Wie Deutschland sich kleinredet – Ein Kommentar

Von ROBERT KUHNE

Als ich letzte Woche anlässlich der Advertising Week durch die Straßen von New York lief, fiel mir weniger der Lärm auf, der Verkehr oder die Hochhäuser. Mir fiel eine Haltung auf.

Menschen, die von einer Idee erzählen, als wäre sie schon Wirklichkeit. Die zuerst fragen, wie groß etwas werden kann, und erst danach, was schiefgehen könnte. Im Februar in China war es dasselbe Gefühl, nur leiser und entschlossener.

Ehrfurcht vor Deutschland? Kaum noch. Eher ein freundliches Mitleid und die Frage, warum wir uns eigentlich so klein machen.

Was ist mit Deutschland los?

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Diese Frage hat mich auf dem Rückflug nicht losgelassen. Irgendwo über dem Atlantik, zwischen Bordmenü und schlechtem Schlaf, habe ich mich bei etwas ertappt, das ich nur zu gut kenne. Kaum dachte ich an zu Hause, kamen die vertrauten Sätze: Bei uns dauert alles zu lange. Bei uns geht das sowieso nicht. Bei uns wäre das nie genehmigt worden. Ich hatte sie nicht einmal bewusst gedacht. Sie waren einfach da, wie ein alter Mantel, den man anzieht, ohne darüber nachzudenken.

Zurück in Dresden hörte ich sie dann überall. Beim Bäcker, in Meetings, am Küchentisch, in den Nachrichten. Fast jedes Gespräch über unser Land beginnt mit einem Seufzer. Wir sind Weltmeister im Bescheidwissen, warum etwas nicht klappen wird. Und ich habe mich gefragt: Ist das wirklich unsere Lage? Oder ist es nur die Geschichte, die wir uns jeden Tag über uns selbst erzählen?

Also habe ich mir die Zahlen angesehen. Und die passen erstaunlich schlecht zu unserer Untergangsstimmung. Deutschland gehört weiterhin zu den größten Exportnationen der Welt, Platz 3 hinter China und den USA. Unsere Forschung ist Spitze, unsere Hidden Champions beherrschen ganze Nischen. Das Problem liegt offenbar nicht nur in unseren Bilanzen. Es liegt in unserem Blick. Unserem Mindset.

Wenn Vorsicht zur Weltanschauung wird

Wir Deutschen haben eine besondere Begabung, und das meine ich nicht nur ironisch: Wir sehen Risiken früher als andere. Daraus sind Sicherheitsgurte entstanden, Ingenieurskunst und Präzision. Aber irgendwo auf dem Weg ist aus einer Tugend eine Weltanschauung geworden. Wir halten Pessimismus für Tiefgang und Mut für Leichtsinn. Wer zuversichtlich ist, gilt schnell als naiv. Wer Bedenken hat, gilt als klug.

Dabei vergessen wir, dass Bedenken nichts erschaffen. Gottlieb Daimler, Carl Benz und Robert Bosch hatten kein Sicherheitsnetz, sie hatten eine Idee und den Willen, sie umzusetzen. Heute verlangen wir von jeder Idee, dass sie schon perfekt ist, bevor sie überhaupt existieren darf. Die 80-Prozent-Lösung (Hauptsache 80 Prozent der Geschäftsideen funktionieren), mit der anderswo Märkte erobert werden, empfinden wir als Zumutung. In Deutschland werden 100 Prozent und eine klare Risikobewertung erwartet. Aber so verwalten wir unseren Wohlstand, statt ihn weiterzubauen.

Vielleicht ist das die stille Falle des Wohlstands: Wer viel hat, denkt zuerst ans Verlieren. Satte Gesellschaften verteidigen, hungrige Gesellschaften erobern. Kein Land hat ein Abonnement auf ewig andauernden Erfolg.

Gleiche Fakten, zwei Welten

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Mit Peter Stawowy (im Foto rechts) habe ich für den Podcast ein kleines Experiment gemacht. Wir haben dieselben Fakten zweimal besprochen, einmal in der Rolle als deutsche Bedenkenträger und einmal als New Yorker Gründer beim Espresso. Beim Fachkräftemangel sieht der Deutsche den Stillstand, der New Yorker einen riesigen Markt für Automatisierung. Bei sieben Billionen Euro auf deutschen Sparkonten sieht der Deutsche eine große Zukunftsangst bestätigt, der New Yorker nur Kapital, das auf eine gute Idee wartet.

Die Fakten waren identisch. Verändert hat sich nur der Betrachtungsrahmen, das Mindset, in den wir sie gesetzt haben. Das hat nichts mit Esoterik zu tun, das ist eine nüchterne Erkenntnis: Unser Gehirn sucht nach Bestätigung für das, was wir ohnehin glauben. Wer an den Niedergang glaubt, findet überall Belege dafür. Wer an Gestaltung glaubt, findet Wege.

Natürlich ersetzt Zuversicht keine Reformen. Bürokratie, teure Energie und langsame Verfahren sind in Deutschland real, und kein noch so positives Denken lässt sie verschwinden. Aber ohne Zuversicht nutzen wir selbst gute Bedingungen nicht mehr. Die Haltung ist nicht die ganze Lösung. Ohne sie gibt es aber gar keine.

Die Veränderung beginnt am eigenen Schreibtisch

Gandhi wird der Satz zugeschrieben, man solle selbst die Veränderung sein, die man in der Welt sehen will. Ob er ihn genau so gesagt hat, weiß niemand sicher. Wahr ist er trotzdem. Wir warten gern auf Rettung von oben, auf die richtige Regierung oder die nächste Reform. Dabei beginnt ein neues Selbstbewusstsein nicht in Berlin. Es beginnt dort, wo jemand den ersten Schritt macht, obwohl noch nicht alles geklärt ist.

Selbst der viel belächelte Trend zur Manifestation durch geistige Fokussierung hat einen vernünftigen Kern, wenn man ihn ehrlich übersetzt. Es geht nicht ausschließlich darum, das Universum um etwas zu bitten. Es geht darum, zu entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, und danach zu handeln.

Ich glaube nicht, dass Deutschland wieder so werden muss wie früher. Wir müssen auch nicht amerikanisch werden. New York könnte im Gegenzug sogar einiges von uns lernen, wie man Dinge dauerhaft ordnet, pflegt und erhält. Wir sollten nur aufhören, unsere Stärken kleinzureden, bloß weil wir uns im Umbruch befinden.

Vielleicht ist unser größtes Problem gar nicht, dass andere an uns vorbeiziehen. Vielleicht ist es, dass wir uns innerlich schon damit abgefunden haben. Dabei haben wir alle Werkzeuge in der Hand. Wir müssen nur wieder den Mut haben, sie zu benutzen.

Titelfoto: TAG24