"Die Westdeutschen hätten das nicht geschafft!"

Von Björn Strauss

Deutschland - Auf Platz 4 in der ARD am Montagabend liegt "Wir Ostdeutsche" - zumindest was die gesamtdeutschen Quoten betrifft. Die Doku zu 30 Jahren Wiedervereinigung hat zehn unterschiedliche "Ost"-Protagonisten zu Wort kommen lassen - unaufgeregt, reflektiert und kritisch sowie angenehm klischeebefreit.   

Helga Förster ist eine der zehn "Ossis", die ihre eigene Geschichte im Film "Wir Ostdeutsche" erzählen.
Helga Förster ist eine der zehn "Ossis", die ihre eigene Geschichte im Film "Wir Ostdeutsche" erzählen.  © rbb/Hoferichter & Jacobs

Rund 2,6 Millionen Zuschauer haben den zehn "Ossis" vor den Bildschirmen zugehört, wie sie ihre 30 neuen Jahre im "Westen" schildern. Ihre Sicht, ihre Erlebnisse und vor allem Emotionen erzählen. 

"Ostdeutsche" - das klingt für die einen wie der ungeliebte Teil der "wiedervereinten" Deutschen, für andere klingt es nach Heimat und Identität.

Der Film hat sich auf eine "DDR"-Reise begeben: durch die drei Jahrzehnte im vereinten Land bis hin "in den Osten der Gegenwart", zwischen Rostock und Chemnitz, Tangerhütte und Eberswalde sowie auch Ribnitz-Damgarten und Bischofferode. 

Beginnen wir mit dem Ende: Helga Förster, Rentnerin mit bewegten Aufs und Abs nach 1989, wird kurz vorm Abspann deutlich. 

Birgit Breul (die einstige Wirtschafts- und Finanzministerin von Niedersachsen hatte zwei Tage vor der Wiedervereinigung 1990 ihre Arbeit bei der Treuhand aufgenommen) hat damals ihr geschrieben, "Die Westdeutschen hätten das nicht geschafft ..." 

Selbstverständnis oder Fremdbestimmung?

Eine Junge im Bunde: Marieke Reimann in der Doku "Wir Ostdeutsche".
Eine Junge im Bunde: Marieke Reimann in der Doku "Wir Ostdeutsche".  © rbb/Hoferichter & Jacobs

Der Osten sei bis heute anders, und die Ostdeutschen seien es auch, schreibt "Das Erste" über den Film. rbb und MDR wollten mit dem "gemeinsamen multimedialen Projekt der ostdeutschen Seele auf den Grund" gehen - und das haben die Filmmacher in der Tat auch geschafft. 

Angenehm fällt auf, dieses Mal kommt NICHT die ostdeutsche Polit- und Showprominenz zu Wort, sondern "normale" Bürger, die ihre Ideen und Zweifel ausdrücken. Ist der "Ossi" so stereotyp, wie er medial dargestellt wird? "Ein im Zweifel fähnchenschwingender Spießer mit Hang zu Nationalismus und FKK?" (Zitat der ARD!)

Wer den Film sehen will, kann (und sollte) das in der ARD-Mediathek nachholen. Hier werden "Schubladen" geöffnet - und danach hoffentlich nicht so schnell wieder geschlossen. 

René Springer (AfD, Bundestagsabgeordneter aus dem Land Brandenburg) war im Anschluss Gast bei "hart aber fair".
René Springer (AfD, Bundestagsabgeordneter aus dem Land Brandenburg) war im Anschluss Gast bei "hart aber fair".  © WDR/Oliver Ziebe
Heidrun Katzorke aus Chemnitz - eine von zehn Protagonist*innen.
Heidrun Katzorke aus Chemnitz - eine von zehn Protagonist*innen.  © rbb/Hoferichter & Jacobs

Blühen die Landschaften - oder nicht?

Ostdeutsche erzählen von ihrem Leben - Angela Brockmann aus Magdeburg, die im Anschluss auch bei "hart aber fair" zu Gast war.
Ostdeutsche erzählen von ihrem Leben - Angela Brockmann aus Magdeburg, die im Anschluss auch bei "hart aber fair" zu Gast war.  © rbb/Hoferichter & Jacobs

Im Anschluss gab's passend "hart aber fair". 3,04 Millionen Zuschauer brachten Frank Plasberg den zweiten Platz im Sender-Quoten-Ranking.

Über die Nachlese zum "Ostdeutschen" sprachen unter anderem Gäste, die bereits in der Dokumentation zu Wort kamen - so die Magdeburger Unternehmerin Angela Brockmann und der AfD-Politiker René Springer.

Neben Linken-Chefin Katja Kipping sprachen außerdem Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Journalist Nikolaus Blome über "Wir Ostdeutsche, wir Westdeutsche – wie groß ist die Kluft wirklich?".

Alles in allem: Der "politische Montag" war überaus spannend, auch wenn das "Öffentliche" mit dem "ProSieben Spezial: Rechts. Deutsch. Radikal." große Konkurrenz hatte (TAG24 berichtete). Für Journalist Thilo Mischke (39) war es ebenso ein riesiger Erfolg: 14,6 Prozent Marktanteil in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen erzielte die Doku und avancierte damit zur reichweitenstärksten in der Prime Time. 

Auch das ist ein klares Zeichen, dass "die Deutschen" an Politik und Menschenschicksalen durchaus interessiert sind.

Übrigens: Viele Ostdeutsche fühlen sich noch immer nicht als Bürger eines vereinigten Deutschlands, geht aus einer Umfrage hervor, die die Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF-Magazins "Frontal 21" durchgeführt hat. 

Demnach empfinden sich von den in Ostdeutschland Lebenden fast ein Drittel der Befragten, nämlich 30 Prozent, immer noch als ausschließlich ostdeutsch. Gerade einmal 68 Prozent fühlen sich zu Gesamtdeutschland zugehörig.

Titelfoto: rbb/Hoferichter & Jacobs

Mehr zum Thema TV & Shows:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0