Dieter Nuhr spricht über Shitstorms und Cancel Culture

Düsseldorf – Er ist Kabarettist, Comedian, Bestseller-Autor und Fotograf. Dieter Nuhr wird am 29. Oktober 60 Jahre alt. Wenige Tage vor seinem runden Geburtstag gab der gebürtige Weseler der Deutschen Presse-Agentur ein Interview.

Kabarettist Dieter Nuhr wird am 29. Oktober 60 Jahre alt.
Kabarettist Dieter Nuhr wird am 29. Oktober 60 Jahre alt.  © Marcel Kusch/dpa

Wie feiern sie Ihren 60.?

Dieter Nuhr: Normalerweise sind wir an meinem Geburtstag immer irgendwo in der Welt auf Reisen. Diesmal werden wir wohl in Italien sein. Feiern kann man ja nicht. Man kann gerade nicht 100 Leute zusammentrommeln. Das ist halt so in diesen Tagen.

Vor zehn Jahren haben Sie sich über Leute beklagt, die ihnen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben. Ist es seither schlimmer geworden?

Nuhr: Es ist flächendeckender geworden. Es gibt kaum noch ein Thema, bei dem nicht Leute fordern, dass man den Mund hält und das einem die Sendung weggenommen wird. Für mich ist das aber kein so großes Problem wie für andere. Ich kann mich wehren. Bei jungen Künstlern ist das anders.

Werden Sie auch körperlich bedroht?

Nuhr: Nein, der Shitstorm ist ja die humane Variante des Mundtotmachens. Es geht um Berufsverbote, um das Nichtengagieren von Künstlern, um Mobbing. Aber man weiß natürlich nicht, wo diese Entwicklung hingeht.

Dieter Nuhr: "Ich bin weder Corona- noch Klimaleugner, ich bin ja kein Idiot"

Dieter Nuhr hat bereits einige Shitstorms erlebt.
Dieter Nuhr hat bereits einige Shitstorms erlebt.  © Marcel Kusch/dpa

Im Sommer hatten Sie Ärger mit einem Beitrag für die Deutsche Forschungs-Gemeinschaft (DFG), der eigentlich unangreifbar scheint.

Nuhr: Dachte ich auch. Das war für die DFG eine neue Erfahrung, wie es in der Öffentlichkeit zugeht. Das mag ich denen aber gar nicht vorwerfen. Für mich ist das zentrale Problem der Cancel Culture (also einer Absage- oder Boykottkultur), dass es nicht um das Gesagte geht, sondern darum, Personen aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. 

Bei meiner Arbeit geht es im Wesentlichen um Spaß. Seit einiger Zeit wird aber von ihr gesprochen, als sei ich ein politischer Kämpfer, der besonders polarisierende Dinge von sich gibt. Das finde ich eigentlich nicht. Sehr viel von dem, was ich sage, sind Selbstverständlichkeiten für eine große Mehrheit in unserem Land.

Aus welchem Spektrum kam die Kritik an Ihrem DFG-Beitrag?

Nuhr: Das sind Leute, die behaupten, ich dürfte nicht für die Wissenschaft sprechen, ich wäre ein Wissenschaftsleugner. Ich bin auch schon als Corona- und Klimawandel-Leugner bezeichnet worden. Das ist unfassbar, mit welchen Etiketten man belegt wird. Ich bin weder Corona- noch Klimaleugner, ich bin ja kein Idiot. 

Es geht mir um eine differenzierte Sicht auf die Dinge. Sind die Maßnahmen gegen den Klimawandel die richtigen, sind sie zielführend, wie ist die Kosten-Nutzen-Statistik? Da mache ich mich dann gerne lustig über Fetische und ineffiziente Dinge. Und da wird man dann schnell zum Feind.

Dieter Nuhr spricht über Greta Thunberg

Dieter Nuhr ist seit 1994 auf Bühnen unterwegs.
Dieter Nuhr ist seit 1994 auf Bühnen unterwegs.  © Henning Kaiser/dpa

Geärgert hat viele Ihre rhetorische Frage, was Greta Thunberg eigentlich im Winter macht: "Heizen kann es ja nicht sein".

Nuhr: Ja, aber Heizen ist tatsächlich ein Problem. Als wäre ein Systemwechsel einfach so zu machen. Die globale Wirtschaftsweise zu ändern, ist wahnsinnig schwierig, ohne auf der anderen Seite wahnsinnig viel Leid zu erzeugen bei denen, die aus dem Produktionsprozess dann rausfallen.

Es kann nicht die Alternative sein, dass wir uns wie Greta in ein Segelboot setzen. Ich bewundere sehr, wie dieses Mädchen sich einsetzt - mit welchem Idealismus und mit welcher Härte gegen sich selbst. Aber wir haben eine ganz schwierige Problemlage, was den Klimawandel angeht. Abstellen, Aufhören, Stoppen alleine kann es nicht sein. Das führt zu viel zu großen Opfern.

Wir sehen ja gerade bei Corona, was passiert, wenn wir nur sechs Wochen die Weltwirtschaft abstellen, wie viele Millionen Menschen da in Armut fallen. Aber es wird nur darüber diskutiert, ob ich einen Witz über Greta machen darf, die damals mächtigste und wichtigste Frau der Welt.

Dieter Nuhr ist gegen gendergerechte Sprache

Dieter Nuhr hält gendergerechte Sprache für ideologischen Krempel.
Dieter Nuhr hält gendergerechte Sprache für ideologischen Krempel.  © Jörg Carstensen/dpa

Sie werden auch angefeindet, weil Sie gegen gendergerechte Sprache sind.

Nuhr: Ja, die benutze ich nicht. Der grammatikalische Artikel hat im Deutschen mit dem Geschlecht des Bezeichneten nichts zu tun. Daraus abzuleiten, ich hätte nichts übrig für die Gleichberechtigung und die Freiheit aller Lebensentwürfe, das kann nur böswillig gemeint sein. Bestimmte Gruppen beanspruchen da für sich die Hoheit über die Zeichen, die Herrschaft über die Sprache.

Diese Leute glauben, man müsse die Sprache ändern, damit sich die Realität ändert.

Nuhr: Das ist unbelegter ideologischer Krempel, der jeder Grundlage entbehrt. Ich habe noch kein einziges Argument dafür gehört, dass, wenn ich ein "-innen" anfüge, dies die Stellung von Frauen oder Trans-Personen in der Gesellschaft ändern würde. 

Dieser Glaube, die Realität würde sich der Sprache anpassen, ist ja ohne jeden Beleg und ein Zeichen für ideologischen Kontrollwahn.

Dieter Nuhr: "Es ist nicht berechenbar, wann der Shitstorm wieder losgeht"

Dieter Nuhr wurde schon mehrfach ausgezeichnet. (Archivbild)
Dieter Nuhr wurde schon mehrfach ausgezeichnet. (Archivbild)  © Thorsten Sienk/dpa

Wenn Kollegen wie Volker Pispers Sie angehen, der Sie als "humoristischen Arm der Pegida-Bewegung" bezeichnet hat, trifft Sie das?

Nuhr: Ich habe mich niemals pro Pegida oder AfD geäußert, ich lasse keine Gelegenheit aus, um meine größtmögliche Distanz zu diesem Haufen zu demonstrieren. Wenn mich jemand so etikettiert, tut er das wider besseres Wissen, um einen Andersdenkenden zu diffamieren und aus dem Diskurs zu entfernen. Das ist schäbig, aber üblich heute.

Ist die neue Hysterie ein Social-Media-Phänomen?

Nuhr: Natürlich hat das damit zu tun, dass jeder jetzt eine Art Flüstertüte hat, mit der er sich bemerkbar machen kann. Aber viele Medien, die man früher als Alternative dazu hatte, sind inzwischen Verstärker dieses Wutbürgertums, indem sie morgens die Twitter-Trends checken. Was da getrendet hat, landet dann in der Zeitung. Leider machen sich die alten Medien damit überflüssig.

Ermüdet Sie diese Hysterie manchmal?

Nuhr: Oft. Ich kann es aber nicht ändern. Das sind eben die Rahmenbedingungen heute. Es ist nicht berechenbar, wann der Shitstorm wieder losgeht. Dass meine Sicht der Dinge als derart polarisierend wahrgenommen wird, ist einfach lächerlich, weil ich eigentlich die Dinge nur weiterdenke und nicht radikalisiere. Ich halte den Dauershitstorm für ein schlimmes Symptom, weil er zeigt, wie sehr sich die Bereitschaft verringert hat, andere Denkansätze als bereichernd zu empfinden.

Schon mal daran gedacht, nur noch zu fotografieren?

Nuhr: Nein, im Gegenteil. Ich halte es für wichtiger denn je, mitzureden, nicht klein beizugeben. Je größer die Lautstärke wird, für umso wichtiger halte ich nachdenkliche Stimmen. Und, ehrlich gesagt, halte ich mich für eine nachdenkliche Stimme, auch wenn in der Zeitung steht: "Nuhr wütet wieder" - das ist sowieso immer gelogen. Ich wüte nie. Ich spreche in der Regel ruhig und bedacht. So geht heute skandalisierender Journalismus, Clickbaiting. Leider muss man in vielen Tageszeitungen einen Kulturverfall diagnostizieren, was das angeht.

Viele Menschen sehen sich dort mit ihrer Haltung zum Leben nicht mehr repräsentiert. Für die bin ich ein wesentlicher Faktor. Meine Arbeit besteht darin, mit Humor zu verarbeiten, was da draußen gerade los ist. Ich versuche, mit Freude an der Auseinandersetzung auf lustige Art Nachdenklichkeit zu erzeugen. Ich glaube, dass deswegen so viele Leute meine Sendung gucken.

Titelfoto: Marcel Kusch/dpa

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