"Über die Unendlichkeit": Mann ohrfeigt seine Frau öffentlich im Supermarkt!

Deutschland - Schräg! "Über die Unendlichkeit" läuft am 17. September in den deutschen Kinos an und ist eine interessante Parabel auf das Menschsein geworden.

In "Über die Unendlichkeit" werden viele Einzelszenen zu einem funktionierenden Gesamtkunstwerk zusammengefügt.
In "Über die Unendlichkeit" werden viele Einzelszenen zu einem funktionierenden Gesamtkunstwerk zusammengefügt.  © PR/Neue Visionen Filmverleih

In ihr nimmt sich der schwedische Kult-Regisseur  Roy Andersson ("Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach", "Eine schwedische Liebesgeschichte", "Das jüngste Gewitter") die großen und kleinen Momente vor, die ein Leben ausmachen können.

Dabei entscheidet er sich ganz bewusst für eine Erzählerin, die die vielen kleinen Momente einleitet. Dazu gibt er seinen Charakteren bis auf seltene Ausnahmen weder Vor- noch Nachnamen. Ihre Sequenzen sind aber auch nur Bruchteile einer langen Existenz und dennoch allesamt aussagekräftig.

Etwa der Mann, der seine Frau im Supermarkt vor allen Leuten öffentlich ohrfeigt und von mehreren Personen zurückgehalten werden muss, um nicht vollends durchzudrehen. Wenig später hat er sich aber wieder beruhigt und sagt ihr, dass er sie liebt. Sie weiß das und die beiden nähern sich wieder an. Was genau passiert ist, erfährt man allerdings nicht. Hier kann jeder selbst überlegen und mutmaßen, was den Mann so aufgebracht hat. 

Oder die Sequenz, in der sich drei Nazis in einer Wohnung betrinken, während die Kriegsgeräusche deutlich zu hören sind. Sie bekommen Besuch von Adolf Hitler und begrüßen ihn. Dann lauschen alle für mehrere Sekunden lang den donnernden Geräuschen.

Deutscher Trailer zu "Über die Unendlichkeit" von Roy Andersson

"Über die Unendlichkeit" ist für Cineasten aufgrund seiner anspruchsvollen Machart ein Genuss

Ein Mann (r.) will einer Frau seine Liebe zeigen, doch die geht schon mit einem anderen (M.) aus.
Ein Mann (r.) will einer Frau seine Liebe zeigen, doch die geht schon mit einem anderen (M.) aus.  © PR/Neue Visionen Filmverleih

Auf den Sound legt Andersson ohnehin viel Wert. Er lässt sein minimalistisches und subtiles Werk langsam vor sich hertreiben und gibt den Szenen Raum und Zeit, um sich auf natürliche Weise zu entfalten. 

Schnelle Umschnitte sind ihm fremd. So hat sein Film einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil. Mit dem muss man allerdings auch etwas anfangen können. Das dürfte gerade Filmfans nicht schwerfallen, weil der 77-Jährige einen skurrilen Mix aus Komödie und Drama erschafft, der in den 78 Minuten Laufzeit sehr starke und tiefschürfende Momente hat. 

Das hängt auch damit zusammen, dass einige Szenen über Umwege miteinander verbunden werden, weshalb man die gesamte Dauer über gespannt auf die Details achtet. Dennoch gibt es bei diesem aus der Zeit gefallenen Werk auch kleinere Durchhänger, da nicht alle Sequenzen dieselbe hohe Qualität haben. 

Das stört in diesem Fall allerdings nicht wirklich, weil auch die "nur" durchschnittlichen und guten Momente ihre Daseinsberechtigung haben. Denn sie sorgen mit dafür, dass "Über die Unendlichkeit" als Gesamtkunstwerk funktioniert. Dazu tragen auch die visuellen Aspekte viel bei. Schließlich ist der künstlerische Anspruch extrem hoch. 

Wenig verwunderlich, dass "Über die Unendlichkeit" auf der 76. Biennale, den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2019, den Silbernen Löwen für die beste Regie bekam. Denn Anderssons Kunstfertigkeit schimmert durch sein Werk hindurch. Wie er in den unterschiedlichsten Zeiten hin- und herspringt und es dennoch schafft, einen roten Faden zu haben und seine Handlung fließend zu erzählen, ist bemerkenswert und spricht dafür, wie gut alles durchdacht ist.

"Über die Unendlichkeit" überzeugt mit einem schrägen Sinn für Humor und großartigen Bildern

Dieses Liebespaar schwebt im Wolkennebel über einer zerstörten Stadt, die einst für ihre Schönheit bekannt war.
Dieses Liebespaar schwebt im Wolkennebel über einer zerstörten Stadt, die einst für ihre Schönheit bekannt war.  © PR/Neue Visionen Filmverleih

Das lässt sich schon anhand der äußerst abwechslungsreich gehaltenen und von den Spezialeffekten gut unterstützten Locations begutachten. Diese beeindrucken mit ihrer Vielfalt und ihrem Detailreichtum nachhaltig. 

Dank der ruhigen Kameraführung kommt man in den vollen Genuss der herrlichen Bilder. Ob ein "Geisterpaar", das zu imposanter und laut anschwellender Kirchenmusik Arm in Arm im Nebel über einer zerstörten Stadt fliegt oder das Pärchen zu Beginn, das auf einer Parkbank sitzt und von oben auf eine wunderschöne Metropole herabblickt: Andersson baut viele großartige Sequenzen in seinen Film ein. 

Zusätzlich sorgt er mit seinem ausgeprägten und schrägen Sinn für Humor immer wieder für Lacher. Hierbei ist eine exzellente Alltagsbeobachtung besonders hervorzuheben. 

Ein Mann ist beim Zahnarzt und hat offenbar Karies. Der Doktor will ihm eine Spritze geben, doch davor fürchtet sich der Herr. Also soll der Mann im weißen Kittel ohne Betäubung bohren. Er tut dies, doch bereits kurz nachdem er angefangen hat, schreit der Mann vor Schmerz auf. 

Genervt seufzend, weil er solch alltäglichen Arbeitsprobleme anscheinend regelmäßig hat, fällt der Arzt in seinen Stuhl und fleht innerlich um Geduld. Wenig später setzt er erneut an und muss aufgrund der Schreie seines Patienten wieder abbrechen. Diese Sequenz steht sinnbildlich für die Situationskomik, die auf natürliche Art entsteht und im Verlauf einige Male für Amüsement und Kurzweil sorgt.

"Über die Unendlichkeit" behandelt viele wichtige Themen auf hintergründige Art und Weise

Ein Albtraum. Ein Mann wird vom "Pöbel" durch das Dorf getrieben. Er muss ein Kreuz halten und wird immer wieder ausgepeitscht. Einer der grausamen Aspekte des Films und menschlichen Lebens.
Ein Albtraum. Ein Mann wird vom "Pöbel" durch das Dorf getrieben. Er muss ein Kreuz halten und wird immer wieder ausgepeitscht. Einer der grausamen Aspekte des Films und menschlichen Lebens.  © PR/Neue Visionen Filmverleih

Darüber hinaus zählt Anderssons neuster Film zu denen, die man sich bedenkenlos mehrfach ansehen kann. Man wird immer wieder neue Kleinigkeiten entdecken. 

Allerdings muss man kleinere Schwächen in Kauf nehmen. Denn die bewusste Distanz zu den Protagonisten führt dazu, dass man sich emotional nicht gänzlich an sie binden kann. Deshalb fällt es mitunter schwer, zu einhundert Prozent in diese faszinierende eigene Welt abzutauchen.

Doch zumindest im Ansatz gelingt dies, weil die Figuren so handeln, dass man sich mit ihnen grundsätzlich identifizieren kann. Denn die Themen, die durch sie in den Mittelpunkt gestellt werden, sind universell. Es geht um Liebe, Angst, Trauer, Neid, Missgunst, Hass und um viele weitere entscheidende Dinge und Erfahrungen, die nahezu jeder Mensch im Laufe seines Lebens machen wird.

Deshalb ist "Über die Unendlichkeit" eine sehenswerte Filmperle eines ganz großen zeitgenössischen europäischen Regisseurs geworden, die visuell, stilistisch und storytechnisch trotz kleiner Defizite großartig ist. 

Titelfoto: PR/Neue Visionen Filmverleih

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