerst gemächlich, nimmt sich viel Zeit, um die fast durchgängig mit Nebelschwaden verhangene Landschaft zu erkunden.

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Die ebenso mystischen wie düsteren Aufnahmen erzeugen von Beginn an eine beklemmende, beinahe überirdische Grundstimmung.

Dass für den weiteren Verlauf der Geschichte die ein oder andere erschütternde Wendung zu erwarten ist, kündigen auch die dröhnenden Streicher an, die immer wieder im Hintergrund ertönen.

In diesem Setting wird die Beziehung zwischen Maria und Ingvar vor allem durch die Abwesenheit von Dialog gezeichnet.

Der zurückliegende Verlust ihres Kindes hat die Einsiedlerin in eine tiefe Depression gestürzt. Für ihren Mann scheint sie weder viele Worte noch große Zärtlichkeiten übrigzuhaben.

"Lamb" macht am Ende einen entscheidenden Fehler

Für ihre Tochter Ava greift Maria (Noomi Rapace, 42) auch zur Waffe.
Für ihre Tochter Ava greift Maria (Noomi Rapace, 42) auch zur Waffe.  © A24

Einzig die Liebe zu ihren Schafen, die gleich zu Beginn eindrücklich und naturalistisch mit der Geburtsszene eines Lammes gezeigt wird, scheint ihr noch Freude zu bereiten.

Noomi Rapace, die auch als Produzentin beteiligt ist, beweist einmal mehr ihr Gespür für besondere Rollen.

Das reduziertes Spiel erschwert dem Zuschauer zunächst bewusst den Zugang zu ihrer gebrochenen Figur. Doch als Ada in Marias Leben tritt, blüht sie regelrecht auf: Die Kreatur wächst statt im Stall im Haus auf, bekommt ein eigenes Kinderbett im Schlafzimmer und wird per Flasche gefüttert.

Zu keiner Zeit wird die Existenz des Wesens infrage gestellt. Stattdessen wird sie selbstverständlich in das kleine Familiengefüge aufgenommen. Damit liest sich "Lamb" auch als Kommentar auf das Zusammenleben mit dem vermeintlich Fremden und Andersartigen.

Viele Handlungsstränge erschließen sich nur langsam, manche lässt Jóhannsson komplett offen.

Leider verzichtet der Regisseur, der ebenso am Drehbuch mitschrieb, am Ende dann doch nicht darauf, den Ursprung Avas zu erklären. Die Story steuert so auf den vermeintlichen Grusel-Höhepunkt zu, der aber zu schnell wieder verpufft und aufgrund der mittelmäßigen Effekte eher für große Ernüchterung als für Gänsehaut sorgt.

Damit verspielt der eigentlich ambitioniert angelegte Streifen einen großen Teil der vorher so eingehend aufgebauten Mystik. Eine eindrucksvolle Kinoerfahrung bleibt "Lamb" trotzdem.

Titelfoto: A24

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