Ex-Knacki Andy zwischen Kummer und "Frühstücks-Medizin": "Wenn ich arbeiten gehe, funktioniert das"

Leipzig - Wer in jungen Jahren schon viel Zeit im Gefängnis verbracht hat, hat es nach der Entlassung oft nicht leicht im Leben. Schnell verfallen die Ex-Strafgefangenen in alte Muster, die Resozialisierung droht zu scheitern. Die MDR-"Exakt"-Dokumentation "Nach der Haft – Von der Angst, draußen zu scheitern" begleitet zwei Männer und zeigt, welche Hürden in der Freiheit auf sie warten.

Andy zeigt stolz seine Ein-Zimmer-Wohnung. Bis vor Kurzem war der Ex-Häftling aus Leipzig noch obdachlos.
Andy zeigt stolz seine Ein-Zimmer-Wohnung. Bis vor Kurzem war der Ex-Häftling aus Leipzig noch obdachlos.  © Screenshot MDR-Mediathek

Ist die Strafe in einer Justizvollzugsanstalt abgesessen, geht der Ernst des Lebens "draußen" wieder los. Für manche jedoch ist der Schritt in die Freiheit gleichzeitig auch der Weg in die Ungewissheit, denn nicht selten sitzt man als Ex-Häftling erstmal auf der Straße.

So erging es auch Andy aus Leipzig. Er hat in seinem Leben laut eigenen Aussagen achtmal im Knast gesessen, insgesamt sieben Jahre.

Als er Anfang 2020 entlassen wurde, stand er vor dem Nichts. Er hatte keine Wohnung, lebte mit seinem Kumpel Heiko am Hauptbahnhof und brachte die Zeit mit Trinken herum.

Dieter Hallervorden verrät bei "Maischberger": Diese Partei wird er wählen
TV & Shows Dieter Hallervorden verrät bei "Maischberger": Diese Partei wird er wählen

Ein Jahr später begrüßt er das Kamerateam stolz in seiner Ein-Zimmer-Wohnung. Alkohol scheint noch immer sein Leben zu bestimmen – hat er doch mitten am Tag ein Bier in der Hand, weitere volle und leere Flaschen sind im Zimmer verteilt. Auch Wein und die "Frühstücksmedizin" Pfefferminzlikör dürfen offenbar nicht fehlen.

Auf seinen Alkoholkonsum angesprochen, gibt er zu, dass er am Tag zuvor "schön einen im Baller gehabt" hat. "Aber sonst, wenn ich arbeiten gehe, funktioniert das. Dann trink ich am Tag fünf Bier, wenn überhaupt."

Wann er die trinkt, wird nicht so recht deutlich, denn nach der Arbeit trinke er auch zwei bis drei Flaschen.

In seiner Wohnung finden sich allerhand leere und auch volle Flaschen Bier, Wein und Pfefferminzlikör.
In seiner Wohnung finden sich allerhand leere und auch volle Flaschen Bier, Wein und Pfefferminzlikör.  © Screenshot MDR-Mediathek

Teufelskreis aus Saufen, Knast und Therapie

Mit Kumpel Heiko hat er nach seiner Haftentlassung am Leipziger Hauptbahnhof gelebt.
Mit Kumpel Heiko hat er nach seiner Haftentlassung am Leipziger Hauptbahnhof gelebt.  © Screenshot MDR-Mediathek

Andy hat einen Job als Lagerist und verbringt immer noch viel Zeit mit Heiko, der derzeit in einer leerstehenden Garage haust. Im Grunde wirkt er friedlich, doch die meisten seiner Straftaten hat er unter Alkoholeinfluss begangen, darunter Schwarzfahren und "rechter Scheiß", wie er es nennt.

Doch wie konnte es so weit kommen? "Weil ich selber nicht klargekommen bin. Ich war alleine", erzählt er schulterzuckend. Seine Mutter habe ihn nicht mehr sehen wollen, sein Vater ist vor über 20 Jahren gestorben. Als er über ihn spricht, ist er den Tränen nahe.

Es wirkt, als wolle er sich seinen Kummer wegtrinken. Denn glücklich wirkt Andy nicht. Wie auch? Sicher, er hat eine Wohnung und Arbeit, doch ein resozialisiertes Leben sieht wohl anders aus.

Sturm der Liebe: Sturm der Liebe: So entscheidet sich Maja zwischen Hannes und Florian
Sturm der Liebe Sturm der Liebe: So entscheidet sich Maja zwischen Hannes und Florian

Es ist wie ein Teufelskreis: Saufen, dann Haft, dann Therapie – und im dümmsten Fall geht es danach wieder von vorn los. Auch eine Therapie hat er schon einmal gemacht. "Klar nervt das irgendwann, aber das Leben sucht man sich halt nicht aus. Wenn man Scheiße baut, muss man dafür gerade stehen", sagt Andy.

Weil den Ex-Häftlingen im Knast alles abgenommen wird und sie Selbstverantwortung immer mehr verlernen, fällt ihnen die Eingliederung in ein normales Leben noch schwerer, so Experten. Wirklich darauf vorbereitet werden sie demnach auch nicht. Das Risiko zur erneuten Straffälligkeit ist deshalb hoch.

Wenn er über seinen verstorbenen Vater spricht, überkommt ihn die Trauer.
Wenn er über seinen verstorbenen Vater spricht, überkommt ihn die Trauer.  © MDR

Die komplette Doku über Andy und Tony, ebenfalls ein Ex-Häftling aus Thüringen, der sich für seine dreijährige Tochter bessern möchte, könnt Ihr in der MDR-Mediathek anschauen.

Titelfoto: Bildmontage / MDR / Screenshot MDR-Mediathek

Mehr zum Thema Dokus: