"Und morgen die ganze Welt": Antifa-Demo gegen Neonazis eskaliert!

Deutschland - Es brodelt! Nicht nur in der politischen Realität, sondern auch im deutschen Drama "Und morgen die ganze Welt", das am 29. Oktober in den deutschen Kinos startet.

Von links nach rechts: Lenor (Tonio Schneider), Luisa (Mala Emde) und Alfa (Noah Saavedra) gehen schon bald durch dick und dünn.
Von links nach rechts: Lenor (Tonio Schneider), Luisa (Mala Emde) und Alfa (Noah Saavedra) gehen schon bald durch dick und dünn.  © PR/Alamode Filmverleih

Dort beginnt alles mit dem Grundgesetz, Artikel 20, wo in Absatz 1 steht: "Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat."

Unter Absatz 4 desselben Artikels steht zudem geschrieben: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."

Diese Zeilen stehen sinnbildlich für den Film und seine Hauptfiguren. Im Zentrum befinden sich dabei die Jura-Studentin Luisa (Mala Emde) und ihre langjährige beste Freundin Batte (Luisa-Céline Gaffron), deren antifaschistischer Gruppierung sich Luisa in Mannheim anschließt.

Denn sie ist entsetzt vom Rechtsruck der Gesellschaft, dem Nährboden, den der Populismus erfährt und der immer wütender werdenden Stimmung. Während Batte und anfangs auch Luisa gegen Gewalt sind, gehen die beiden Antifa-Anführer Alfa (Noah Saavedra) und Lenor (Tonio Schneider) deutlich rigoroser gegen rechte Parteien wie die "Liste 14" vor, die das ausgedachte Pendant zur AfD darstellt.

Es kommt schon bei Luisas erster Demonstration zum Aufeinandertreffen und einem Handgemenge, bei dem sie sich das Handy eines Neonazis schnappt, der sie verfolgt, niederwirft, sexuell belästigt und anpackt, bis Alfa ihn mit einer Stange niederschlägt und mit Luisa flieht. Doch das war erst der Auftakt zu einer Lage, die sich immer weiter zuspitzt...

Trailer zu "Und morgen die ganze Welt" mit Mala Emde, Noah Saavedra und Tonio Schneider

"Und morgen die ganze Welt" trifft mit seinem politisch brisanten Ansatz den Zeitgeist

Der extremistische Teil der Antifa geht auch Kämpfen mit den Neonazis nicht aus dem Weg.
Der extremistische Teil der Antifa geht auch Kämpfen mit den Neonazis nicht aus dem Weg.  © PR/Alamode Filmverleih

Diese Geschichte hat Julia von Heinz ("Ich bin dann mal weg", "Hannas Reise", "Was am Ende zählt") klasse umgesetzt. Der Berliner Regisseurin ist ein eindringliches Drama gelungen, das dank seiner politischen Brisanz und aktuellen Thematiken den Zeitgeist trifft.

Denn obwohl es nur die Antifa näher beleuchtet, ist es keineswegs einseitig, weil hier viele verschiedene Personen mit unterschiedlichen Ansichten porträtiert werden. Während Batte exemplarisch für die Idealform einer engagierten jungen Frau aus dem linken Spektrum steht, die sich für Menschlichkeit und gegen Extremismus einsetzt, entwickelt sich Luisa von diesem anfänglichen Standpunkt aus und wird immer extremistischer.

Auf diesem Level befinden sich die beiden desillusionierten Anführer schon länger. Von Heinz arbeitet diese verschiedenen Strömungen und die darauf folgenden Diskussionen und Streitgespräche gelungen und vor allem glaubwürdig heraus.

Das Entsetzen über die politische Lage ist ihrem realitätsnah gehaltenen und stellenweise dennoch klug zugespitzten Werk anzumerken. In den schlagfertigen und dem Alter ihrer Figuren angemessenen Dialogen wird dies immer wieder deutlich. So sagt Alfa an einem Punkt: "Gewaltfreier Widerstand gegen Nazis? Das ist absoluter Schwachsinn."

Diese Einstellung bringt ihn natürlich gleich mehrfach in äußerst brenzlige Situationen. Von Heinz beleuchtet ihre Charaktere und deren verschiedene Motive gründlich, weshalb ihr Film auch als kluge Milieustudie einer besorgten jungen Generation funktioniert und zurecht auf der deutschen "Oscar"-Shortlist für 2021 steht.

Luisa (Mala Emde) wird bei einer Antifa-Demonstration von drei Polizisten abgeführt.
Luisa (Mala Emde) wird bei einer Antifa-Demonstration von drei Polizisten abgeführt.  © PR/Alamode Filmverleih

Mala Emde zeigt in "Und morgen die ganze Welt" eine überragende Leistung!

Luisa (Mala Emde; vorne links) besucht schon bald Antifa-Demonstrationen und protestiert dabei gegen die rechte Partei "Liste 14".
Luisa (Mala Emde; vorne links) besucht schon bald Antifa-Demonstrationen und protestiert dabei gegen die rechte Partei "Liste 14".  © PR/Alamode Filmverleih

Dass er trotz kleinerer Durchhänger und dramaturgischer Holperer so gut funktioniert, liegt auch am starken Cast. Hier ist vor allem Emde ("Charité", "Lara", "303") hervorzuheben, die die Vielseitigkeit ihrer Protagonistin in all ihren Details sehr gut verkörpert und das Drama somit scheinbar mühelos trägt.

An ihrer Seite setzen auch Saavedra ("Egon Schiele - Tod und Mädchen"), Schneider ("Zimmer ohne Aussicht"), Gaffron ("Persischstunden") und Andreas Lust ("Lindenberg! Mach dein Ding") als Antifaschist, der sich zur Ruhe gesetzt hat, gekonnt eigene Akzente.

Sie werden dabei entscheidend von der exzellenten Kameraarbeit von Daniela Kapp ("Das schönste Paar") unterstützt, die immer nah am Geschehen dran ist, weshalb man das Gefühl hat, mittendrin zu sein. 

Das wiederum erleichtert den Zuschauern auch den emotionalen Einstieg, weshalb man voll mitgeht und die aufregende Handlung dank der gelungenen Spannungskurve gebannt verfolgt.

Da auch die detailverliebte Ausstattung, die stimmigen Locations, die traumwandlerische Musikuntermalung und der Schnitt des 111 Minuten langen Werkes überzeugen, ist "Und morgen die ganze Welt" einer der deutschen Filme des Jahres 2020 geworden, den man nicht verpassen sollte!

Titelfoto: PR/Alamode Filmverleih

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