"Sorry We Missed You": Wenn Arbeitnehmer nur moderne Sklaven sind

Deutschland - Brisantes Drama! "Sorry We Missed You" vom großen humanistischen Regisseur Ken Loach ("Ich, Daniel Blake") startet am 30. Januar in den deutschen Kinos und erzählt die harte Geschichte einer Arbeiterfamilie, die ums finanzielle Überleben kämpft.

Die Familie Turner von links nach rechts: Abby (Debbie Honeywood), Liza Jane (Katie Proctor), Seb (Rhys Stone) und Ricky (Kris Hitchen).
Die Familie Turner von links nach rechts: Abby (Debbie Honeywood), Liza Jane (Katie Proctor), Seb (Rhys Stone) und Ricky (Kris Hitchen).  © PR/© SIXTEEN FILMS

Der Film beginnt im typischen Loach-Stil: Mit einem Gespräch. In diesem Fall redet Ricky Turner (Kris Hitchen) wegen einer möglichen Einstellung mit dem kantigen Boss Maloney (Ross Brewster).

Anfangs hört sich der Job als Paketbote im Privatsektor noch gut an, weshalb Ricky erfreut ist, dass er als Franchise-Fahrer bei PDF mit eigenem Transporter angeheuert wird und auch sein eigener Chef sein soll.

Doch zuvor muss er sich erstmal einen Transporter leasen. Das Problem: Die Familie ist hoch verschuldet. Der verlässliche Ricky verlor durch die Wirtschaftskrise und den Zusammenbruch der Northern Bank vor zehn Jahren seinen Job auf dem Bau.

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Seine Frau Abby (Debbie Honeywood) hat es im schlecht bezahlten Privatsektor als Altenpflegerin auch nicht viel besser getroffen. Sie hangeln sich gemeinsam gerade so am Existenzminimum durch. Gezwungenermaßen müssen sie Abbys Auto verkaufen, auf das sie für die Arbeit eigentlich angewiesen ist.

Als wäre das noch nicht genug, wird schnell ersichtlich, dass Rickys neuer Job alles andere als ein Traum ist. Er wird auf widerwärtige Weise ausgebeutet und ist nicht mehr als menschliche Ware oder drastisch formuliert: ein moderner Sklave. Ein Scanner überwacht seine Pakete und deren Weg lückenlos. Wer ausfällt, muss für Ersatz sorgen.

"Sorry We Missed You" ist ein humanistisches Meisterwerk

Ricky Turner (Kris Hitchen) genießt eine kurze Verschnaufpause mit seiner Tochter Liza Jane (Katie Proctor).
Ricky Turner (Kris Hitchen) genießt eine kurze Verschnaufpause mit seiner Tochter Liza Jane (Katie Proctor).  © PR/© JOSS BARRATT

Geschieht irgendetwas, trägt Ricky das Risiko. Denn für Maloney ist sein Unternehmen eine Goldgrube, die nur aussieht wie "ein Scheißhaus", wie er sagt.

Aufgrund der Technik, die die Arbeitnehmer auf Schritt und Tritt verfolgt, ist das Arbeitspensum genauso wie das Stresslevel extrem hoch.

Diese realitätsnahe Geschichte hat Loach ("Looking for Eric") mal wieder grandios umgesetzt. Erneut ist ihm ein wichtiger Film gelungen, der den Zeitgeist trifft und sich mit viel Herz der Arbeiterklasse widmet.

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Seine Milieustudie zeigt umfassend die Ausbeutung von Arbeitnehmern und deren Auswirkungen. Sie stellt dabei auch die große und entscheidende Frage: ist dieses System nachhaltig?

Denn dadurch, dass Ricky und Abby erst spätabends nach Hause kommen, sehen sie ihre Kinder Liza Jane (Katie Proctor) und Seb (Rhys Stone) nur selten und können sie nur bedingt erziehen.

Gerade Letzterer schwänzt oft die Schule und verkauft beispielsweise auch seine wertvolle Winterjacke, um sich und seinen Freunden Sprühdosen zu kaufen und Graffiti zu sprayen. Auch davon abgesehen bereitet er seinen Eltern Sorgen und erkennt in seiner pubertären Trotzphase nicht, dass beide mit den Kräften am Ende sind. Abby arbeitet nämlich in der Regel von 7.30 Uhr morgens bis 21 Uhr als Pflegerin.

"Sorry We Missed You" deckt viele Fehler des Arbeitssystems auf

Abby (Debbie Honeywood) schlägt sich als schlecht bezahlte Altenpflegerin durch.
Abby (Debbie Honeywood) schlägt sich als schlecht bezahlte Altenpflegerin durch.  © PR/© JOSS BARRATT

Sie wird aber nur für die Besuche bezahlt, die An- und Abreise zählt nicht als Arbeitszeit. Und kaufen muss sie sich das Busticket auch von ihrem kargen Lohn. Abends sind sie und Ricky oft so müde, dass sie erschlafft vorm Fernseher einschlafen.

Dieses Schicksal, das auf der Welt Millionen Menschen betrifft, bewegt von Beginn an. Mit großer Emotionalität verfolgt man Loachs "("The Wind That Shakes The Barley") kraftvolles Meisterwerk, das den Figuren und dadurch auch den Zuschauern viel zumutet und abverlangt.

Das liegt auch an dem gewohnt halb-dokumentarischen Stil, mit dem der 83-Jährige sein Werk inszeniert, was es noch lebensnäher wirken lässt.

Um dieses Gefühl weiter zu verstärken, setzt er zum wiederholten Mal in seiner langen Karriere auf ein unbekanntes Ensemble, das sich aber auf authentische Weise in die Herzen des Publikums spielt. Hitchen und Honeywood gelingt es nämlich, die Zuschauer mit ihren unverfälschten Darbietungen zu fesseln.

Das liegt natürlich auch am überragenden Drehbuch und den genialen Dialogen. Letztere passen wie die Faust aufs Auge zur Thematik und Gesellschaftsschicht, was die Glaubwürdigkeit des Filmes noch weiter verstärkt. Das Skript sorgt dazu noch für ein hintergründiges Verständnis der Familie, ihrer Lage und Entscheidungen. Es wirkt rund, ausgefeilt und ist deshalb sehr wirkungsvoll.

Ken Loach gelingt mit "Sorry We Missed You" ein aufsehenerregendes Drama

Regisseur Ken Loach (vorne, ballt die Faust) hat auch im stolzen Alter von 83 Jahren noch ein filmisches Meisterwerk abgeliefert.
Regisseur Ken Loach (vorne, ballt die Faust) hat auch im stolzen Alter von 83 Jahren noch ein filmisches Meisterwerk abgeliefert.  © PR/© SIXTEEN FILMS

Das hängt natürlich auch mit der Charakterdarstellung und -entwicklung zusammen. Ricky und Abby sind nämlich erkennbar gute Menschen, die am Dauerdruck und -stress zu zerbrechen drohen, was auch Auswirkungen auf ihre Kinder hat.

Loach ("Jimmy's Hall") zeigt am Beispiel einer britischen Familie, was in der heutigen Zeit auf dem Arbeitsmarkt alles schief läuft. Damit ist er in diesem Monat übrigens nicht der einzige.

Schon der starke isländische Spielfilm "Milchkrieg in Dalsmynni" und der herausragende Dokumentarfilm "Der marktgerechte Mensch" behandelten dieselbe Thematik - auf ihre eigene Art.

Dass dieser Diskurs verstärkt angestoßen wird, ist auch extrem wichtig. Und Loach ("Angel's Share - Ein Schluck für die Engel") leistet dazu einen aufsehenerregenden Beitrag, der auf mehreren Festivals zurecht Preise abräumen konnte.

Der erfahrene Regisseur erzeugt auch mithilfe der erstklassigen Kameraführung, der starken Locations (gedreht wurde chronologisch in sechs Wochen im englischen Newcastle), der stimmigen Musikuntermalung und den exzellenten Kostümen eine dichte Atmosphäre. So verfliegen die 100 Minuten, weil man von der ersten bis zur letzten Sekunde in den Film abtauchen kann und die Geschichte der bemitleidenswerten Familie mit großem Interesse verfolgt.

"Sorry We Missed You" trifft den Zeitgeist und behandelt universelle Themen

Ricky Turner (Kris Hitchen) muss täglich um das finanzielle Überleben seiner Familie kämpfen.
Ricky Turner (Kris Hitchen) muss täglich um das finanzielle Überleben seiner Familie kämpfen.  © PR/© JOSS BARRATT

Und dank des fluiden Erzählstils kann man sein Werk bis in die kleinsten Details nachvollziehen. Daher entsteht von Beginn an eine Grundspannung, weil man immer wissen möchte, wie es mit der Familie weitergeht.

Ganz hoch anrechnen muss man Loach ("The Spirit of '45") darüber hinaus, dass es ihm gelungen ist, ein geniales, weil kompromissloses Ende mit einer klaren Botschaft zu finden.

Sein Film setzt nämlich ein Zeichen für eine grundlegende Überarbeitung des Arbeitsmarktes. Loach sagt zu diesem Thema im Presseheft: "Menschlichkeit und Marktwirtschaft sind nicht kompatibel."

Er führt aus: "Teilzeitarbeit, kleine Jobs, Zeitarbeit, Ich-AGs, Provisionsjobs" seien "oft so schlecht bezahlt und auf eigenes Risiko, dass es nicht fürs Leben reicht. Das ist eine neue Form der Ausbeutung". Diese trägt den Namen "Gig Economy".

Wegen all dieser Aspekte ist "Sorry We Missed You" ein humanistisches Meisterwerk geworden, das den Zeitgeist trifft und universelle Themen behandelt. Eine sehenswerte Filmperle!

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