Alles löschen und verbieten - sind Veganer die neuen Schwulen?

Von Björn Strauss

ARD - Sind Veganer jetzt die neuen Schwulen? Spaß-Macher haben es derzeit nicht leicht. Jeder Gag kommt auf die politisch-korrekte Witzwaage. Szenen - selbst aus Kultfilmen - werden rausgeschnitten, über jedes dunkle Make-up wird gewacht... Wie weiter mit der Klamauk-Industrie? Walulis hat in der ARD eine Sendung gemacht - die hohe Wellen schlägt und viele zum Kommentieren bringt.

"Walulis Woche" im SWR bringt wochenaktuelle Satire mit Philipp Walulis (40) seit 24. September 2020 donnerstags in die ARD.
"Walulis Woche" im SWR bringt wochenaktuelle Satire mit Philipp Walulis (40) seit 24. September 2020 donnerstags in die ARD.  © SWR/enrico palazzo/Andreas Zitt

Im "Kindergarten-Cop" ging's um die Polizei, Otto hat's getan (einen "Bimbo" verkauft), die "Golden Girls" waren als Schwarze in der Küche verkleidet, auch Hoëcker machte den unflätigen Rapper 50Cent - schwarz geschminkt - kurz: Blackfacing für billige Lacher. 

Anke Engelke lud "yellowfaced" Asiaten auf die Schippe, Kayar Yanar kam ganz indisch daher: "wulle Rose kaufe"... Und Schwule hatten es besonders bei "Erkan und Dingens" schwer, wurden zur Lachnummer wie auch bei Bully Herbig im rosaroten "Schuh des Manitu". Die Neunziger waren Witz-technisch harter Tobak - es war nicht alles gut, wo sich ein Lacher bot. Wirklich nicht! 

Allesamt sind es jedoch meist erfolgreiche Filme und Sketche auf Kosten von Minderheiten oder Menschengruppen. Wie soll man aber heutzutage mit diesen teils öden Uralt-Pointen umgehen? Dieser Frage ist Philipp Walulis (40) auf der Spur - und das ist gut so. 

Walu-wer? Moderator Philipp Walulis macht eine deutsche "Satire-Nachschlag-Sendung", die aktuelle Medieninhalte thematisiert - vom SWR produziert (jetzt in der Mediathek).

Eine Sendung zwischen "Cancel Culture" und "Humor darf alles"

Schauspiel-Ikone Whoppi Goldberg (64) bringt es auf den Punkt: "Nicht löschen - sondern mit einem Vorwort versehen" - sonst sei es so, als habe "diese Zeit der Vorurteile nicht existiert".
Schauspiel-Ikone Whoppi Goldberg (64) bringt es auf den Punkt: "Nicht löschen - sondern mit einem Vorwort versehen" - sonst sei es so, als habe "diese Zeit der Vorurteile nicht existiert".  © SWR/enrico palazzo/Andreas Zitt

"Eigentlich müsste man den ganzen Zeitgeist, der damals herrschte, angreifen", so Comedian Kaya Yanar, dem in der WALULIS-Sendung auf den Zahn gefühlt wird. 

Auch Bernhard Hoëcker und Anke Engelke gehen mit sich und ihren "frühen" Ulkereien ins Witz-Gericht. Sie würde "einige Parodien nicht mehr machen". Und sagt: "Ich finde es gut, wenn wir heute ein anderes Bewusstsein haben."

Für Hoëcker wäre es eine Möglichkeit, "wir löschen das Ganze!" Dann gäbe es aber "keinen Grund mehr, darüber nachzudenken. Aber genau das ist es, was Comedy, was Parodie, was Unterhaltung auch soll - das Gehirn anregen." 

Erkan und Stefan üben auch Selbstkritik: "Wir haben damals mal öfter das Wörtchen schwul verwendet für Dinge, die uncool waren oder die uns nicht männlich genug waren. Das würden wir heutzutage natürlich nicht mehr so tun. Heute sagen wir nicht mehr schwul, sondern etwas viel Differenzierteres: nicht schwul, sondern vegan..." - und finden, schwups, eine neue Randgruppe, auf deren Kosten es zur köstlichen Sache gehen soll (TAG24 berichtete).

Ist das 'n Gag oder kann das weg?

Schauspiel-Ikone Whoppi Goldberg bringt es auf den Punkt: "Nicht löschen - sondern mit einem Vorwort versehen" - sonst sei es so, als habe "diese Zeit der Vorurteile nicht existiert, als Teil unserer Geschichte, die man nicht ignorieren sollte!"

Im Netz wird seit Donnerstag heftig diskutiert. Auf YouTube sammelten sich bis jetzt fast 3000 (!) Kommentare. Hier einige:

  • Hätten wir Deutschen mal lieber gar nicht erst mit dem Lachen angefangen. Jetzt haben wir den Salat.
  • Es gibt leider auch eine Menge unreflektierten Aktionismus. Man sollte sich schon erstmal mit einem Witz auseinander setzen, bevor man ihn als rassistisch abstempelt.
  • Mein Eindruck ist, dass es in der öffentlichen Diskussion häufig nur - wortwörtlich - Schwarz und Weiß gibt. Dabei wird (bewusst oder unbewusst) alles dazwischen ignoriert. Nicht jeder Witz über Personen anderer Ethnien ist rassistisch. Bestes Beispiel ist der Kalkofe Clip aus dem Walulis sein Video. Kalkofe parodiert D. Soost, ohne dass seine Herkunft eine Rolle spielt.
  • Ich finde es extrem kritisch einfach alte Sachen zu löschen die heute nicht mehr gesellschaftlich akzeptiert sind. So ist die Gefahr groß dass alles vergessen wird kein Lerneffekt da ist und sich dadurch die Geschichte wiederholt.
  • Comedy soll das Gehirn anregen
  • Das Otto Beispiel ist wirklich albern. Die Szene wird einfach aus dem Zusammenhang gerissen. Eigentlich macht sie sich ja sogar ganz im Gegenteil noch über den Nachkriegsrassismus lustig...

Titelfoto: SWR/enrico palazzo/Andreas Zitt

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