"Rojo": Mann rastet in Restaurant völlig aus: "Ihr verdammten Nazis!"

Deutschland - Eklat! Im argentinischen Drama "Rojo - Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig", das am 15. Oktober in den deutschen Kinos startet, kommt es direkt zu Beginn zu einem handfesten Streit.

Claudio Mora (Dario Grandinetti, 2.v.l.) und seine Frau Susana (Andrea Frigerio, l.) sind angesehene Leute und laden regelmäßig Familie und Freunde ein.
Claudio Mora (Dario Grandinetti, 2.v.l.) und seine Frau Susana (Andrea Frigerio, l.) sind angesehene Leute und laden regelmäßig Familie und Freunde ein.  © PR/Cine Global Filmverleih

Im Jahr 1975 hat sich der bekannte und beliebte Rechtsanwalt Claudio Mora (Dario Grandinetti) in seinem Stammrestaurant niedergelassen und studiert dort in Ruhe die Menükarte.

Von hinten betrachtet ihn zunehmend wütender werdend Dieguito alias "der Hippie" (Diego Cremonesi). Er macht Claudio verbal an und will dessen Platz haben, weil er direkt bestellen möchte und Hunger hat.

Mora gibt nach, sagt Dieguito aber anschließend deutlich, was er von ihm und seinem asozialen Benehmen hält. In seiner Analyse erklärt er, dass er "Mitleid" mit ihm habe, denn er sei ein "armer Bastard" und "ein Opfer" seiner streitsüchtigen Natur. Damit trifft er sein Gegenüber. Denn als der Kellner zu Dieguito geht, springt der "Hippie" auf, tickt völlig aus und beschimpft erst Mora als "Hu...sohn" und dann die anwesenden Leute als "verdammte Nazis".

Als er traurig und wütend zugleich randaliert, überwältigen ihn die Männer gemeinsam und werfen ihn raus. Doch auch danach kehrt nur kurzzeitig Ruhe ein. Denn nachdem Claudio mit seiner Frau Susana (Andrea Frigerio) gegessen hat, wartet der rachsüchtige "Hippie" draußen auf sie und wirft mit Steinen auf ihr Auto.

Dieguito lockt Mora dadurch aus dem Auto und bedroht ihn mit einer Pistole. Überraschend richtet er sie jedoch auf sich selbst und drückt ab. Claudio muss nun überlegen, was er tut. Hilft er dem schwerverletzten und geistig offenbar gestörten Mann oder zahlt er ihm die Beleidigungen heim? Seine Entscheidung wird sein Leben nachhaltig beeinflussen ...

Originaltrailer mit deutschen Untertiteln zu "Rojo - Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig"

"Rojo - Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig" ist eine intellektuell anspruchsvolle Filmperle

Claudio Mora (Dario Grandinetti, 2.v.l.) ist Rechtsanwalt und fällt eine Entscheidung, die sein Leben prägen wird.
Claudio Mora (Dario Grandinetti, 2.v.l.) ist Rechtsanwalt und fällt eine Entscheidung, die sein Leben prägen wird.  © PR/Cine Global Filmverleih

Diese Geschichte hat Benjamín Naishtat ("El Movimiento") klasse umgesetzt. Dem in Buenos Aires geborenen Regisseur ist eine Filmperle gelungen, die auf der ganzen Welt zum Festivalhit avancierte, 16 Preise gewinnen konnte und für 26 weitere nominiert wurde.

Das ist wenig verwunderlich, ist "Rojo" doch ein interessantes Werk mit einem ganz eigenen Stil geworden, das sich erkennbar von der Masse abhebt und die Spannung über die gesamten 109 Minuten hochhält.

Jede Szene hat ihre Bedeutung. Auch vermeintlich kleine Dinge, die in Nebensätzen erwähnt werden, tauchen später wieder auf. Dieser durchgehend vorhandene rote Faden ist ein Grund dafür, dass das Drama so gut funktioniert. So bleibt man neugierig und will wissen, wie es weitergeht. 

Das liegt auch am hohen künstlerischen Anspruch. Die Zuschauer werden bei der Vielzahl an Figuren, der verwobenen Handlung und den Wendungen gefordert und sollten sich auf all das einlassen können, um ihren Spaß zu haben.

Wer sich selbst als Cineast sieht bzw. gern mal intellektuell fordernde Filme sieht und auch über die ein oder andere Geschwätzigkeit und Länge hinwegsehen kann, der dürfte hier an der richtigen Stelle sein. Denn was der "Rojo" in Sachen Kameraführung, Locations, Musikuntermalung, Kostüme, Ausstattung und Szenebild bietet, ist großes Kino!

Claudio Mora (Dario Grandinetti, l.) starrt den miesepetrigen Dieguito alias "der Hippie" (Diego Cremonesi) im Restaurant an, nachdem er seinen Platz an ihn abgetreten hat. Wenig später kommt es zum Eklat.
Claudio Mora (Dario Grandinetti, l.) starrt den miesepetrigen Dieguito alias "der Hippie" (Diego Cremonesi) im Restaurant an, nachdem er seinen Platz an ihn abgetreten hat. Wenig später kommt es zum Eklat.  © PR/Cine Global Filmverleih

Dario Grandinetti zeigt in "Rojo - Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig" eine Glanzleistung

Was genau hat Claudio Mora (Dario Grandinetti) in der Wüste vor?
Was genau hat Claudio Mora (Dario Grandinetti) in der Wüste vor?  © PR/Cine Global Filmverleih

Darüber hinaus überzeugen die schauspielerischen Leistungen, wobei der erfahrene Grandinetti (" Wild Tales: Jeder dreht mal durch!") noch hervorzuheben ist. 

Er erdet "Rojo" mit seiner ruhigen Präsenz, seiner Ausstrahlung und mimischen Ausdrucksstärke. Damit trägt er viel zum Gelingen des Dramas bei, weil man sich mit seiner Figur identifizieren kann, obwohl man sich die Hintergründe und Lebensgeschichte selbst zusammenreimen muss.

Hier wären - gerade bei den Nebencharakteren - ein paar mehr Details wünschenswert gewesen. So fällt es phasenweise schwer, sich emotional mitreißen lassen, obwohl man den Zwiespalt der Protagonisten gut nachvollziehen kann. 

Dennoch hat der Film das gewisse Etwas und begeistert mit seinem kritischen Blick auf die argentinische Gesellschaft und vielen verschiedenen Story-Elementen, die sich zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen. 

Deshalb ist "Rojo" ein hochinteressantes Drama geworden, das voller Metaphern steckt, mit starken Darstellern aufwartet und mit seiner anspruchsvollen Handlung zu überzeugen weiß. Da sieht man auch gerne über die ein oder andere kleine Schwäche hinweg.

Titelfoto: PR/Cine Global Filmverleih

Mehr zum Thema Filmkritik:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0