"SEIN - gesund, bewusst, lebendig": Pseudo-wissenschaftliche Doku verbreitet gefährliches Halbwissen

Deutschland - Was bedeutet es, ein glückliches und gesundes Leben zu führen? Die Dokumentation "SEIN – gesund, bewusst, lebendig", die ab 6. August im Kino startet, begibt sich auf die Suche danach, scheitert aber auf ganzer Linie.

Chris hat durch Meditation und Achtsamkeit ein neues Lebensgefühl erlangt.
Chris hat durch Meditation und Achtsamkeit ein neues Lebensgefühl erlangt.  © Spuren_Pfade_Filme

Wir alle wollen es, doch keiner weiß so richtig, wie es geht: ein gesundes und zufriedenes Leben ohne Stress und voll innerer Ausgeglichenheit führen. Doch was auf dem Papier so einfach klingt, erweist sich in der Realität für die meisten als Mammutaufgabe.

Deswegen dürfte die Idee hinter "SEIN – gesund, bewusst, lebendig" auch viele Menschen ansprechen. Darin wagen fünf unterschiedliche Personen das Projekt Selbstheilung, von denen jeder eine andere Herangehensweise verfolgt.

Ranja lernt sich selbst durch Yoga besser zu spüren, Stephan entdeckt die Kraft der Heil- und Wildkräuter, und Mona wird schmerzfrei durch vegane Ernährung. Dominique findet Lebenskraft durch Sport und Bewegung. Chris führt durch Meditation ein bedachteres Leben. 

Alle verbindet, dass sie durch diese teils radikalen Lebensänderungen zu mehr Achtsamkeit und Zufriedenheit gefunden haben.

Untermauert werden die einzelnen Erfahrungsberichte durch die Meinungen verschiedener Experten. Zu Wort kommen unter anderem Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt und Bestsellerautor "Heilen durch die Kraft der Natur", Dr. Francoise Wilhelmi de Toledo, die eine Heilfasten-Klinik leitet und Yogalehrer Dr. Patrick Broome.

Deutscher Trailer zu "SEIN - gesund, bewusst, lebendig"

"SEIN - gesund, bewusst, lebendig" propagiert Ernährung und Sport als Heilmittel gegen Krankheiten

Ranja hat durch Yoga gelernt, wieder mehr auf ihren eigenen Körper und ihr Wohlbefinden zu achten.
Ranja hat durch Yoga gelernt, wieder mehr auf ihren eigenen Körper und ihr Wohlbefinden zu achten.  © Spuren_Pfade_Filme

Und da fangen die Probleme, die der Film hat, an: Die Wissenschaftler erschaffen in der Dokumentation Feindbilder, mit denen sie ihre eigenen Theorien rechtfertigen wollen. 

So wird die Lebensmittelindustrie per se als böse deklariert, weil sie der Gesellschaft schaden soll, während vegane Ernährung plötzlich als Wundermittel gegen Krankheiten wie Rheuma oder Arthritis beworben wird. 

Hier wird einfach zu sehr in Schwarz-Weiß gedacht: Die Natur ist gut, die Industrie ist schlecht. 

Passend dazu werden zwischen den einzelnen Interviewszenen immer wieder Bilder von idyllischen Wäldern und Wiesen eingeblendet, die im krassen Gegensatz zu Aufnahmen aus einer fahrenden U-Bahn oder einer belebten Kreuzung stehen - bis es auch der Letzte begreift. Mit dieser Holzhammertechnik tut Regisseur Bernhard Koch sich und dem Publikum keinen Gefallen.

Dabei sind viele Grundgedanken in "SEIN" gar nicht so verkehrt. So werden etwa immer schneller werdende Gesellschaftsprozesse angesprochen, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind und die mit Sicherheit dafür verantwortlich sind, dass viele Menschen dauergestresst durchs Leben gehen. 

Doch liegt die Lösung dafür wirklich einzig und allein im Heilfasten oder in Wildkräutern? Wohl kaum.

"SEIN - gesund, bewusst, lebendig" ist eine langatmige Dokumentation, die nur so vor Esoterik strotzt

Stephan entdeckte die Kraft der Heil- und Wildkräuter für sich und lebt seitdem fast schmerzfrei.
Stephan entdeckte die Kraft der Heil- und Wildkräuter für sich und lebt seitdem fast schmerzfrei.  © Spuren_Pfade_Filme

Doch es gibt auch einige Lichtblicke. So wird zu Beginn Ranja vorgestellt, die vor laufender Kamera erklärt, wie Yoga ihr Leben verändert hat. Dank der geistigen und körperlichen Übungen ist es der alleinerziehenden Mutter gelungen, wieder mehr Bewusstsein für ihren Körper und ihre Bedürfnisse zu erlangen. 

"Seelenarbeit" nennt sie dies. Man nimmt Ranja ihre positive Wandlung tatsächlich ab, wenn man ihr im heimischen Wohnzimmer dabei zusieht, wie sie ihre Yoga-Übungen macht.

Dem gegenüber stehen aber die restlichen 80 Minuten, die erstens viel zu lang sind und in denen zweitens mit pseudowissenschaftlichen Theorien nur so um sich geworfen wird.

Zwar ist die Grundthese von "SEIN – gesund, bewusst, lebendig", dass wir unser Wohlergehen selbst in der Hand haben, nachvollziehbar. Jedoch sollte man in einem Dokumentarfilm, der ernst genommen werden will, nicht so tun, als ob man mithilfe von etwas Bewegung und einer gesunden Ernährung fast jede Krankheit heilen kann. 

Denn genau das wird in "SEIN" behauptet. Das ist allerdings die Verbreitung gefährlichen Halbwissens, weshalb die Doku nicht grundsätzlich zu empfehlen ist.

Titelfoto: Spuren_Pfade_Filme

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