Dschungelcamp in Australien trotz Feuer-Hölle: "Haben sie euch ins Gehirn geschissen?"

München - Die schrecklichen Bilder, die aus Australien um die Welt gehen, sorgen für Betroffenheit und Trauer. Jene, die ab Freitag auf RTL zu sehen sein werden, erweitern dieses Spektrum um Unverständnis, Fassungslosigkeit und Wut.

Aufopferungsvoll kämpfende Menschen versuchen, möglichst viele Tiere zu retten.
Aufopferungsvoll kämpfende Menschen versuchen, möglichst viele Tiere zu retten.  © David Mariuz/AAP/dpa

Tag und Nacht kämpfen Feuerwehrkräfte und inzwischen auch viele andere Menschen mit dem Mut der Verzweiflung gegen Brände, die längst unbeherrschbar geworden sind.

Sie treten Flammen entgegen, die alles Leben auslöschen, die dafür sorgen, dass sich vor unser aller Augen seit Monaten eine Tragödie abspielt, deren gigantisches Ausmaß trotz erschreckender Zahlen derzeit wohl nicht ansatzweise in seiner vollen Gänze zu verstehen sein dürfte.

Menschen sind tot, Häuser niedergebrannt. Ganze Existenzen haben die Brände geraubt. Hektarweise einzigartige Natur ist vernichtet, vielerorts bleibt nur verkohlte Erde oder Asche zurück. Ein Ende des Dramas ist nicht in Sicht, täglich erreichen uns neue Bilder aus den stetig weiter wachsenden Krisengebieten des Kontinents.

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Wer sieht, wie Koalas verzweifelt über noch immer glühende Erde tapsen, schwerste Verbrennungen erleiden oder bereits erlitten haben, schreckliche Qualen durchstehen müssen, ehe sie von aufopferungsvollen Helfern, die selbst meist am Ende ihrer Kräfte sind, oder dem Tod endlich von ihrem Leid erlöst werden, der bleibt schockiert zurück.

Videoaufnahmen zeigen Kängurus, die trotz ihrer Agilität den Flammen und der Hitze zum Opfer gefallen sind oder am ganzen Körper versengte Tiere, die sich aufgrund höllischer Schmerzen nicht mehr bewegen können und eine scheinbar endlose Zeit still verharrend auf ihr Ende warten. Laut WWF starben bislang 1,2 Milliarden von ihnen. Es zerreißt einem das Herz.

Was einem nicht das Herz zerreißt, sondern einen das eigene Gehirn zermartern lässt, ist die schier grenzenlos erscheinende Ignoranz, die der Mensch, der großen Anteil an dem Ausmaß der Brände hat, die in ihrer grundlegenden Form zweifelsohne zur Natur und folglich dem natürlichen Lauf der Dinge gehören, trotz der Katastrophe einmal mehr an den Tag legt.

Viele nehmen die Tragödie zur Kenntnis. Einige wollen helfen, können es aber nicht. Manche spenden, diskutieren und hinterfragen. Anderen scheint all das Leid herzlich egal zu sein. Es betrifft einen hierzulande schließlich nicht unmittelbar.

Beinahe wäre dies aber sogar doch der Fall gewesen. Ein bei vielen Zuschauern überaus beliebtes TV-Format hätte ausfallen, der abendliche Plan aus den Fugen geraten können. Dies wird jedoch nicht passieren. Kein Grund zur Panik.

Dschungelcamp erhitzt Gemüter

Mehr als eine Milliarde Tiere sind wohl ums Leben gekommen, weitere werden folgen.
Mehr als eine Milliarde Tiere sind wohl ums Leben gekommen, weitere werden folgen.  © David Mariuz/AAP/dpa

Wenn am Freitag auf RTL die neueste Ausgabe des Dschungelcamps zu sehen sein soll, kann der heimische TV ganz unaufgeregt eingeschaltet werden. Mancher zweifelt dann aber vielleicht doch zumindest ein wenig am Ansatz, ausgerechnet jetzt diese Art der Zerstreuung zu wählen.

Es wird unter den zwölf "prominenten" Kandidaten, die an der Sendung teilnehmen, wohl Diskussionen geben, ob man etwa die Hoden eines Kängurus oder anderen Tieres verspeisen oder doch lieber auf Sterne verzichten soll. Die Kameras halten all das fest. Sollte RTL das bewährte Konzept nicht ändern, hagelt es zu den gezeigten Bildern einmal mehr flache Sprüche des Moderatoren-Duos, die der Situation keineswegs angemessen sein werden.

Wäre eine Absage oder Verschiebung der Sendung, an der zweifelsohne auch in Australien viele Jobs hängen, deshalb nicht die einzig richtige Lösung gewesen? Würde sie etwas ändern? Wäre es zumindest ein Zeichen? Eine hitzige Diskussion ist längst entfacht, die etwaigen Meinungen gehen erwartungsgemäß sehr weit auseinander.

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Schauspieler Raul Richter (32), der selbst im Camp dabei sein wird, verteidigt etwa die Entscheidung seitens RTL, die Sendung trotz der Tragödie auszustrahlen. "Egal, ob das Dschungelcamp stattfindet oder nicht - es löscht die Brände nicht", merkt der 32-Jährige auf Instagram an. Das Camp könne vielleicht sogar Gutes bewirken und auf die Situation aufmerksam machen.

Das Format hat die Reichweite, die dies in der Tat bewerkstelligen könnte - sollte es noch Menschen geben, die tatsächlich nicht mitbekommen haben, was sich Down Under abspielt. Über den Klimawandel will der frühere "GZSZ"-Darsteller vor laufenden Kameras auch reden. Es ist ein geradezu anspruchsvoller Bildungsauftrag zwischen Ekel-Herausforderungen und nackten Tatsachen, den sich Richter auf die Fahnen geschrieben hat.

Aber passen Bildung und das RTL-Dschungelcamp überhaupt zusammen?

Seit nunmehr 16 Jahren schickt der TV-Sender mehr oder weniger bekannte Gesichter, denen die eigene Würde längst nicht mehr unantastbar zu sein scheint, in den Dschungel. Zur Belustigung der Zuschauer, die das Format entsprechend gut annehmen und mehr davon wollen. Ein TV-Vergnügen, dessen Wert jeder für sich einordnen muss und völlig wertungsbefreit auch soll, ist in der Regel keinesfalls Anlass für harsche Kritik.

Angesichts der verheerenden Lage in Australien ist das in diesem Januar jedoch etwas anders. Allein der allseits bekannte und sonst eher harmlose Slogan "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" ist an Sarkasmus wohl kaum zu übertreffen.

RTL müsste wohl erhebliche Anstrengungen unternehmen und im Hinblick auf die Zielgruppe darüber hinaus auch Risiken eingehen, das für den Sender profitable Format an die derzeitige Situation anzupassen. Dass dies passieren wird, wäre zwar wünschenswert, ist aber leider letztlich mehr als fraglich.

Absage oder Chance?

Die verheerenden Buschbrände in Australien sorgen weltweit für Betroffenheit.
Die verheerenden Buschbrände in Australien sorgen weltweit für Betroffenheit.  © Rick Rycroft/AP/dpa

Das Thema hat zweifelsohne die Größenordnung dazu. Politiker, Promis und solche, die es gerne wären sowie viele andere Menschen machen ihren Gedanken und ihrem Ärger jedenfalls Luft.

So auch Harry G (40), der vielen besser als Münchens beliebtester Grantler bekannt sein dürfte. Mit einer gewohnt derben Wortwahl macht der Kabarettist auf das aufmerksam, was offensichtlich ist oder in seinen Augen bei klarem Menschenverstand zumindest sein sollte.

"Haben sie euch da oben eigentlich ins Gehirn geschissen?", fragt er im Rahmen seines neuesten Videobeitrags auf Instagram. Ekel erregt bei ihm nicht etwa das, was die Kandidaten letztlich im Camp zu sich nehmen müssen, sondern vielmehr die Ausstrahlung an sich. "Die sollten ihre eigene Scheiße fressen", redet er sich in Rage - und damit meine er nicht nur die Bewohner des Camps.

"Wenn ihr auch nur einen Funken Restanstand hättet, dann würdet ihr das absagen. Ende. Aus. Amen. Egal, was das kostet", fordert der 40-Jährige. Es würde sich laut dem Grantler um den einzig richtigen Schritt handeln. Eine Haltung, die viele Follower uneingeschränkt teilen. Thorsten Hennig-Thurau (52), Professor für Marketing und Medien an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, sieht dies anders.

Das Camp abzusagen, sei keine Lösung. "RTL sollte vielmehr zeigen, dass es seine gesellschaftliche Verantwortung akzeptiert", sagt der 52-Jährige. Man dürfe "nicht als Clown in Krisenzeiten" oder "Krisenprofiteur" auftreten. Er fordert: "Man muss stattdessen Wege finden, die Sendung mit einem Verantwortung zeigenden Format zu kombinieren."

Ob der Sender dieser Aufgabe gewachsen ist oder sich ihr überhaupt annehmen will? Wirtschaftlichkeit übertrumpft Moral, Tiefgründigkeit ist nicht unbedingt ein Aushängeschild. Ein offizielles Statement zur Situation gibt es bislang nicht.

Eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Geschehen in Australien, welches das Land auf Jahre erheblich zeichnen wird, ist nun allerdings die einzig echte Chance, die Ausstrahlung zumindest noch halbwegs vertretbar erscheinen zu lassen. Unmöglich ist das nicht. Auch könnte RTL mit gutem Beispiel vorangehen und Menschen vor Ort helfen, etwa indem ein Teil der extrem hohen Einnahmen, die ab Freitag mit jeder einzelnen Folge erzielt werden, gespendet wird.

Titelfoto: David Mariuz/AAP/dpa

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