"The Power of the Dog": Benedict Cumberbatch mimt den frauenhassenden Cowboy

Deutschland - Knallharter Western inklusive Starbesetzung! Mit "The Power of the Dog", der hierzulande am 18. November in den deutschen Kinos startet und am 1. Dezember auf Netflix erscheint, meldet sich Regie-Urgestein Jane Campion (67, "Das Piano") nach langer Pause eindrucksvoll zurück. Warum Ihr die Netflix-Produktion lieber im großen Lichtspielhaus als auf der heimischen Couch anschauen solltet, lest Ihr in der TAG24-Kritik.

Die Brüder Phil (Benedict Cumberbatch, 45, l.) und George (Jesse Plemons, 33, r.) könnten kaum unterschiedlicher sein.
Die Brüder Phil (Benedict Cumberbatch, 45, l.) und George (Jesse Plemons, 33, r.) könnten kaum unterschiedlicher sein.  © KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX

Montana, 1925: die Brüder Phil (Benedict Cumberbatch, 45, "The Mauritanian") und George (Jesse Plemons, 33, "Breaking Bad") leben nach dem Tod von Mutter und Vater gemeinsam auf der elterlichen Ranch.

Beide könnten kaum unterschiedlicher sein: Während Phil das Alphamännchen gibt, von Fortschritt nichts hält und alle Bediensteten in Angst und Schrecken versetzt, geht sein jüngerer Bruder mit der Zeit, besitzt ein eigenes Auto und kleidet sich adrett.

Mit seiner höflichen und charmanten Art gelingt es George, das Herz der Witwe Rose (Kirsten Dunst, 39, "Die Verführten") für sich zu gewinnen. Nach der heimlichen Hochzeit zieht sie auf die Farm - sehr zum Leidwesen von Phil.

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Für ihn ist die Anwesenheit einer Frau gleichbedeutend mit dem Ende der brüderlichen Zweisamkeit. Denn trotz aller Unterschiede standen sich die Geschwister bis dato sehr nahe, teilten sich sogar ein Bett. Zudem zweifelt Phil an der Aufrichtigkeit der Witwe und vermutet, sie sei nur hinter dem Geld der Familie her. Und so startet der Rinderhirte einen erbitterten Kleinkrieg gegen die verhasste Schwägerin und treibt sie damit Schritt für Schritt in den Wahnsinn, bis sie sich in die Alkoholsucht stürzt.

Doch als Rose' erwachsener Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee, 25, "2067 - Kampf um die Zukunft") in den Studienferien auf die Farm kommt, wendet sich das Blatt: Während die anderen Cowboys den feingeistigen Jungen hänseln, schlägt sich ausgerechnet Phil auf seine Seite.

Deutscher Trailer zu "The Power of the Dog" mit Benedict Cumberbatch, Jesse Plemons & Kirsten Dunst

In "The Power of the Dog" liefert Benedict Cumberbatch seine bisher beste Leistung ab

Rose (Kirsten Dunst, 39) leidet unter den Machtspielchen ihres Schwagers.
Rose (Kirsten Dunst, 39) leidet unter den Machtspielchen ihres Schwagers.  © KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX

Ihren mittlerweile neunten Langfilm erzählt Jane Campion vor allem durch bildgewaltige Aufnahmen.

Die endlose Weite der Prärie und die schroffen Berge im Hintergrund erschaffen die perfekte Kulisse für einen von Machtstreben sowie Intrigen geprägten Psychothriller und entfalten vor allem auf der großen Leinwand ihre volle Wirkung.

Für die Erzählung nimmt sich die "Oscar"-Gewinnerin zwar viel Zeit. Trotzdem wirkt der Film in keinem Moment langatmig. Denn ganz nach dem Prinzip "Show, Don't Tell" ("Zeigen, nicht erzählen") verraten die vielen kleinen Details - etwa ein Blick in das gemeinsame Schlafzimmer der beiden Brüder - eine Menge über die Dynamik der Figuren. Die gezielt eingesetzten Dialoge bekommen dadurch umso mehr Kraft und Nachdruck.

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Vor allem aber die Schauspielleistungen machen "The Power of the Dog" zu einem der besten Filme dieses Jahres und zu einem heißen Kandidaten für die anstehende Award-Saison.

Cumberbatch liefert als skrupelloser und verbitterter Cowboy, der seine Bullen gern mal mit bloßer Hand kastriert, eine der besten und glaubwürdigsten Leistungen seiner Karriere ab. Obwohl seine Figur zunächst über weite Teile als durch und durch hassenswert auftritt, gelingt es ihm in wenigen Einzelszenen, die Verletzlichkeit seines Charakters gekonnt offenzulegen.

Wenn Phil etwa sanft über den Sattel seines verstorbenen Freundes streicht, wirkt der sonst so selbstbewusst auftretende Macho plötzlich ganz zerbrechlich.

Peters (Kodi Smit-McPhee, 25) Ankunft auf der Ranch wirbelt mächtig Staub auf.
Peters (Kodi Smit-McPhee, 25) Ankunft auf der Ranch wirbelt mächtig Staub auf.  © KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX

"The Power of the Dog" mit Benedict Cumberbatch ist einer der besten Filme des Jahres

Harte Schale, weicher Kern: Benedict Cumberbatch legt in seiner Rolle als Cowboy Phil eine der besten Leistungen seiner Karriere hin.
Harte Schale, weicher Kern: Benedict Cumberbatch legt in seiner Rolle als Cowboy Phil eine der besten Leistungen seiner Karriere hin.  © KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX

Cumberbatch macht sich damit klar zum Star des Films, gegen den Kirsten Dunst und Jesse Plemons - beide sind auch im echten Leben verheiratet - trotz sehr guter Darbietungen nicht bestehen können.

Ihren Figuren kommt auch nicht gerade zugute, dass die Handlung mit dem Eintreffen von Rose' Sohn Peter auf der Farm eine ganz neue Dynamik entwickelt und ihre Charaktere in der zweiten Hälfte des Films nur noch Nebenrollen spielen.

Dennoch verliert sich die Storyline nicht, sondern läuft noch einmal zur Höchstform auf. Kodi Smit-McPhees feinfühliger Peter bildet den perfekten Gegenpart zu Cumberbatchs rohem Phil. Auch diesmal sind es wieder die kleinen Gesten, die das Spiel zwischen beiden so reizvoll machen: das Teilen einer gemeinsamen Zigarette, das gemeinsame Fertigen eines Lassos.

Über allem liegt der opulente, aber keineswegs überladende Soundtrack von Jonny Greenwood (50, "There Will Be Blood"), der sich mal bedrohlich und dann wieder zurückhaltend, aber immer wirkungsvoll in die Szenen einfügt.

Mit "The Power of the Dog" meldet sich Altmeisterin Jane Campion mit einem echten Knall zurück. Obwohl sich die Story gemächlich aufbaut, entfaltet sie eine Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Der zunächst rabiat daherkommende Western entwickelt sich nach und nach zu einem klugen Psychogramm über alte Männlichkeitsideale sowie unterdrückte Sexualität und liefert einen neuen Blick auf das angestaubte Genre. Dank imposanter Bilder ist der Film wie für das Kino gemacht. Unbedingt anschauen!

Titelfoto: KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX

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