"Einsatz für Henning Baum": Bei RTL gibt's die Polizei immer noch in Schwarz und Weiß

Leipzig - Mit "Einsatz für Henning Baum - Hinter den Kulissen der Polizei" wollte RTL nicht nur eine Doku, sondern gleich "die nackte Wahrheit" über die Männer und Frauen in Uniform liefern. Keine leichte Aufgabe, findet zumindest TAG24-Redakteur Eric Mittmann. Schon gar nicht, wenn man mit einem veralteten Weltbild an das Thema rangeht.

Den Blick ernst nach vorn, die Mütze locker auf dem Kopf: Schauspieler Henning Baum (48) ist bereit für den Einsatz.
Den Blick ernst nach vorn, die Mütze locker auf dem Kopf: Schauspieler Henning Baum (48) ist bereit für den Einsatz.  © TVNOW / Ann Malo

Schon bei den ersten Bildern fragt man sich, wer diese Doku produziert hat, nur um dann schnell festzustellen: Ach ja, das war ja RTL.

"Würden Sie abdrücken, wenn es um Ihr Leben geht?", haucht Schauspieler Henning Baum (48) da bedeutungsschwer aus dem Off, während er eine Waffe scharf macht und im nächsten Moment Szenen von Demonstrationen und Ausschreitungen zu sehen sind. Okay, jetzt ballern wir also schon bei Demonstrationen um uns?

"Würden Sie ruhig bleiben, wenn Sie angegriffen werden?" Uff, gerade noch die Kurve gekriegt. "Würden Sie Polizist sein wollen, wenn Ihnen blanker Hass entgegenschlägt?" Oh Gott, was erwartet einen hier?

Er, Henning Baum, werde es jedenfalls versuchen. Im normalen Leben ist er nur ein Schauspieler, doch für RTL schlüpft er noch einmal in seine Paraderolle. "Ich will eintauchen in die Rolle des Polizisten."

G20 und George Floyd werden im Minutentakt abgehandelt

Die neue RTL-Doku mit ihm über Deutschlands Polizei ist derweil genau das, was man von einer RTL-Doku über die Polizei erwartet: Eine Schwarz/Weiß-Darstellung der Männer und Frauen in Uniform. An Reflexion mangelt es dem Film jedoch.
Die neue RTL-Doku mit ihm über Deutschlands Polizei ist derweil genau das, was man von einer RTL-Doku über die Polizei erwartet: Eine Schwarz/Weiß-Darstellung der Männer und Frauen in Uniform. An Reflexion mangelt es dem Film jedoch.  © TVNOW / Ann Malo

Tatsächlich weckt das Verhalten des Schauspielers eher das Gefühl, man hätte es mit einem alten Herren zu tun, der "etwas aus der Zeit gefallen ist", wie er es während des Films selbst sagt.

Da wird bei der Verkehrskontrolle mit den Polizeischülerinnen geflirtet. Zwischendurch darf "Der letzte Bulle" natürlich beweisen, dass er es mit den Jüngeren aufnehmen kann, indem er die Polizei-Aufnahmeprüfung besteht - in abgeschwächter Form. Und die Rolle der Polizei? Simples Schwarz/Weiß-Denken, Gut gegen Böse.

Aber Henning Baum will ja die "nackte Wahrheit" über Deutschlands Polizei liefern, lässt sich dazu ausbilden, geht mit auf Streife und ist sogar bei der Anti-Corona-Demo im November 2020 in Leipzig dabei.

Die großen Ereignisse, die die Polizei und ihr Vorgehen in den vergangenen Jahren immer wieder in den öffentlichen Fokus gerückt haben, werden im Minutentakt abgehandelt. G20, der versuchte Sturm auf den Reichstag im August 2020, sogar der Mord an George Floyd. Komplexe Momente, die bereits für sich genommen Jahre der Auseinandersetzung benötigen, haut RTL eben mal in eine 90-Minuten-Doku. Warum sich auch lange damit befassen? Ist doch ohnehin alles verhältnismäßig.

Und sollte doch mal etwas schiefgehen, passiert es eben im Ausland. Der Fall Mohamed A., der in Düsseldorf von einem Polizisten fixiert wurde, indem dieser auf dem Kopf des 15-Jährigen kniete, wird aufgegriffen. Alles verhältnismäßig. Der Teenager war schließlich wegen Körperverletzung bekannt, die Beamten mussten auf Selbstschutz achten und am nächsten Tag habe sich Mohamed ja schon wieder geprügelt.

Die rechten Chat-Gruppen werden gar nicht erst erwähnt

TAG24-Redakteur Eric Mittmann.
TAG24-Redakteur Eric Mittmann.  © Eric Mittmann

Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, nimmt Henning am Training der Leipziger Polizei teil, bei dem Handgriffe geübt werden, um Menschen ruhig zu stellen. "Sie machen das robust, aber ohne jede Qual", schätzt "Mr. Die Hard" das Vorgehen ein, nachdem er es in einem sicheren Raum getestet hat.

Schüsse aus einem Wasserwerfer sollte man derweil übrigens vermeiden. Aber den setzt die Polizei ja ohnehin nur ein, damit "das Böse schnell abgekühlt" wird.

Keine Rede von den rechten Chat-Gruppen, die in den vergangenen Monaten immer wieder aufgedeckt worden. Von den Droh-Mails gegen die hessische Linken-Politikerin Janine Wissler (39), der Angst vor rechten Netzwerken innerhalb der Polizei oder der Auflösung ganzer Einheiten wegen ihres Verhältnisses zum Nationalsozialismus.

Weil dies bisher viel zu kurz kam: Die Arbeit der Polizei ist hart, da stellt sich keine Frage. Den Beamten und Beamtinnen gebührt Respekt für das, was sie jeden Tag leisten. Für die Risiken, die sie eingehen, um das Leben anderer zu schützen und für die Belastungen, die sie aushalten müssen, sei es auf Streife, bei einem Einsatz oder einer Demonstration.

Es geht auch nicht darum, die Männer und Frauen in Uniform unter Generalverdacht zu stellen. Wer jedoch "die nackte Wahrheit" über die Polizei liefern will, der muss sich auch mit ihren Schattenseiten auseinandersetzen, ohne Schwarz/Weiß-Denken und Alt-Herren-Gehabe. Mit einem plumpen "Vermutlich sind sie nicht perfekt, aber wer ist das denn schon?", ist es da nicht getan.

Titelfoto: TVNOW / Ann Malo

Mehr zum Thema TV & Shows:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0