"Nomadland" feiert die harten Arbeiter, die "von der Gesellschaft weggeworfen wurden"

Deutschland - DAS Meisterwerk des Jahres? "Nomadland" von Chloe Zhao (39, "The Rider", "Eternals") hat in dieser Award-Saison satte 232 Filmpreise (darunter drei "Oscars") gewonnen und war für 137 weitere Trophäen nominiert. Am 1. Juli kommt das Drama nun auch in die deutschen Kinos. Lohnt sich ein Besuch? Mehr dazu in unserer Kritik.

Fern (Frances McDormand, 63) lebt als Nomadin und wohnt in ihrem kleinen Van.
Fern (Frances McDormand, 63) lebt als Nomadin und wohnt in ihrem kleinen Van.  © PR/Disney

Die Hauptrolle spielt die freundliche Fern (Frances McDormand, 63), deren Mann an Krebs starb. Doch damit noch nicht genug der Schicksalsschläge. Ihre Heimatstadt ging in der großen Weltwirtschaftskrise 2011 den Bach herunter.

Am 31. Januar gab die Firma US-Gypsum nach 88 Jahren aufgrund mangelnder Nachfrage das Herstellen von Gipsplatten in Empire auf. Im Juli wurde dann sogar die Postleitzahl der Stadt gelöscht.

Fern verlor alles, was ihr lieb und teuer war. So entscheidet sich die Mittsechzigerin, einen Neuanfang zu wagen. Sie verkauft ihr Hab und Gut, zieht fortan als Nomadin durch den Westen der USA, wo sie sich mit Aushilfsjobs bei Amazon oder in einem Schnellrestaurant ein wenig Geld verdient.

Den Rest der Zeit sucht sie nach sich selbst und nach Zugehörigkeit. Letztere findet sie schließlich in der Gemeinschaft von Linda May (Linda May), Swankie (Swankie) und Bob Wells (Bob Wells), die in der Wüste ihr ärmliches Dasein fristen, sich dafür aber auf zutiefst menschliche Weise unterstützen. Sie alle versuchen, sich das Leben gegenseitig zu erleichtern, denn jeder von ihnen hat es bereits schwer genug.

Ihre finanziellen Sorgen, die geringen Rentenbezüge und ihre persönlichen Schicksale müssen sie nämlich allesamt mit sich herumschleppen...

Deutscher Trailer zu "Nomadland" mit Frances McDormand und David Strathairn

Zweiter deutscher Trailer zu "Nomadland" von Chloe Zhao mit Frances McDormand

"Nomadland" ist ein Loblied auf die vermeintliche "Unterschicht"

Fern (Frances McDormand, 63, l.) genießt schöne zwischenmenschliche Momente so wie hier mit Dave (David Strathairn, 72).
Fern (Frances McDormand, 63, l.) genießt schöne zwischenmenschliche Momente so wie hier mit Dave (David Strathairn, 72).  © PR/Disney

Diese Ode auf die hart arbeitende Bevölkerung hat Zhao mit viel Feingefühl umgesetzt. Ihr ist ein wichtiges und beeindruckendes Drama gelungen, das mit Aufnahmen voll kalter poetischer Schönheit, gefühlvoller Musikuntermalung und abwechslungsreichen Landschaften eine dichte Atmosphäre kreiert.

Vor allem aber mit seiner Hintergründigkeit. Selten wurde die "Unterschicht" so vorurteilsfrei und ohne Klischees beleuchtet. Eine Frau steht dabei sinnbildlich für Millionen Menschen, die bis zum Zusammenbruch schuften, um sich irgendwie über Wasser zu halten, was vielen aber nur bedingt gelingt.

So sind die Existenzsorgen groß. Fern lebt deshalb in einem Van und selbst in bitterkalten Nächten nimmt sie aus Stolz keine Hilfe an. Bezeichnend ist auch eine weitere Szene zu Beginn: Ein Mädchen sagt ihr dort, dass ihre Mutter sie für obdachlos hält. Fern nimmt das freundlich und gefasst, aber auch besorgt zur Kenntnis.

Sie ist auf der Suche nach seelischer Freiheit, will schöne Erlebnisse haben und sich mit guten Menschen austauschen sowie anfreunden. Diese Vielschichtigkeit arbeiten Zhao und ihr Team sehr gut heraus, obwohl es hier auch kleinere Schwächen gibt.

So stellt man sich immer wieder die Frage, was Fern eigentlich antreibt und was sie so "exzentrisch" hat werden lassen. Zu ihren familiären Hintergründen erfährt man nämlich leider nur wenig. Daher kann man sich zwar mit ihr identifizieren, aber nicht auf einer tiefergehenden emotionalen Ebene mitgehen.

Englischer Originaltrailer zu "Nomadland" mit Frances McDormand

"Nomadland" hat zähe Phasen, reißt andererseits aber dank der überragenden Frances McDormand mit

Schauspielerin Frances McDormand (63,l.) wurde von Regisseurin Chloe Zhao (39) zu einer weiteren Meisterleistung angespornt.
Schauspielerin Frances McDormand (63,l.) wurde von Regisseurin Chloe Zhao (39) zu einer weiteren Meisterleistung angespornt.  © PR/Disney

Dazu hat der Film leider auch einige Längen, weil er sehr, sehr ruhig erzählt ist. Stellenweise wirkt er sogar aus der Zeit gefallen, so entschleunigt kommt er daher. Wer damit etwas anfangen kann und auch längere Sequenzen mag, in denen zwischenmenschlich einiges vonstattengeht, der wird mit "Nomadland" viel anfangen können.

Speziell die vierfache "Oscar"-Gewinnerin McDormand ("Three Billboards Outside Ebbing, Missouri", "Fargo", "Mississippi Burning - Die Wurzel des Hasses") zieht das Publikum in das Roadmovie hinein. Sie begeistert, weil sie an ihre tragende Rolle mit viel Demut und Würde herangeht.

Dadurch kommt ihre vom Leben gezeichnete Figur sympathisch herüber und fungiert als erdender Anker. Wenig verwunderlich, dass sie für ihre erneute Ausnahmeleistung den Academy Award als beste Hauptdarstellerin gewann. Dazu gab es auch noch die Trophäen für den besten Film und die beste Regie.

Da mit Linda May, Swankie und Bob Wells echte Nomaden größere Nebenrollen haben, besticht Zhaos Werk auch mit Authentizität und großer Genauigkeit.

Es behandelt viele schwelende Probleme der USA, die sich auf die ganze restliche Welt projizieren lassen, auf sensible Art und Weise. Der Film verdeutlicht, wie schrecklich es ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Denn das führt bekanntlich zu wachsender sozialer Unzufriedenheit, daraus resultierender Unruhe und letztlich zu mehr Extremismus.

Frances McDormand gewann für ihre Leistung in "Nomadland" den "Oscar" als beste Hauptdarstellerin

Ein Funken Hoffnung: Fern (Frances McDormand, 63) genießt auch einfach mal einen malerischen Abendhimmel.
Ein Funken Hoffnung: Fern (Frances McDormand, 63) genießt auch einfach mal einen malerischen Abendhimmel.  © PR/Disney

"Nomadland" ist nicht der eine Überfilm, aber eines der besten Werke des Jahres!

Fern (Frances McDormand, 63) musste neben dem Krebstod ihres Mannes noch einige andere Schicksalsschläge ertragen.
Fern (Frances McDormand, 63) musste neben dem Krebstod ihres Mannes noch einige andere Schicksalsschläge ertragen.  © PR/Disney

Zu dieser traurigen Entwicklung hat Bob Wells in einer bewegenden Rede viel zu sagen. Er helfe denjenigen, "die von der Gesellschaft weggeworfen wurden". Noch immer würden sich nämlich zu viele Menschen der "Tyrannei der Geldes" unterwerfen und sich zu Tode schuften. Das belegen auch einige Schicksale in diesem Film.

Diese werden - wie die Handlung - ausbalanciert dargestellt. Trotz des harten Sujets ist "Nomadland" nicht zu deprimierend geraten, sondern von Hoffnungsschimmern durchzogen - und sei es nur eine wunderschöne Abendhimmel-Wolkenformation am Horizont.

Neben diesem Augenschmaus verdienen die stimmigen Kostüme, die ausgefeilten Dialoge und der semi-dokumentarische Stil, der viel zur Glaubwürdigkeit des Dramas beiträgt, großes Lob.

Trotzdem muss man festhalten, dass "Nomadland" - genauso wie "Parasite" im vergangenen Jahr - nicht dieser eine Überfilm ist. Mit der Wucht von "The Father" kann er beispielsweise nicht ganz mithalten.

Dennoch zählt er mit Sicherheit zu den sehenswertesten Werken des Jahres, für den sich ein Kinobesuch lohnt. Schließlich regt er zum Überdenken vieler Dinge an und stößt den Diskurs an, ob es gut ist, dass die Welt sich gefühlt immer schneller sowie oberflächlicher dreht und Geld immer noch wichtiger wird. Und alleine dafür kann man vor "Nomadland" nur den Hut ziehen.

Titelfoto: PR/Disney

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