"Niemals selten manchmal immer": Heftiges Abtreibungsdrama sorgt für großes emotionales Leid!

Deutschland - Einer der besten Filme der diesjährigen 70. Berlinale läuft ab dem 1. Oktober endlich auch regulär in den deutschen Kinos an! "Niemals selten manchmal immer" behandelt im Rahmen einer Coming-of-Age-Geschichte das schwierige Thema Abtreibung.

Autumn Callahan (l., Sidney Flanigan) wird von ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) nach Kräften unterstützt.
Autumn Callahan (l., Sidney Flanigan) wird von ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) nach Kräften unterstützt.  © PR/Focus Features, LLC. All Rights Reserved

Im Mittelpunkt steht die erst 17 Jahre alte Autumn Callahan (Sidney Flanigan). Die singt zu Beginn auf einer Schulaufführung und wird aus dem Publikum als "Schlampe" beschimpft, wofür der Zwischenrufer später eine "nette" Abreibung von ihr verpasst bekommt. 

Immerhin lobt ihre Familie sie - bis auf den Stiefvater (Ryan Eggold)! Der ist nämlich genervt davon, wie schlecht Autumn immer gelaunt ist. Denn sie strahlt viel aus, Lebensfreude allerdings nicht. Aber aus verständlichen Gründen. 

Dafür ist sie eine starke Frau, die sich nichts gefallen lässt - und das trotz ihrer schwierigen Lebensphase und -umstände. So bricht sie auch nicht zusammen, als sie in einer Klinik einen Schwangerschaftstest macht, bei dem herauskommt, dass sie ungewollt ein Kind erwartet. 

Gedankenverloren geht sie ihrem Job als Kassiererin in einem Supermarkt nach, wo sie an der Seite ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) arbeitet. Ihr widerlicher Chef (Drew Seltzer) betatscht die Hände der beiden jedes Mal, wenn sie ihm abends das gezählte Kassengeld geben. Beide wünschten sich in solchen Situationen Jungs zu sein, ohne die ganzen Mädchenprobleme.

Die sind aber die Realität. Als Skylar erfährt, was Sache ist, unterstützt sie Autumn, wo sie nur kann. Sie haut gemeinsam mit ihr in der Nacht aus Pennsylvania mit dem Bus nach New York ab. Unterwegs wird die bildschöne Skylar von Jasper (Théodore Pellerin) angeflirtet und angefasst, was ihr nicht gefällt. Dennoch gibt sie ihm ihre Nummer. Als hätte sie geahnt, was für ein Spießrutenlauf sie und vor allem Autumn im "Big Apple" erwartet...

Deutscher Trailer zu "Niemals selten manchmal immer" mit Sidney Flanigan und Talia Ryder

"Niemals selten manchmal immer" ist ein Indie-Meisterwerk

Autumn Callahan (Sidney Flanigan) muss einen wahren Hindernisparcours an Untersuchungen durchlaufen.
Autumn Callahan (Sidney Flanigan) muss einen wahren Hindernisparcours an Untersuchungen durchlaufen.  © PR/Focus Features, LLC. All Rights Reserved

Diese Geschichte hat Eliza Hittman ("Beach Rats") genial umgesetzt. Dank der subtilen Machart ist der Regisseurin ein fesselndes Indie-Meisterwerk gelungen, das noch lange Zeit nachwirkt und deshalb völlig zurecht sehr gute Kritiken bekam. 

Obendrauf erhielt die Filmschaffende auf der Berlinale auch den Großen Preis der Jury. Kein Wunder, hat Hittman doch ein sensibles, nüchtern erzähltes Drama geschaffen, das den Zuschauern emotional an die Nieren geht.

Autumn und Skylar müssen nämlich einiges durchmachen - und vieles davon erscheint auch in der heutigen Zeit leider noch immer realistisch. 

Sie müssen höllisch aufpassen, nicht ausgenutzt zu werden. Es ist erschreckend mitanzusehen, wie wenige Menschen ihnen grundlos helfen möchten. Fast jeder erwartet eine Gegenleistung oder versucht zumindest, sie zu beeinflussen. 

Dabei nicht vom Weg abzukommen und gute eigene Entscheidungen zu treffen, sind die großen Herausforderungen, die Autumn und Skylar in "Niemals selten manchmal immer" bewältigen müssen.  

Eine Schulter zum Anlehnen kann Autumn Callahan (r., Sidney Flanigan) bei all ihren Problemen gut gebrauchen. Cousine Skylar (Talia Ryder) ist gerne für ihre enge Freundin da.
Eine Schulter zum Anlehnen kann Autumn Callahan (r., Sidney Flanigan) bei all ihren Problemen gut gebrauchen. Cousine Skylar (Talia Ryder) ist gerne für ihre enge Freundin da.  © PR/Focus Features, LLC. All Rights Reserved

"Niemals selten manchmal immer" ist ein zutiefst menschliches Drama mit depressiven Anklängen

Skylar (l., Talia Ryder) erweist sich als echte Freundin und einziger Rückhalt von Autumn Callahan (Sidney Flanigan).
Skylar (l., Talia Ryder) erweist sich als echte Freundin und einziger Rückhalt von Autumn Callahan (Sidney Flanigan).  © PR/Focus Features, LLC. All Rights Reserved

Zusätzlich geht es auch darum, eigene Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Daraus dann Charakterstärke zu entwickeln und durchsetzungsfähig in einer Welt zu sein, in der viele Menschen einem vorschreiben möchten, wie oder was man zu sein hat.

Mit dieser realistischen, mitunter leicht ins Negative abdriftenden Erzählweise konnten sich auf der Berlinale und auch dem Sundance Film Festival viele Menschen anfreunden - ob Kritiker oder Publikum, der im Original heißende "Never Rarely Sometimes Always" kam durch die Bank weg gut an.

Das liegt auch daran, dass man die Liebe der Verantwortlichen zu ihrem Werk durchgehend spürt und deshalb auch die eher depressive Atmosphäre, die nur selten von kurzen Augenblicken der Hoffnung und Menschlichkeit durchbrochen wird, in Kauf nimmt und sich von ihr mitreißen lässt.

Daran haben auch die vielen Details einen entscheidenden Anteil. Denn jede einzelne Szene ist von Bedeutung. 

Deshalb sollte man diesen detailreichen Film aufmerksam verfolgen, um ihn seiner ganzen Tragweite verstehen und einordnen zu können.

Sidney Flanigan und Talia Ryder glänzen in "Niemals selten manchmal immer"

Nicht nur in dieser Szene wird deutlich, wie alleingelassen sich Autumn Callahan (Sidney Flanigan) in dieser komplizierten Welt mit ihren Problemen fühlt.
Nicht nur in dieser Szene wird deutlich, wie alleingelassen sich Autumn Callahan (Sidney Flanigan) in dieser komplizierten Welt mit ihren Problemen fühlt.  © PR/Focus Features, LLC. All Rights Reserved

So kann schon eine kleine Geste von den stark auftrumpfenden Schauspielerinnen zu einer sich verändernden Stimmung führen. Hier muss man Flanigan bei ihrem Schauspieldebüt und Ryder bei ihrem ersten Langspielfilm ein großes Kompliment machen.

Beide haben die Seelen ihrer Figuren erfasst und eine eigene Version daraus kreiert. Sie verkörpern sie deshalb glaubwürdig und hintergründig. Dazu stimmt auch noch die Chemie zwischen den beiden.

So verfolgte das Publikum während der Berlinale-Vorstellung am 26. Februar um 15 Uhr, wo TAG24 vor Ort war, im nahezu ausverkauften Friedrichstadt-Palast, dieses mitunter erschütternde Drama gebannt. 

Obwohl hier knapp 1900 Menschen Platz finden, schauten sich nahezu alle den zutiefst bewegenden Film sehr aufmerksam an. Das hat auch mit der exzellenten Recherche und dem genialen Drehbuch von Hittman zu tun. 

Sie geht mit ihrem beeindruckenden Werk nämlich in die Tiefe und schafft es dabei auch noch, durchgehend im Fluss zu bleiben. So arbeitet sie viele alltägliche Probleme in die Erzählung ein und gestaltet ihr Werk dennoch ausgewogen.

"Niemals selten manchmal immer" fesselt von der ersten bis zur letzten Sekunde

Lächeln oder sogar lachen sieht man Autumn Callahan (Sidney Flanigan) so gut wie nie.
Lächeln oder sogar lachen sieht man Autumn Callahan (Sidney Flanigan) so gut wie nie.  © PR/Focus Features, LLC. All Rights Reserved

Mithilfe des herausragenden Schnitts entwickelt man darüber hinaus ein grundlegendes Verständnis für die Situationen, in denen sich die Protagonisten befinden, was wiederum das Identifikationspotenzial mit ihnen und der Story erhöht. 

Dadurch hält er das anfängliche Interesse über die gesamten 101 Minuten aufrecht, weshalb man durchgehend neugierig ist und erfahren möchte, wie es weitergeht. 

Es entsteht zusätzlich eine Grundspannung, die von der ersten bis zur letzten Sekunde anhält. Die Kameraführung hat an dieser faszinierenden Wirkung einen entscheidenden Anteil, weil sie die Gesichter der beiden Hauptcharaktere oft aus nächster Nähe zeigt, weshalb man jede kleine Veränderung umgehend bemerkt und tiefer in die jeweiligen Emotionen der jeweiligen Szene hineingesogen wird.

Auch die entsättigte Farbgebung, die sich durch die atmosphärischen Locations und passend ausgewählten Kostüme zieht, trägt viel zum Gelingen von "Niemals selten manchmal immer" bei. Zusammen unterstützen sie auch die Charakterzeichnung auf hervorragende Art und Weise.

Wegen all dieser Aspekte ist "Never Rarely Sometimes Always" einer der besten und tiefgründigsten Filme des Jahres geworden. Ein melancholisches Coming-of-Age-Drama mit starken Schauspielerinnen, einer großartig erzählten Geschichte und hohem Identifikationspotenzial - ein wahres Indie-Meisterwerk!

Titelfoto: PR/Focus Features, LLC. All Rights Reserved

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