"Uncle Frank": Amazon Prime "versteckt" eigenes Original! Warum das keinen Sinn ergibt

Deutschland - Schwer nachvollziehbare Entscheidung von Amazon Prime Video! Der Streamingdienst-Gigant versteckt ein eigenes Original in den Tiefen des eigenen Sortiments. Das ist aufgrund der Qualität des Filmes eine äußerst fragwürdige Entscheidung.

Beth Bledsoe (l., Sophia Lillis) nimmt sich ihren gebildeten Onkel Frank (r., Paul Bettany) als Vorbild.
Beth Bledsoe (l., Sophia Lillis) nimmt sich ihren gebildeten Onkel Frank (r., Paul Bettany) als Vorbild.  © PR/Brownie Harris/Amazon Studios

Denn das Familiendrama mit dem Titel "Uncle Frank", das seit dem 25. November verfügbar ist, hat extrem hohe Qualität.

Im Fokus stehen Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre die junge Beth Bledsoe (Sophia Lillis) und ihr unkonventioneller Onkel Frank (Paul Bettany), der Literaturprofessor am East Coast College in New York ist.

Obwohl Beth ihn verehrt und als Vorbild nimmt, akzeptiert der Rest der Familie, der in einem konservativen Südstaatenhaushalt aufwuchs, Frank nur bedingt.

Besonders sein eigener Vater Mac (Stephen Root) hat ganz offensichtlich tiefgreifende Probleme mit seinem Sohn. Frank ist auch deshalb in den Big Apple gezogen, um diese emotionalen Verletzungen und die Ablehnung seines Dads nicht andauernd ertragen zu müssen.

Er hat nämlich ein großes Geheimnis, das er wie einen Augapfel hütet: Er ist homosexuell und lebt mit dem herzensguten Saudi-Araber Wally (Peter Macdissi) zusammen. Der freut sich, als er Beth durch einen Zufall endlich kennenlernt. Sie ist nämlich nicht nur bildschön, sondern auch intelligent und schlagfertig. Deshalb bekommt sie an Franks Uni ein Stipendium und zieht ebenfalls nach New York, wo sie auf einer Heimparty von Franks wahrer Identität erfährt.

Sie ist aber verständnisvoll und tolerant. Dann gibt es jedoch einen schweren Schicksalsschlag für die Familie: Mac stirbt plötzlich. Nun reisen sie zurück und Frank muss sich doch seiner schweren Vergangenheit stellen. Zum Glück ist er dabei nicht auf sich allein gestellt.

Originaltrailer zu "Uncle Frank" mit Paul Bettany, Sophia Lillis, Stephen Root und Peter Macdissi

Paul Bettany zeigt in "Uncle Frank" eine grandiose Performance

Von links nach rechts: Frank (Paul Bettany), Beth (Sophia Lillis) und Wally (Peter Macdissi) unterstützen einander.
Von links nach rechts: Frank (Paul Bettany), Beth (Sophia Lillis) und Wally (Peter Macdissi) unterstützen einander.  © PR/Brownie Harris/Amazon Studios

Diese Handlung hat "Oscar"-Preisträger Alan Ball (schrieb 1999 das Drehbuch für "American Beauty") überragend umgesetzt. Dem Regisseur ist ein tiefschürfendes Drama über die Suche nach der eigenen Freiheit, Sexualität und den eigenen Vorlieben gelungen, das zumindest auch teilweise biografisch ist.

Der Filmschaffende wuchs nämlich selbst im US-amerikanischen Süden (Georgia) auf, ist zudem offen schwul und eine starke Stimme der LGBT-Gemeinschaft. Vor allem aber besitzt er ein Gespür für gute Themen und setzt diese mit Feinfühligkeit um - so wie hier.

Das Werk, das seine Weltpremiere am 25. Januar 2020 auf dem renommierten Sundance Film Festival feierte, ist hintergründig und erlaubt den Zuschauern deshalb von Beginn an, sich emotional an die Charaktere zu binden und sich mit ihren Angelegenheiten, Motiven sowie ihrer Geschichte zu beschäftigen.

Deshalb reißt "Uncle Frank" mit, ist intelligent, vielschichtig, unterhaltsam, kurzweilig und wirft viele Fragen auf. Außerdem wartet der Film mit einem genial zusammengestellten Cast auf. Allen voran der wandelbare Bettany (Vision in den Marvel-Filmen wie "The First Avenger: Civil War", "Solo: A Star Wars Story", "The Da Vince Code - Sakrileg) weist seine herausragenden Qualitäten ein weiteres Mal nach.

Es ist erstaunlich, dass der gebürtige Engländer so selten in Hauptrollen zu sehen ist. Hier begeistert er nämlich mit seinem gewohnt subtilen Spiel, überzeugt aber auch in emotional aufwühlenden Sequenzen. Der Ehemann von Jennifer Connelly ("Blood Diamond") hat die Seele seiner Figur erfasst, seine eigene Version daraus gemacht und diese mit all ihren Facetten großartig umgesetzt.

Frank (l., Paul Bettany) ist zwar 46 Jahre alt, konnte sich aber noch nie offen bei seiner Familie ausleben. Bei Beth (Sophia Lillis) ist das anders.
Frank (l., Paul Bettany) ist zwar 46 Jahre alt, konnte sich aber noch nie offen bei seiner Familie ausleben. Bei Beth (Sophia Lillis) ist das anders.  © PR/Brownie Harris/Amazon Studios

Sophia Lillis, Peter Macdissi, Steve Zahn, Margo Martindale und Stephen Root runden "Uncle Frank" ab

Mac (Stephen Root) hackt seit dem Jugendalter auf Frank (Cole Dolman) herum.
Mac (Stephen Root) hackt seit dem Jugendalter auf Frank (Cole Dolman) herum.  © PR/Brownie Harris/Amazon Studios

Auch dank seiner Erfahrung und Reife funktioniert der Film so gut. Denn er ergänzt sich hervorragend mit der jugendlichen Lillis (junge Beverly Marsh in "Es Kapitel 2", "Gretel & Hansel", "Sharp Objects"), die ebenfalls belegt, warum sie mittlerweile eine Top-Rolle nach der anderen bekommt.

Neben ihnen zeigen Steve Zahn ("Dallas Buyers Club") als der Vater von Beth, Judy Greer ("Ant-Man") als ihre Mutter, Root ("Jean Seberg - Against All Enemies") als Franks gemeiner Dad, Margo Martindale ("Im August in Osage County") als Franks Mutter und Lois Smith ("Minority Report") als seine amüsante Oma Top-Leistungen.

Ganz besonders spielt sich aber Macdissi ("Six Feet Under - Gestorben wird immer") mit seiner charmanten Präsenz in den Fokus.

Ihnen kommen das exzellente Drehbuch, die ausgefeilten Dialoge, das ausgewogene Erzähltempo und die ausgezeichnete Regieführung entgegen.

Dazu sind die ruhige Kameraführung, die brillanten Kostüme, die stimmigen Locations, die atmosphärische Musikuntermalung und der fesselnde Schnitt weitere Stärken dieser großen Filmperle, die niemals so unbeworben hätte erscheinen dürften. Amazon hat sich nicht mal die Mühe gemacht, einen deutschen Trailer zur Verfügung zu stellen. Das ist echt ein Tiefschlag, den so ein Ausnahmefilm nicht verdient hat!

Titelfoto: PR/Brownie Harris/Amazon Studios

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