Assange bleibt hinter Gittern: Gericht lehnt Freilassung ab

London - Dem Jubel folgt für Julian Assange die Ernüchterung: Der Wikileaks-Gründer muss vorerst im Gefängnis bleiben. Ein Londoner Gericht lehnte am Mittwoch den Antrag der Verteidigung ab, den 49-Jährigen gegen Kaution oder unter Hausarrest aus dem Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh zu entlassen. Am Montag hatte dieselbe Richterin einen Auslieferungsantrag der USA gegen Assange abgelehnt.

WikiLeaks-Gründer Julian Assange (49) bleibt in Großbritannien in Haft. (Archivfoto)
WikiLeaks-Gründer Julian Assange (49) bleibt in Großbritannien in Haft. (Archivfoto)  © Lefteris Pitarakis/AP/dpa

Anhänger des gebürtigen Australiers reagierten entsetzt auf das neue Urteil. "Schande", riefen sie vor dem Gerichtsgebäude.

Assanges Partnerin Stella Moris zeigte sich tief enttäuscht. "Julian sollte überhaupt nicht in Belmarsh sein", sagte sie Journalisten und forderte den künftigen US-Präsidenten Joe Biden (78) auf, Assange zu begnadigen.

Die Polizei versuchte, Menschentrauben aufzulösen und verwies Demonstranten vom Gerichtsvorplatz. Mindestens ein Mensch wurde festgenommen, wie eine Reporterin der Deutschen Presse-Agentur berichtete.

Kerstin Ott über die Liebe: Neuer Song für eine ganz besondere Frau
Kerstin Ott Kerstin Ott über die Liebe: Neuer Song für eine ganz besondere Frau

Richterin Vanessa Baraitser hatte die Ablehnung der Auslieferung mit dem psychischen Gesundheitszustand Assanges und den Haftbedingungen begründet, die ihn in den USA erwarten würden. Es sei damit zu rechnen, dass er sich in Isolationshaft das Leben nehmen werde (TAG24 berichtete).

Nun sagte sie, Assange könne im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh gut behandelt werden. Außerdem bestehe die Gefahr, dass Assange, wie in der Vergangenheit, versuche, zu fliehen. Gegen beide Urteile kann noch Berufung eingelegt werden.

Corona-Ausbruch in Assanges Zellentrakt

Unterstützer von Wikileaks-Gründer Julian Assange (49) warteten am Mittwoch vor dem Gericht Westminster Magistrates in London.
Unterstützer von Wikileaks-Gründer Julian Assange (49) warteten am Mittwoch vor dem Gericht Westminster Magistrates in London.  © Matt Dunham/AP/dpa

Assange sitzt seit 15 Monaten in Belmarsh im Südosten Londons in Haft, weil er 2012 mit seiner Flucht in die ecuadorianische Botschaft gegen Kautionsauflagen verstoßen hatte.

Kritiker bemängeln die Zustände in dem Hochsicherheitsgefängnis stark. Anwalt Edward Fitzgerald wies vor Gericht darauf hin, dass es in Assanges Zellentrakt einen starken Corona-Ausbruch gegeben habe. Richterin Baraitser allerdings betonte unter Berufung auf aktuelle Zahlen der Gefängnisleitung, dass derzeit nur drei Gefangene infiziert seien.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) bezeichnete die Argumentation der Richterin als "völlig unverständlich". "Offensichtlich ist man
in London der Meinung, die britischen Gefängnisse seien nicht so schlimm wie die in den USA. Aber Isolationshaft ist überall furchtbar", sagte der Vorsitzende Frank Überall.

Statt XXL-Eigenheim: Darum lebt Pietro Lombardi seit Monaten im Hotel
Pietro Lombardi Statt XXL-Eigenheim: Darum lebt Pietro Lombardi seit Monaten im Hotel

Die US-Justiz wirft Assange vor, gemeinsam mit der Whistleblowerin Chelsea Manning (33) - damals Bradley Manning - geheimes Material von US-Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan gestohlen und veröffentlicht zu haben. Er habe damit das Leben von US-Informanten in Gefahr gebracht.

Seinen Unterstützern gilt er hingegen als investigativer Journalist, der Kriegsverbrechen ans Licht gebracht hat.

Journalisten-Organisation: "Eine unnötig grausame Entscheidung"

Eine Gerichtszeichnung von Elizabeth Cook zeigt Julian Assange (M.) im Gerichtssaal.
Eine Gerichtszeichnung von Elizabeth Cook zeigt Julian Assange (M.) im Gerichtssaal.  © Elizabeth Cook/PA Wire/dpa

Richterin Baraitser betonte mit Blick auf ihr erstes Urteil: "Aus Fairnessgründen muss es den USA gestattet sein, meine Entscheidung anzufechten, und wenn Herr Assange während dieses Prozesses flüchtet, verlieren sie die Gelegenheit dazu."

Assange verfüge weiterhin über ein riesiges Netzwerk, auf das er sich stützen könne, falls er erneut untertauchen wolle, begründete sie ihre Entscheidung.

Die Journalisten-Organisation Reporter ohne Grenzen kritisierte das Urteil scharf. Der Richterspruch sei "eine unnötig grausame Entscheidung", twitterte die Londoner Vertreterin der Organisation, Rebecca Vincent, der nach eigenen Angaben der Zugang zum Gericht weitgehend verwehrt blieb.

Bereits zuvor hatten Beobachter und Unterstützer immer wieder kritisiert, vom Prozess weitgehend ausgeschlossen zu bleiben.

Ein Erfolg ist das Urteil für die USA. Deren Gerichtsvertreterin Clair Dobbin hatte vor einer Haftentlassung gewarnt. "Er hat gezeigt, dass er sehr viel auf sich nehmen kann, um einer Auslieferung zu entgehen", sagte sie und verwies auch auf Hilfs- und Asylangebote wie zuletzt Mexiko.

Titelfoto: Montage: Matt Dunham/AP/dpa, Pitarakis/AP/dpa

Mehr zum Thema Julian Assange: