Kritik zur Netflix-Serie "The Eddy": Darum gibt es einfach zu viele Schwächen

Netz/Paris/Berlin - Nun ist er endlich da: der erste Trailer zur neuen Miniserie "The Eddy"! Die startet auch hierzulande am 8. Mai bei Netflix. Doch der erhoffte große Wurf ist sie nicht geworden. 

"Oscar"-Gewinner Damien Chazelle (vorne-links, im Gespräch mit André Holland) führte bei insgesamt zwei Folgen der Netflix-Serie "The Eddy" Regie. Bei der Weltpremiere war er aber nicht anwesend.
"Oscar"-Gewinner Damien Chazelle (vorne-links, im Gespräch mit André Holland) führte bei insgesamt zwei Folgen der Netflix-Serie "The Eddy" Regie. Bei der Weltpremiere war er aber nicht anwesend.  © PR/Lou Faulon/Netflix

Das wurde nach der Weltpremiere deutlich, bei der TAG24 vor Ort war. Die fand am 27. Februar im Rahmen der 70. Berlinale im Zoo Palast, Kino 1, statt. 

Es gab zwar höflichen - und mitunter auch ernst gemeinten - Applaus für die Stars, doch viele Zuschauer verließen den Saal vorzeitig, teilweise schon nach der ersten Folge.

Fragen wurden im Anschluss und im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen dieser Art auch nur ganz wenige gestellt.

Bergdoktor: "Der Bergdoktor" Hans Sigl schickt Grüße vom Set: Ein Detail sorgt für Wirbel
Der Bergdoktor "Der Bergdoktor" Hans Sigl schickt Grüße vom Set: Ein Detail sorgt für Wirbel

Deshalb gingen die anwesenden Hauptdarsteller André Holland, Amandla Stenberg und Joanna Kulig sowie andere beteiligte Filmschaffende relativ schnell wieder von der Bühne. 

Dass das Premieren-Publikum im vollen Saal, in dem stolze 773 Personen Platz finden, so wenig Interesse zeigte, dürfte auch daran gelegen haben, dass "Oscar"-Preisträger Damien Chazelle ("La La Land", "Whiplash", "Aufbruch zum Mond") gar nicht anwesend war.

Dabei führte er bei zweien der acht Episoden Regie! Er entschuldigte seine Abwesenheit vor Beginn der Vorführung mit einem extrem kurzen Video ohne Angabe von Gründen. Nicht gerade die feine Art. Vielleicht hatte er aber schon geahnt, dass die ersten beiden Folgen nicht überzeugen würden. 

Netflix-Trailer zu "The Eddy"

Geldeintreiber machen in "The Eddy" den Jazzclub-Betreibern das Leben zur Hölle

Jazzclub-Betreiber Elliot Udo (André Holland) spielt in "The Eddy" die Hauptrolle.
Jazzclub-Betreiber Elliot Udo (André Holland) spielt in "The Eddy" die Hauptrolle.  © PR/Lou Faulon/Netflix

In den ersten beiden Folgen dreht sich alles um den titelgebenden Jazzclub in Paris. Für den hat Betreiber Elliot Udo (Holland) sein ganzes Geld in die Hand genommen. 

Das gilt auch für seinen guten Freund Farid (Tahar Rahim) sowie dessen Frau Amira (Leïla Bekhti), die Kinder haben und deshalb besonders auf die Einnahmen angewiesen sind.

Doch Farid schuldet zwielichtigen Gestalten (unter anderem Alexis Manenti aus "Die Wütenden - Les Miserables") Geld. Die fordern ihre Kohle bald zurück und greifen erst Udo, dann Farid brutal an.

Deniz Öztürk seit 2007 bei "Alles was zählt": Sein Bart hätte ihn fast den Job gekostet
Alles was zählt Deniz Öztürk seit 2007 bei "Alles was zählt": Sein Bart hätte ihn fast den Job gekostet

Dabei hat Udo auch so genügend um die Ohren. Er versucht, den Club voll zu bekommen, gute Musik spielen zu lassen und seine Sängerin sowie Ex-Freundin Maja (Kulig) zu Höchstleistungen anzutreiben.

Dazu bekommt er auch noch Besuch von seiner aufgeweckten und experimentierfreudigen Tochter Julie (Stenberg), die ihn einige Nerven kostet. 

Außerdem geben die Kriminellen keine Ruhe und stellen bald eine ernsthafte Bedrohung dar. Und zwar nicht nur für die Existenz des Clubs, sondern auch für die Betreiber selbst ... 

"The Eddy" hat leider viele Schwächen

Maja (Joanna Kulig) ist die Sängerin des Jazzclubs "The Eddy".
Maja (Joanna Kulig) ist die Sängerin des Jazzclubs "The Eddy".  © PR/Lou Faulon/Netflix

Diese Geschichte haben die insgesamt vier Regisseure enttäuschend umgesetzt. Den Verantwortlichen gelingt es in den ersten beiden Episoden leider nicht, den Zuschauern eine emotional tiefer gehende Verbindung zu den Figuren zu ermöglichen. 

Schon die erste Fahrt durch den Schuppen ist so unruhig, dass man Kopf schüttelnd im Kinosessel sitzt. Man kann nur hoffen, dass sich das Bild in den restlichen sechs Folgen wandelt. Doch um so weit zu kommen, benötigt man Geduld und Sitzfleisch. 

Gerade bei der riesigen Auswahl an deutlich besseren Serien wie "The Spy" oder "Manhund: Unabomber" stellt sich da die Frage, warum man sich das antun sollte. 

Denn "The Eddy" hat neben der immerhin soliden Story gleich zwei Schwächen, die nicht so einfach auszugleichen sind: Die grottenschlechte Kameraführung und die schwache Musikuntermalung.

Als besonders störend erweist sich erstere. Hier wurde ganz offensichtlich (und bewusst) ohne Stabilisator aus der Hand gefilmt, was dazu führt, dass die Bilder durchgehend extrem hektisch sind, was mit zunehmender Dauer immer stärker nervt und mitunter wirklich eine Qual ist.

Kameraführung und Musikuntermalung kosten "The Eddy" Atmosphäre und Qualität

Farid (Tahar Rahim) und dessen Frau Amira (Leïla Bekhti) haben ihr ganzes Geld in den Club gesteckt. Farid hat sich dabei übernommen und wird von Geldeintreibern bedroht.
Farid (Tahar Rahim) und dessen Frau Amira (Leïla Bekhti) haben ihr ganzes Geld in den Club gesteckt. Farid hat sich dabei übernommen und wird von Geldeintreibern bedroht.  © PR/Roger Do Minh/Netflix

Man fühlt sich teilweise wie auf hoher See, so sehr schwankt das Bild hin und her. Das soll (natürlich) zur fieberhaften Stimmung beitragen. 

Doch erreicht wird das genaue Gegenteil. Die Kamera-Arbeit konterkariert gute Szenen. Deshalb macht es mitunter gar keinen Spaß, das Geschehen zu verfolgen. 

Die außerdem noch unnatürlich wirkende Kamera zu ignorieren und sich vom Geschehen mitreißen zu lassen, fällt daher äußerst schwer. 

Es ist rätselhaft, was die Macher zu dieser Entscheidung geführt hat und warum sie in dieser extremen Form abgesegnet wurde. 

Gerade von einem Regie-"Wunderkind" wie Chazelle hätte man da deutlich mehr Umsicht und Weitsicht erwartet.

Das gilt übrigens auch für den Score, der einen erstaunlich kalt lässt. Denn mitreißend sind die Jazz-Songs nicht geworden. 

Sie wirken nicht neu, frisch, hören sich nicht einzigartig an und auch ihr Beat lädt nicht zum Mitgehen ein. Dabei ist die Musik eine eigene, entscheidende Filmfigur. Dass sie nur bedingt funktioniert, macht es für "The Eddy" besonders bitter. Denn mehr als Durchschnitt wird hier nicht geboten. 

Hin und wieder blitzt das große Potenzial der Serie auf

Elliot Udo (André Holland) und seine Tochter Julie (Amandla Stenberg) haben eine ganz besondere Beziehung zueinander, die von einigen Problemen geprägt ist.
Elliot Udo (André Holland) und seine Tochter Julie (Amandla Stenberg) haben eine ganz besondere Beziehung zueinander, die von einigen Problemen geprägt ist.  © PR/Lou Faulon/Netflix

All das war auch aufgrund der exzellenten Besetzung nicht zu erwarten. Die spielt auch gegen die Schwächen an und sorgt in den ersten zwei Folgen somit für einige lichte Momente.

Doch dauerhaft können auch so versierte Schauspieler wie Holland ("Moonlight"), Stenberg ("The Hate U Give"), Kulig ("Cold War - Der Breitengrad der Liebe"), Rahim ("Heute bin ich Samba") und Bekhti ("Das zweite Leben des Monsieur Alain") die Probleme nicht verdecken.

Denn in den ersten zwei Folgen wird immer wieder die Perspektive gewechselt. Zwar folgt man meist Elliot (in Episode eins) oder Julie (in Episode zwei), aber auch den vielen Nebenfiguren, denen allerdings (noch) die Substanz und Hintergründe fehlen. 

Dennoch blitzt das vorhandene Potenzial von "The Eddy" immer wieder auf. Das gilt sowohl für die Ausstattung, die abwechslungsreichen Locations, einige fesselnde Sequenzen, die sich zuspitzende Dramatisierung und die Kostüme.

Allerdings können die ersten zwei Episoden nur bedingt empfohlen werden, weil es zu viele bessere Serien (und Filme) auf dem Markt gibt. Nur Genre-Fans und Anhänger der Schauspieler und Regisseure, die ihre Erwartungen senken, sollten einen Blick riskieren und sich ihre eigene Meinung bilden. 

Titelfoto: PR/Lou Faulon/Netflix

Mehr zum Thema Netflix: