"Tryggd - The Deposit": Hartes Flüchtlingsdrama geht an die Nieren!

Deutschland - Diesen Film muss man erst einmal verarbeiten! Das isländische Flüchtlingsdrama "Tryggd - The Deposit" läuft am 13. August in den deutschen Kinos an und behandelt die universellen Themen Immigration und Integration auf eine ganz eigene Art und Weise.

Gisella (l., Elma Lisa Gunnarsdottir) freut sich über den Einzug von Luna (Claire Harpa Kristinsdottir)
Gisella (l., Elma Lisa Gunnarsdottir) freut sich über den Einzug von Luna (Claire Harpa Kristinsdottir)  © PR/ Nordlichter Film

Die Hauptrolle spielt die mittelalte Journalistin Gisella (Elma Lisa Gunnarsdottir). Sie ist eine eigenwillige Person, was schon zu Beginn deutlich wird. Als ihr Chef Gunnar (Valur Freyr Einarsson) ihren Text stark abändert, kündigt sie nach einem daraus resultierenden Streit wutentbrannt, ohne wirklich an die Konsequenzen zu denken.

Die sind aber groß. Denn Gisella hat in die Firma ihres Ex-Mannes Anders (Sveinn Olafur Gunnarsson) viel Geld investiert und deshalb keine großen Rücklagen mehr. Trotzdem will sie sich in ihrem Job entfalten und bewirbt sich bei der kleinen Zeitung "The Fist", wo Jakob (Theodor Juliusson) in der Verantwortung ist, sie eingestellt und bittet, einen Artikel über Flüchtlinge zu schreiben.

Sie recherchiert und trifft sich mit Marisol Marquez Navarra (Raffaella Brizuela Sigurdardottir), Abeba Masane (Enid Mbabazi) und deren Tochter Luna (Claire Harpa Kristinsdottir), die ihr nach und nach ihre Geschichten erzählen.

Sie wohnen gemeinsam in einem winzigen Zimmer und müssen dafür viel zu viel Miete bezahlen. Da Gisella ohnehin überlegte, das große Haus ihrer Großmutter, in dem sie alleine wohnt, zu vermieten, holt sie die drei zu sich. Während es anfangs noch sehr gut zwischen ihnen läuft, gibt es mit der Zeit immer mehr Streitigkeiten. Daran hat Gisella mit ihrer Lebenstrauer und Verbitterung einen entscheidenden Anteil...

Originaltrailer mit deutschen Untertiteln zu "Tryggd - The Deposit"

"Tryggd - The Deposit" ist in der ersten Stunde ein bewegendes, subtiles Flüchtlingsdrama

Abeba Masane (Enid Mbabazi) ist mit ihrer Tochter Luna aus Uganda geflohen. Dort herrschte und herrscht noch immer Krieg.
Abeba Masane (Enid Mbabazi) ist mit ihrer Tochter Luna aus Uganda geflohen. Dort herrschte und herrscht noch immer Krieg.  © PR/ Nordlichter Film

Diese Geschichte hat Asthildur Kjartansdottir bei ihrem Langspielfilmdebüt insgesamt grundsolide umgesetzt. Allerdings wäre hier noch mehr drin gewesen.

Die erste Stunde ist nämlich grandios. In diesem Zeitraum kreiert die Regisseurin ein subtiles Flüchtlingsdrama, das bewegt, weil die Figuren exzellent dargestellt und entwickelt werden.

Dazu ist auch ihr Drehbuch klasse. Jede Szene hat ihren Sinn und treibt die Handlung gekonnt voran. Zusätzlich werden immer neue Details aus dem früheren Leben der Charaktere fließend in die Erzählung eingearbeitet, weshalb das Identifikationspotenzial mit den Protagonistinnen stetig ansteigt.

Daher kann man von Beginn an in den Film abtauchen, fiebert mit den Figuren mit und ist aufgrund der ruhigen Machart, die einem Raum für eigene Gedanken lässt, voll dabei. Daran hat auch der klug ausgewählte Cast einen entscheidenden Anteil. 

Alle Darstellerinnen machen ihre Sache gut und wirken vor allem authentisch, was das Drama zusätzlich erdet. Aus diesen Gründen ist es umso bitterer, dass das Niveau nach gut 60 Minuten aufgrund unglaubwürdiger Wendungen sinkt.

"Tryggd - The Deposit" verliert im letzten Drittel an Qualität

Marisol Marquez Navarra (Raffaella Brizuela Sigurdardottir) hat in ihrem Leben bereits viele geliebte Menschen verloren.
Marisol Marquez Navarra (Raffaella Brizuela Sigurdardottir) hat in ihrem Leben bereits viele geliebte Menschen verloren.  © PR/ Nordlichter Film

Diese werden an dieser Stelle bewusst nicht genauer beschrieben, weil sie zu viel von der Handlung vorwegnehmen würden. Nur so viel sei gesagt: sie sind zwar im Ansatz verständlich, passen jedoch nicht oder nur bedingt zum vorherigen Verhalten der Charaktere.

Diese Dynamik, die mit zunehmender Dauer zwischen den Frauen entsteht, wird schlichtweg nicht ausreichend vorbereitet und ist daher zu übertrieben und sogar krass. Das Ende ist in politisch so aufgeladenen Zeiten sogar bedenklich, weil es menschlich extrem grausam ist und trotz seiner Konsequenz nicht wirklich zu überzeugen vermag.

Das ist bedauerlich und zieht die Wertung von "Tryggd" nach unten. Trotzdem ist das Drama noch mehr als solide. Es wird nämlich auch im Finale deutlich herausgearbeitet, dass alle Damen in ihren jeweiligen Leben sehr viel durchgemacht haben, was zu körperlichen und seelischen Wunden geführt hat.

Deshalb geht "The Deposit", was zu Deutsch so viel wie "die Anzahlung" oder "Kaution" bedeutet, zum Glück nicht unter. Dennoch bedauert man auch noch Tage nach der Sichtung das verschenkte Potenzial, das mit etwas mehr Feinschliff problemlos hätte herausgekitzelt werden können.

Hier verstehen sich Gisella (l., Elma Lisa Gunnarsdottir), Marisol (M., Raffaella Brizuela Sigurdardottir) und Abeba (Enid Mbabazi) noch gut. Das ändert sich mit der Zeit allerdings.
Hier verstehen sich Gisella (l., Elma Lisa Gunnarsdottir), Marisol (M., Raffaella Brizuela Sigurdardottir) und Abeba (Enid Mbabazi) noch gut. Das ändert sich mit der Zeit allerdings.  © PR/ Nordlichter Film

"Tryggd - The Deposit" legt viel Wert auf Details

Gisella (l., Elma Lisa Gunnarsdottir) freundet sich schnell mit der sensiblen und intelligenten Luna (Claire Harpa Kristinsdottir) an.
Gisella (l., Elma Lisa Gunnarsdottir) freundet sich schnell mit der sensiblen und intelligenten Luna (Claire Harpa Kristinsdottir) an.  © PR/ Nordlichter Film

Durch den starken Anfang und den exzellenten Mittelteil bleibt man aber auch im Schlussteil bei der Stange, weil die Dialoge weiterhin erstklassig sind und viel zur dichten Atmosphäre beitragen.

Das gilt auch für die feinfühlige Musikuntermalung, die überragende Kameraführung, die passenden Locations und die großartigen zwischenmenschlichen Momente, in denen die ganze Qualität des Dramas offenbar wird.

Die Kostüme sind sogar eine eigene Filmfigur. Die Entwicklung der Figuren wird nämlich mit ihrer Hilfe maßgeblich unterstützt. Diese visuellen Feinheiten belegen, wie durchdacht die Herangehensweise der Macher in vielerlei, aber leider nicht in jederlei Hinsicht war. 

Hier geht es auch nicht nur einfach um einige Frauen. Diese stehen auch symbolisch für ganze Menschengruppen und den Umgang mit ihnen, weshalb man in vielen Sequenzen Anspielungen auf die Flüchtlingsgeschichte und auch den aktuellen Zeitgeist entdecken kann.

Deshalb lohnt sich "Tryggd - The Deposit" trotz des durchwachsenen Endes insgesamt dennoch, weil man emotional vollends mitgerissen wird.

Titelfoto: PR/ Nordlichter Film

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