"Yalda": Mord an 42 Jahre älterem Ehemann? Zum Tode verurteilte Frau muss in TV-Show um ihr Leben betteln!

Deutschland - Erschreckende Weltanschauung! Im iranischen Drama "Yalda", das am 27. August in den deutschen Kinos anläuft, geht es um ein festgefahrenes patriarchalisches Frauenbild.

Maryam Komijani (r., Sadaf Asgari) und Mona Ziaa (l., Behnaz Jafari) sollen sich in der iranischen TV-Show aussprechen.
Maryam Komijani (r., Sadaf Asgari) und Mona Ziaa (l., Behnaz Jafari) sollen sich in der iranischen TV-Show aussprechen.  © PR/Little Dream Pictures/jba production

Das könnte auch aus dem Mittelalter stammen, so antiquiert wirkt es aus heutiger Sicht. Im Fokus steht die junge Maryam Komijani (Sadaf Asgari), die zum Tode verurteilt wurde, weil sie ihren 42 Jahre älteren Ehemann Nasser Ziaa ermordet haben soll.

Um sich zu retten, nimmt sie auf Drängen ihrer Mutter (Fereshte Sadre Orafaee) an der populären TV-Show "Freude der Vergebung" teil, die sie, die vermeintliche Täterin, mit dem Opfer, der Tochter des Getöteten, vor laufenden Kameras zusammensetzt.

Maryams Mutter fleht sie inständig an, alles zu tun, damit Mona Ziaa (Behnaz Jafari) ihr vergibt. Doch Maryam hat ihren eigenen Kopf, ist hypernervös und macht zu Beginn keinen guten Eindruck.

Mona kann sich hingegen vergleichsweise entspannt geben, hat sie ihr Erbe doch bereits bekommen und verkauft. Wenn sie Maryam vergibt, bekommt sie zudem auch noch Blutgeld. Sponsoren der Sendung würden die Hälfte davon zahlen.

Es geht also für beide um sehr viel. Moderator Omid (Arman Darvish) schlägt sich von Anfang an auf Monas Seite, die viel souveräner agiert, als die junge, impulsive Maryam, die immer wieder ausrastet und ihre Emotionen verständlicherweise nicht zu kontrollieren vermag. Sie und Mona haben nämlich eine lange gemeinsame Vorgeschichte...

Deutscher Trailer zu "Yalda - Nacht der Vergebung" mit Sadaf Asgari und Behnaz Jafari

"Yalda" hält der iranischen Gesellschaft auf kluge Weise den Spiegel vor

Mona Ziaa (Behnaz Jafari) hat Maryams Leben in der Hand.
Mona Ziaa (Behnaz Jafari) hat Maryams Leben in der Hand.  © PR/Little Dream Pictures/jba production

Diese Geschichte hat Massoud Bakhshi ("Eine respektable Familie") klasse umgesetzt. Dem iranischen Regisseur ist ein kurzweiliges Drama gelungen, der seinem Land gekonnt den Spiegel vorhält und die Wertvorstellungen seiner Einwohner kritisch hinterfragt.

Über das titelgebende persische Fest der längsten Nacht des Jahres, der Wintersonnenwende, zeigt der Filmschaffende durch seine vielschichtige Machart auf, dass der Umgang mit Frauen nicht zeitgemäß ist. Gerade im Iran ist das in politisch schweren Zeiten ein klares Statement! 

Denn wenn man es ganz drastisch formulieren will, handelt es sich bei dieser Art der Zurschaustellung sogar um eine abgeschwächte Form der Gladiatorenkämpfe. Für Maryam geht es hier nämlich im wahrsten Sinne des Wortes ums nackte Überleben. 

Das Publikum ist durch die moderne Technik deutlich größer geworden. Im Film wird gesagt, dass die (fiktive) Sendung 30 Millionen Zuschauer hat. Von denen beteiligen sich viele an der SMS-Umfrage, die mit über Maryams Schicksal entscheidet.

All das erfährt man aber erst nach und nach. Zu Beginn wird man nämlich mitten ins rätselhafte Geschehen hineingeworfen, was sich als durchdachter Schachzug der Macher erweist, weil Neugier und Interesse so hochgehalten werden. Da Bakhshi außerdem immer neue überraschende Wendungen und Enthüllungen fließend in seine Erzählung einbaut, ist sein Werk spannungsgeladen und brisant.

"Yalda" führt einem das schwere Schicksal einer jungen Frau vor Augen

Maryam Komijani (Sadaf Asgari) ist aufgrund der Ausgangslage ängstlich und nervös.
Maryam Komijani (Sadaf Asgari) ist aufgrund der Ausgangslage ängstlich und nervös.  © PR/Little Dream Pictures/Somaye Jafar/jba production

Obwohl die Charakterdarstellung und -entwicklung nicht perfekt ist und gerade im Fall von Maryam und ihrer Mutter einige Klischees bedient werden, fiebert man mit ihr und den anderen Figuren mit, weil die Dramaturgie in Verbindung mit dem exzellenten Drehbuch für viele starke Szenen sorgt.

Letzteres führt einem mit zunehmender Dauer die verzweifelte Lage der jungen Frau immer stärker vor Augen. Diese wird nämlich durch suggestive Berichterstattung in Form einer anklagenden Reportage im Vorfeld zusätzlich verstärkt, weshalb man ihre Angst und sogar Panik sehr gut nachvollziehen kann. 

Schließlich wird sie vor einem Millionenpublikum bloßgestellt und soll anschließend viel von sich und ihrer Hintergrundgeschichte preisgeben, um am Leben zu bleiben. 

Gerade dabei wird die Dynamik zwischen den einzelnen Figuren geschickt herausgearbeitet und trägt viel zum Gelingen dieser Indie-Perle bei. Zusätzlich wirken auch die Dialoge authentisch und aus der jeweiligen Situation heraus geboren, was dem Drama Authentizität verleiht. 

Es reißt auch deshalb mit, weil hier viele wichtige und universelle Themen behandelt werden. Bakhshi bewegt sich dabei häufig in den Grauzonen der Ethik und Moral, wo es keine einfachen Antworten gibt und es immer von der Einstellung und Lebenserfahrung der Zuschauer abhängt, in welche Richtung man sein Werk deutet.

"Yalda" wirft wichtige Fragen auf und begeistert mit seiner detailreichen Ausstattung

Maryam Komijani (l., Sadaf Asgari) erfährt von Anar (Fereshteh Hosseini) ein Geheimnis, das sie fassungslos macht.
Maryam Komijani (l., Sadaf Asgari) erfährt von Anar (Fereshteh Hosseini) ein Geheimnis, das sie fassungslos macht.  © PR/Little Dream Pictures/Somaye Jafar/jba production

Was ist Schuld? Wie würde man selbst in solchen Ausnahmesituationen reagieren? Könnte man jemandem vergeben, der für den Tod eines geliebten Menschen verantwortlich ist? All diese Fragen wirft "Yalda" auf. 

Dabei schreckt der Regisseur nicht vor der großen Dimension dieser Dinge zurück, sondern flechtet diese gekonnt und hintergründig in seine Erzählung ein. Deshalb sind auch die Handlungen seiner Figuren nachvollziehbar aufgebaut. 

Das führt zu einer dichten Atmosphäre, die das Publikum umhüllt und bis zum Abspann nicht mehr loslässt. Daran hat auch die fantastische Ausstattung ihren Anteil. Wie detailliert der Tisch im Fernsehstudio ausgeschmückt wurde und mit welcher Farbenpracht hier gearbeitet wird, beeindruckt und zeigt auf, wie gründlich die Macher ihren Film durchdacht haben.

Denn natürlich wird auch sonst sehr stark auf viele Dinge geachtet, die dabei helfen, die Handlung voranzutreiben. Das fängt bei der dynamischen Kameraführung an, gilt auch für die Locations, die den Zuschauern einen Blick hinter die Kulissen einer TV-Show gewähren und hört nicht erst bei der stimmigen Musikuntermalung auf. Auch die guten schauspielerischen Leistungen tragen zum Gelingen des Dramas bei. Die Charaktere werden bis in die Nebenrollen glaubwürdig und hintergründig dargestellt.

Deshalb ist "Yalda" ein spannendes Drama um Ethik und Moral geworden, das mit seiner brisanten und mitreißenden Geschichte zu überzeugen weiß. Diese hält der iranischen Gesellschaft den Spiegel vor. Klasse!

Titelfoto: PR/Little Dream Pictures/Julian Atanassov/jba production

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