"Wege des Lebens": Demenzkranker Vater stellt Tochter vor große Belastungsproben

Deutschland - Ein weiteres Highlight der 70. Berlinale kommt nach der Corona-Pause endlich auch regulär in die deutschen Kinos! "Wege des Lebens - The Roads not Taken" läuft hierzulande am 13. August an.

Leo (l., Javier Bardem) leidet auch viele Jahre später noch unter einem Schicksalsschlag, der sein Leben für immer veränderte. Seine Ex-Frau Rita (Laura Linney) spendet ihm hier Trost.
Leo (l., Javier Bardem) leidet auch viele Jahre später noch unter einem Schicksalsschlag, der sein Leben für immer veränderte. Seine Ex-Frau Rita (Laura Linney) spendet ihm hier Trost.  © PR/ © 2020 Universal Pictures International All Rights Reserved

In dem berührenden Drama steht Leo (Javier Bardem) im Mittelpunkt. Schon zu Beginn wird klar, dass etwas mit ihm nicht stimmt.

Denn obwohl es an der Tür klingelt und auch das Telefon ringt, steht er nicht auf, sondern bleibt teilnahmslos im Bett seiner New Yorker Wohnung liegen, die sich nahe einer Subway-Station befindet.

Kurze Zeit später stürmt seine Tochter Molly (Elle Fanning) herein - und ist zutiefst erleichtert, weil alles in Ordnung ist.

Leo leidet nämlich an Demenz und bekommt vom alltäglichen Leben nur noch in seltenen lichten Momenten etwas mit. Es sei doch alles offen gewesen, erklärt er Molly verwirrt.

Wenig später widmet er sich wieder seinen komplexen Gedankengängen, in denen er seiner  schweren Vergangenheit nachhängt. 

Besonders an die Zeit mit Dolores (Salma Hayek) denkt er dabei zurück. Aber auch an die Phase, als er mit Anni (Milena Tscharntke) auf einer griechischen Insel flirtete und nach Inspiration für sein nächstes Buch suchte.

Über alldem schwebt jedoch ein schwerer Schicksalsschlag, von dem sich Leo nie erholte...

Deutscher Trailer zu "Wege des Lebens - The Roads not Taken" mit Javier Bardem und Elle Fanning

Javier Bardem überragt in "Wege des Lebens - The Roads not Taken"

Leo (Javier Bardem) war schon in seiner Zeit in Mexiko ein sensibler und nachdenklicher Mann.
Leo (Javier Bardem) war schon in seiner Zeit in Mexiko ein sensibler und nachdenklicher Mann.  © PR/ © 2020 Universal Pictures International All Rights Reserved

Diese gefühlvolle Geschichte zum Thema Trauer hat die versierte Regisseurin Sally Potter ("The Party", "In stürmischen Zeiten", "Orlando") erstklassig umgesetzt. 

Deshalb gab es nach der Weltpremiere am 26. Februar um 19.30 Uhr im Berlinale Palast, bei der TAG24 live im Saal vor Ort war, auch lang anhaltenden Applaus für die anwesenden Darsteller und Filmschaffenden.

Das ist wenig verwunderlich. Denn Potter ist ein tiefschürfendes Drama gelungen, das auch im Kopf eines demenzkranken Mannes spielt und diesen Aspekt herausragend ausarbeitet. Deshalb reißt der Film emotional von Anfang bis Ende mit. 

Daran haben auch die überragenden schauspielerischen Leistungen einen großen Anteil. Hier tut sich besonders Bardem ("No Country for Old Men", "James Bond: Skyfall", "Pirates of the Caribbean: Salazars Rache") hervor, der eine seiner besten Leistungen in diesem Jahrtausend zeigt.

Er meistert die diffizile Aufgabe, drei verschiedene Versionen seines Protagonisten zu spielen, mit Bravour. Deshalb kann es sich Potter auch problemlos erlauben, zwischen diesen verschiedenen Zeitebenen hin- und herzuspringen. Dank Bardem kann man der Handlung immer folgen.

Highlights von der Weltpremiere von "Wege des Lebens - The Roads not Taken" auf der 70. Berlinale

Elle Fanning zeigt in "Wege des Lebens - The Roads not Taken" die beste Leistung ihrer Karriere

Elle Fanning war bei der Weltpremiere am 26. Februar auf dem Roten Teppich vor dem Berlinale Palast gut gelaunt.
Elle Fanning war bei der Weltpremiere am 26. Februar auf dem Roten Teppich vor dem Berlinale Palast gut gelaunt.  © PR/ © 2020 Universal Pictures International All Rights Reserved

Denn schon anhand von Bardems ausdrucksstarkem Gesicht erkennt das Publikum die kleinste Wesensveränderung sofort. 

Diese brillante und vielschichtige Darstellung ist beeindruckend und hält das Interesse der Zuschauer deshalb über die gesamten 85 Minuten aufrecht. Allerdings muss man sich mit der Machart anfreunden können, denn sonst wird es schwer, komplett in den Film einzutauchen.

Wer sich aber auf die spannenden Protagonisten einlässt, der erfährt viel über Leo und auch Molly, die von Fanning (Aurora in "Maleficent" 1-2, "Déjà Vu - Wettlauf gegen die Zeit", "The Neon Demon") genial gespielt wird.

Die 22-Jährige, die schon seit 17 Jahren vor der Kamera steht, zeigt die beste Performance ihrer Karriere! 

Sensibel und zugleich stark stellt sie ihre Protagonistin dar, der die Verzweiflung ebenso anzumerken ist, wie die Freude darüber, wenn ihr Vater mal einen Moment der Klarheit hat und sie erkennt. 

Sie erfasst die Seele ihres Charakters auf imposante Art und Weise und fungiert als Identifikationsfigur für die Zuschauer.

Highlights der Pressekonferenz zu "Wege des Lebens - The Roads not Taken" im Rahmen der 70. Berlinale

"Wege des Lebens - The Roads not Taken" liefert einen starken Einblick in den Kopf eines Demenzkranken

Die Wege von Leo (Javier Bardem) und seiner damaligen Freundin Dolores (Salma Hayek) sollten sich später trennen.
Die Wege von Leo (Javier Bardem) und seiner damaligen Freundin Dolores (Salma Hayek) sollten sich später trennen.  © PR/ © 2020 Universal Pictures International All Rights Reserved

Dazu runden Hayek ("Kindsköpfe", "Savages", "Frida") und Laura Linney (Netflix-Serie "Ozark"), die beide Ex-Frauen von Bardems Figur spielen, sowie Tscharntke ("Wir Sind Die Welle") als Urlaubsflirt mit hoher sozialer Komponente, die Leistungen des Casts exzellent ab.

Dass sie so glänzen können, liegt allerdings auch am hintergründigen Drehbuch. Dank ihm bekommen die Zuschauer einen bemerkenswerten Einblick in die Gedanken eines Menschen, der an Demenz leidet. 

Das wiederum erhöht das Verständnis für eine Person, die an einer so schweren psychischen Krankheit leidet. Auch mit Molly, die sich aufopfert und neben ihrer Arbeit deshalb fast kein Privatleben mehr hat, fühlt man mit.

Wegen der universellen Themen besitzt "The Roads not Taken" zudem eine große innere Stärke, was es dem Publikum ermöglicht, tief in den Film abzutauchen. 

Denn wer hat sich nicht schon einmal die Frage gestellt, wie das Leben verlaufen wäre, wenn man sich an einer bestimmten Stelle für einen anderen Weg entschieden hätte?

"Wege des Lebens - The Roads not Taken" ist ein gefühlvolles Drama mit einer bewegenden Story

Molly (Elle Fanning) kümmert sich rührend um ihren Vater Leo (Javier Bardem), geht dabei aber an die Grenze ihrer Kräfte - und teilweise auch darüber hinaus.
Molly (Elle Fanning) kümmert sich rührend um ihren Vater Leo (Javier Bardem), geht dabei aber an die Grenze ihrer Kräfte - und teilweise auch darüber hinaus.  © PR/ © 2020 Universal Pictures International All Rights Reserved

Auch darum dreht sich das Drama, das erst nach der Berlinale seinen deutschen Zusatztitel "Wege des Lebens" erhielt.

Es geht aber auch um Verlust, Loslassen, Sehnsucht, Freiheit, innere Kämpfe, Rückschläge und den Umgang mit Schicksalsschlägen. All das arbeitet Potter fließend in ihre Erzählung ein und überfrachtet ihren Film auch nicht - klasse!

Dank der ausgefeilten Dialoge, die immer aus der Situation heraus zu entstehen scheinen, verfügt das Drama auch über ein hohes Maß an Authentizität.

Dazu trägt die dynamische Kameraführung ebenfalls ihren Teil bei, weil man vieles aus der Sicht der Protagonistin betrachtet und immer nah am Geschehen dran ist.

Auch die detaillierten und abwechslungsreichen Locations, die stimmige Musikuntermalung, die aufwendigen Frisuren und vor allem die Kostüme, die gerade im Fall von Bardems Charakter Leo eine eigene Figur sind, tragen zum rundum gelungenen Gesamtbild bei.

Insgesamt genommen ist "Wege des Lebens - The Roads Not Taken" ein feinfühliges Drama geworden, das mit seiner bewegenden Geschichte, flüssigen Erzählweise, dem großartigem Bardem und der exzellenten Fanning große Stärken hat. Sehenswert!

Titelfoto: PR/© 2020 Universal Pictures International All Rights Reserved

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