"The Great Green Wall": Können Bäume Migration von Millionen Flüchtlingen verhindern?

Deutschland - Es ist eines der entscheidenden Themen unserer Zeit: Flüchtlinge! In den vergangenen Jahren heizte sich die Debatte mächtig auf. Auf eine angenehm unaufgeregte Weise widmet sich die herausragende Dokumentation "The Great Green Wall", die am 22. Oktober in den deutschen Kinos startet, dem Ganzen.

Die Zuschauer begleiten die malische Sängerin Inna Modja (36) auf ihrer Reise durch Afrika.
Die Zuschauer begleiten die malische Sängerin Inna Modja (36) auf ihrer Reise durch Afrika.  © PR/Tim Cragg Great Green Wall Ltd

Hier wird nämlich Ursachenforschung betrieben. Warum fliehen die Menschen überhaupt aus Afrika nach Europa und erhoffen sich dort ein besseres Leben? Die Gründe sind unterschiedlich, persönlich und ähneln sich dennoch: Perspektivlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Krieg, Terror und fehlende Jobs zwingen viele dazu, ihre Heimat zu verlassen.

Eine, die Afrika nicht den Rücken gekehrt hat, ist Inna Modja (36). Die malische Sängerin reist entlang eines ehrgeizigen afrikanischen Projekts durch ihren Kontinent: einem 8000 Kilometer langen Gürtel aus Bäumen, der die Ausbreitung von Wüsten stoppen und damit vielen Millionen Menschen Arbeit, Essen und vor allem eine Zukunft geben soll.

Modja zieht es unter anderem in den Senegal, nach Nigeria, Äthiopien und auch durch ihr Heimatland. Sie spricht dabei mit den unterschiedlichsten Menschen über deren Ängste, Sorgen, aber auch Erfolge.

Des Weiteren trifft sie dabei viele andere Künstler und erschafft den Soundtrack der "Great Green Wall", der ganz wie die Menschen ist, die sie auf ihrer Reise trifft: abwechslungsreich, tiefschürfend, problembehandelnd, aber auch rhythmisch und lebensfroh.

Regisseur Jared P. Scott ("Requiem for the American Dream") folgt seiner charismatischen sowie intelligenten Protagonistin und balanciert sein Werk dabei auf erstaunliche Art und Weise aus. Modja begegnet den Menschen vor Ort nämlich auf Augenhöhe, weshalb sich auch die Zuschauer ihre Probleme interessiert anhören und die Beweggründe nachvollziehen können.

Deutscher Trailer zum Dokumentarfilm "The Great Green Wall" mit Inna Modja

Die Menschen in "The Great Green Wall" wollen den afrikanischen Traum ins Leben rufen und gestalten

Das Pflanzen von Bäumen soll der Wüstenbildung entgegenwirken und den Menschen vor Ort wieder Möglichkeiten geben, in ihrer Heimat zu bleiben.
Das Pflanzen von Bäumen soll der Wüstenbildung entgegenwirken und den Menschen vor Ort wieder Möglichkeiten geben, in ihrer Heimat zu bleiben.  © PR/Tim Cragg Great Green Wall Ltd

Denn die Sahelzone, die südlich der Sahara liegt, leidet sehr unter anhaltender Dürre, Hitze und dem Klimawandel. 

Zwei Drittel des Bodens sind verödet, die Ressourcen werden immer knapper, während die Bevölkerung vielerorts stetig weiter wächst. Viele sehen die Flucht nach Europa deshalb als einzige Chance auf ein gutes Leben an, was durch die eindringlichen Bilder unterlegt wird.

Positiv zu bewerten ist, dass sich afrikanische Staaten bereits 2007 zusammengetan haben, um dem entgegenzuwirken. Modja und viele andere wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, einen "afrikanischen Traum ins Leben rufen und selbst gestalten."

Denn der würde unzählige Probleme lösen. Wie tief diese sitzen, verdeutlichen zwei Farmer im Senegal, die dem Publikum einen bezeichnenden Spruch näherbringen, der die ausweglose Situation der Flüchtlinge erklärt: "Barcelona oder Tod." 

Die Menschen wissen ganz genau, worauf sie sich einlassen (müssen), sind aber so verzweifelt, dass sich bei ihnen das Gefühl breitmacht, keine andere Wahl zu haben. Dass Schleuser sie und ihre Familien abzocken, Männer auf der beschwerlichen Reise getötet und Frauen vergewaltigt werden, es Folterungen gibt, ist ihnen bekannt. 

Die afrikanische Bevölkerung wächst weiterhin. Im Niger gebärt eine Frau beispielsweise im Durchschnitt sieben Kinder. In keinem anderen Land der Welt ist die Geburtenrate höher.
Die afrikanische Bevölkerung wächst weiterhin. Im Niger gebärt eine Frau beispielsweise im Durchschnitt sieben Kinder. In keinem anderen Land der Welt ist die Geburtenrate höher.  © PR/Tim Cragg Great Green Wall Ltd

Genitalverstümmelung ist in "The Great Green Wall" ebenfalls ein Thema

Inna Modja macht nicht nur den Zuschauern, sondern auch allen Afrikanern Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Inna Modja macht nicht nur den Zuschauern, sondern auch allen Afrikanern Hoffnung auf eine bessere Zukunft.  © PR/Tim Cragg Great Green Wall Ltd

Diese persönlichen Geschichten sind mitunter schwer zu ertragen. Einige Flüchtlinge haben es beispielsweise nicht bis nach Europa geschafft, Freunde sterben sehen und trauen sich aus Scham nun nicht, mit leeren Händen nach Hause zurückzukehren. 

Auch Modja selbst schockiert mit einer Anekdote. Sie erlebte schon in ihrer Kindheit eine traumatische Sache: ihre Genitalien wurden verstümmelt.

Solche emotional aufwühlenden Momente hat der exotisch angehauchte Film immer wieder zu bieten. So erfährt man beispielsweise, dass eine Frau im Niger, dem Drehkreuz nach Europa, durchschnittlich sieben (!) Kinder bekommt. In keinem Land der Welt ist die Geburtenrate höher. 

Dennoch überfrachtet einen die Doku nicht mit ausschließlich negativen Dingen, sondern präsentiert Lösungen und kann mit einem herausragenden Soundtrack um die großartigen Songs "Africa Yeah" und "I Got You" aufwarten, die das Lebensgefühl der Menschen widerspiegeln und ihnen aus der Seele zu sprechen scheinen.

Deshalb ist "The Great Green Wall" ein herausragender und rhythmischer Dokumentarfilm geworden, der sich schwierigen Themen mit Lebensfreude und über universelle Musik widmet, ohne sie zu verharmlosen. Sehenswert!

Titelfoto: PR/Tim Cragg Great Green Wall Ltd

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