"Lisey's Story": Stephen-King-Serie strotzt nur so vor Dämonen, Blut und alptraumhaften Bildern

Deutschland - Dämonen, ein psychopathischer Stalker und jede Menge Blut: Die ersten beiden Folgen von "Lisey's Story", seit dem 4. Juni auf dem Streamingdienst Apple TV+ abrufbar, sind ein wahres Fest für alle Horror-Fans. Trotz hervorragender Besetzung (u.a. Julianne Moore, Clive Owen) begeht die Stephen-King-Adaption aber einen entscheidenden Fehler.

Der verrückte Dooley (r., Dane DeHaan, 35) ist besessen von Schriftsteller Scott Landon (l., Clive Owen).
Der verrückte Dooley (r., Dane DeHaan, 35) ist besessen von Schriftsteller Scott Landon (l., Clive Owen).  © Apple TV+

Die Serie startet gleich zu Beginn mit einem echten Schocker: Lisey Landon (Julianne Moore, 60, "Nach der Hochzeit") muss live miterleben, wie ihr Ehemann, der beliebte Romanautor Scott Landon (Clive Owen, 56, "Gemini Man") von einem Irren niedergeschossen wird.

Auch zwei Jahre später hat sie den Verlust noch nicht verkraftet und igelt sich in ihrem Haus ein. Dort stößt sie im alten Büro ihres Mannes auf eine Notiz, die er ihr hinterlassen hat.

Scott hatte sich vor seinem Tod eine sogenannte Bool Hunt, eine Schnitzeljagd, für seine Ehefrau ausgedacht.

Also begibt sich Lisey auf die Suche nach den Hinweisen, blickt dabei immer wieder auf die gemeinsame Zeit mit dem Roman-Autor zurück und muss feststellen, dass ihre Wahrnehmung sie wohl all die Jahre lang getäuscht hat.

Gleichzeitig rutscht ihre psychisch kranke Schwester Amanda (Joan Allen, 64, "Das Bourne Vermächtnis") immer weiter in eine Fantasiewelt ab, die der aus Scotts Büchern verdächtig ähnelt. Sie hört Stimmen und schneidet sich die Unterarme blutig.

Und dann gibt es auch noch den fanatischen Dooley (Dane DeHaan, 35, "The Kid"), der besessen von Landons Werk ist und vor nichts zurückschreckt, um an dessen unveröffentlichte Manuskripte zu gelangen - auch nicht vor Gewalt.

Originaltrailer zu "Lisey's Story" mit Julianne Moore, Clive Owen, Dane DeHaan, Jennifer Jason Leigh

"Lisey's Story": Regisseur Pablo Larraín kreiert atmosphärische Grusel-Bilder

Lisey Landon (Julianne Moore, 60) geht gleich in der ersten Szene baden.
Lisey Landon (Julianne Moore, 60) geht gleich in der ersten Szene baden.  © Apple TV+

Die Miniserie "Lisey's Story" bietet auf den ersten Blick alles, um knapp acht Stunden lang auf hohem Niveau zu unterhalten.

Regisseur Pablo Larraín (44, "Ema") liefert die perfekten Bilder, um das Wechselspiel aus Psychothriller, Horror und Fantasy einzufangen.

Das zeigt schon die Auftaktszene, in der Lisey in einen von Nebelschwaden verhangenen Teich steigt und darin ihre Kreise zieht. Unterlegt wird die Sequenz von atmosphärischen Streichern, die die düstere Grundstimmung passend musikalisch auffangen. Gänsehaut pur!

Die Kameraarbeit von Darius Khondji (65, "Der schwarze Diamant") kann ebenso mithalten: Langsam schleicht sich diese durch halbdunkle Räume an die Protagonisten heran.

Die für Gruselfilme typisch entsättigten Bilder tun ihr Übriges. In Liseys Heimatort scheint sich die Sonne nicht oft blicken zu lassen.

Dafür sieht man an jeder Ecke schwarze Krähen. Eine davon erleidet allerdings ein äußerst trauriges Schicksal und wird von Dooley kurzerhand zum Ausbluten in den Briefkasten der Schriftsteller-Witwe deponiert. Den verkörpert DeHaan mit ungewaschenen Haaren, tiefen Augenringen und psychotischem Blick nicht ganz klischeefrei, aber immerhin überzeugend.

"Lisey's Story" überzeugt mit tollen Schauspielleistungen von Clive Owen und Julianne Moore

Lisey's (l., Julianne Moore, 60) Schwester Amanda (Joan Allen, 64) hat alptraumhafte Visionen.
Lisey's (l., Julianne Moore, 60) Schwester Amanda (Joan Allen, 64) hat alptraumhafte Visionen.  © Apple TV+

Auch Owen, der in der Serie ausschließlich in Rückblenden zu sehen, kann als charmanter und ebenso mysteriöser Schriftsteller punkten.

Noch besser ist nur Moore: Ohne übertriebenen Pathos spielt sie eine Frau, die nach und nach erkennen muss, dass ihr Mann nicht der war, für den sie ihn gehalten hat.

Dennoch hat die Apple-Produktion eine große Schwäche und die lautet ausgerechnet Stephen King (73)!

"Lisey’s Story" (in Deutschland unter dem Titel "Love" erschienen) ist nicht nur sein Lieblingsbuch, es ist auch mit einem der dramatischsten Ereignisse seines Lebens verknüpft.

Nach einem Unfall landete er 1999 im Krankenhaus. Ehefrau Tabitha nahm dies zum Anlass und renovierte Kings Arbeitszimmer, wurde aber nicht ganz fertig. Als der Autor wieder nach Hause kam, standen überall volle Kartons und leere Regale - so als hätte er bereits das Zeitliche gesegnet. Die Idee zu "Lisey’s Story" war geboren.

Nun hat der 73-Jährige auch das Skript zur gleichnamigen Adaption geschrieben. Leider, möchte man fast meinen, denn gerade das Drehbuch nimmt der Serie zumindest in den ersten beiden Episoden die Dynamik.

"Lisey's Story" verschenkt viel Potenzial aufgrund seines unausgereiften Drehbuchs

"Lisey’s Story" hat tolle Bilder, nur die Handlung kann da nicht ganz mithalten.
"Lisey’s Story" hat tolle Bilder, nur die Handlung kann da nicht ganz mithalten.  © Apple TV+

Immer wieder werden neue Erzählstränge aufgeworfen, neue Charaktere eingeführt, ohne dass sie für die Handlung auch nur irgendeine gewichtige Rolle spielen, so zum Beispiel Schwägerin Darla.

Warum für diese Figur dann eine hochkarätige Darstellerin wie Jennifer Jason Leigh (59, "The Hateful Eight") engagiert wurde, bleibt bisher rätselhaft.

Die schiere Fülle an teils überflüssiger und in sich verschachtelter Handlung dürfte so manchen Zuschauer schnell abschrecken.

Immerhin hat King in der Vergangenheit bewiesen, dass die Verfilmungen seiner Werke, bei denen er beteiligt war, oft zum Totalausfall wurden (siehe seine grauenhafte Serienadaption von "The Shining" aus dem Jahr 1997).

Dieses Schicksal dürfte "Lisey’s Story" dank toller Atmosphäre und großartiger Darsteller-Riege nicht bevorstehen.

Ob es für den großen Serien-Hit reicht, bleibt nach den beiden Auftaktfolgen allerdings fraglich.

Titelfoto: Apple TV+

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