"Saint-Narcisse": Von Inzest zwischen Zwillingsbrüdern und Missbrauch im Kloster!

Deutschland - Inzest, Missbrauch, Verlangen, Begierde und Absurdität vom Feinsten! "Saint-Narcisse" läuft am 25. November in den deutschen Kinos an und sorgt für reichlich Gänsehaut sowie Unbehagen. Die TAG24-Kritik.

Dominic (Félix-Antoine Duval) betrachtet sich fasziniert. Er ist ergriffen von seinem eigenen Spiegelbild – zudem sieht er seinem Zwillingsbruder Daniel (auch Félix-Antoine Duval) mit seiner neuen Frisur zum Verwechseln ähnlich.
Dominic (Félix-Antoine Duval) betrachtet sich fasziniert. Er ist ergriffen von seinem eigenen Spiegelbild – zudem sieht er seinem Zwillingsbruder Daniel (auch Félix-Antoine Duval) mit seiner neuen Frisur zum Verwechseln ähnlich.  © PR/PRO-FUN MEDIA

Dominic (Félix-Antoine Duval) ist anders als die meisten Menschen. Statt sich für Dating, Beziehungen und Sex zu interessieren, liegt sein Fokus vordergründig auf sich selbst, seinem eigenen Körper und seinen markanten sowie unverkennbaren Gesichtszügen.

Stets mit einer Polaroidkamera gewappnet stolziert er durch die Straßen Kanadas und schießt Bilder von sich, wann immer sich die Möglichkeit ergibt, um sie anschließend zu bewundern – während seine Hände behutsam und liebevoll über seine Haut streifen.

Doch während er seinen Alltag durchlebt, wird ihm in vielen Situationen immer wieder bewusst gemacht, dass da irgendetwas zu fehlen scheint – warum sonst sollte er fortlaufend diesen jungen, schönen Mann in Kapuze vor Augen haben, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht?

Als seine geliebte Großmutter (Angèle Coutu) stirbt, stößt Dominic beim Ausräumen ihres Hauses auf ein Bündel Briefe, das sein Herz zum Rasen bringt und ihm eine neue Aufgabe verpasst. So macht er sich auf die Suche nach seiner totgeglaubten Mutter (Tania Kontoyanni) – und findet dabei noch so viel mehr: Lust, Leidenschaft und einen Zwilling, der Gefühle in ihm weckt, die er bisher nur für sich selbst empfinden konnte.

Doch ist all die neuentdeckte Liebe genug, um seinen Bruder Daniel (auch Félix-Antoine Duval) aus den Fängen des missbräuchlichen und von dem heiligen Sebastian besessenen Pater Andrew (Andreas Apergis) zu retten?

Trailer zu "Saint-Narcisse" mit Felix-Antoine Duval, Tania Kontoyanni und Alexandra Petrachuk

"Saint-Narcisse" ist eine Nacherzählung eines griechischen Mythos mit erotischem Touch

Irene (Alexandra Petrachuk) ist zunächst nicht begeistert, dass Dominic (Félix-Antoine Duval) plötzlich auftaucht und ihr Leben und das von Beatrice (Tania Kontoyanni), auf den Kopf zu stellen scheint.
Irene (Alexandra Petrachuk) ist zunächst nicht begeistert, dass Dominic (Félix-Antoine Duval) plötzlich auftaucht und ihr Leben und das von Beatrice (Tania Kontoyanni), auf den Kopf zu stellen scheint.  © PR/PRO-FUN MEDIA

Mit seinem Werk schreibt der kanadische Regisseur Bruce LaBruce (57, "Die Misandristinnen", "Pierrot Lunaire") den griechischen Mythos rund um Narziss, den schönen Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, um und verpasst ihm einen erotischen sowie gleichzeitig völlig abstrusen Touch.

Nicht nur ist der Film voller Szenarien und Gespräche, die von jeglicher Realität abzuweichen scheinen. So zum Beispiel die erste Begegnung der Zwillinge, während der die Funken nur so sprühen und Dominic die Kamera zückt, um ein Bild seines nackten Bruders zu schießen. Zudem untermalen unpassend dramatische Musikstücke, vereinzelte Jump-Scares und eine ruhige Kameraführung mit gelegentlichen ruckartigen Cuts das melodramatische Erlebnis, das zum Nachdenken und Stirnrunzeln anregt.

Wegsehen ist bei "Saint-Narcisse" trotzdem nicht angesagt – fast wie bei einem Unfall. Der gesamte Streifen wirkt provokant, er ist von Sex und Lust geprägt und lässt einem die Haare zu Berge stehen – und das nicht immer auf die gute Art.

Dennoch hat die Kreation von LaBruce etwas Tröstliches, Beruhigendes. So absurd und weltfremd viele Szenen auch scheinen – Zwillinge, die während ihrer zweiten Begegnung die Hüllen fallen lassen und übereinander herfallen, eine "Hexe", die mit einer Frau zusammenlebt, die niemals altert und ein Pater, der einen jungen Mönch für die Wiedergeburt von dem heiligen Sebastian hält.

Im Endeffekt steht hier vor allem eines im Vordergrund: die unabdingbare Liebe, die gegen jegliche Form von Gewalt ankommt.

Pater Andrew (Andreas Apergis) betrachtet gemeinsam mit Daniel (Félix-Antoine Duval) eine Statur des heiligen Sebastian. Er hält den Jungen für dessen Wiedergeburt.
Pater Andrew (Andreas Apergis) betrachtet gemeinsam mit Daniel (Félix-Antoine Duval) eine Statur des heiligen Sebastian. Er hält den Jungen für dessen Wiedergeburt.  © PR/PRO-FUN MEDIA

Charaktere glänzen in "Saint-Narcisse" – nur ausgerechnet die Hauptrolle zeigt Schwächen

Dominic (l.) und Daniel (beide Félix-Antoine Duval) können die Blicke nicht voneinander lassen, als sie sich das erste Mal leibhaftig gegenüberstehen.
Dominic (l.) und Daniel (beide Félix-Antoine Duval) können die Blicke nicht voneinander lassen, als sie sich das erste Mal leibhaftig gegenüberstehen.  © PR/PRO-FUN MEDIA

Während jeder Charakter auf seine eigene Art und Weise glänzt sowie fesselt – wenn auch oft unsympathisch und überspitzt – so scheint ausgerechnet der Hauptcharakter Dominic keinerlei einprägsame Eigenschaften zu besitzen.

Seine Mimik ist nichtssagend, seine Entscheidungen vorhersehbar und jeglichen Merkwürdigkeiten, die er erlebt, tritt er dermaßen gefühlskalt entgegen, dass es dem Zuschauer schwerfällt, seinem Leid, seinem Verlangen und seinen Wünschen zu folgen.

Ganz anders dagegen sein Zwillingsbruder, auch er wird gespielt von dem kanadischen Schauspieler Félix-Antoine Duval, der sein Handwerk wirklich versteht: Er ist lässig und mürrisch unterwegs, weckt mit seiner geheimnisvollen Art das Interesse und hat keine Angst, seine Meinung kundzutun. Auch als er bemerkt, dass ihm ein Stalker mit seinem Gesicht auf der Schliche ist, schreckt er nicht zurück und stellt sich dem Mann.

Daher ist es kein Wunder, dass die Handlung erst Fahrt aufnimmt, als sich die beiden Brüder endlich begegnen – eine Szene, die erst derart spät im Verlauf platziert wurde, dass der Spannungshöhepunkt innerhalb kürzester Zeit wieder abflacht.

Mitfiebern ist hier nicht angesagt. Stattdessen fühlt sich ein Großteil von "Saint-Naricisse" wie ein langes sowie vergebliches Warten auf ein mitreißendes Finale, das dann leider nicht überzeugt.

Dominics Mutter Beatrice (Tania Kontoyanni) ist begeistert, dass ihr Sohn (Félix-Antoine Duval) zu ihr gefunden hat.
Dominics Mutter Beatrice (Tania Kontoyanni) ist begeistert, dass ihr Sohn (Félix-Antoine Duval) zu ihr gefunden hat.  © PR/PRO-FUN MEDIA

Zusammengenommen ist "Saint-Narcisse" ein abstruses melodramatisches Schauspiel, das verschiedenste sensible Themen wie Inzest und Missbrauch anspricht und sie mit oftmals unpassenden Musikstücken sowie überzogener Sexualität zu beleuchten versucht. Leider wirkt es dabei immer wieder so, als würde sich der Film darüber lustig machen – und hinterlässt deshalb einen bitteren Beigeschmack.

Titelfoto: PR/PRO-FUN MEDIA

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