Chemnitzer Gehörlose fordern: "Macht Gebärdensprache zum Unterrichtsfach!"
Chemnitz - Sie sprechen mit den Händen - und haben eine unüberhörbare Forderung: Gebärdensprache soll endlich zum Schulfach werden! Zum 35-jährigen Bestehen des Stadtverbandes der Gehörlosen geht es deshalb am Samstag nicht nur ums Feiern. Es geht um Anerkennung, Bildung und weniger Berührungsängste.
Der Verband ist das Dach für taube und schwerhörige Menschen in Chemnitz. Sein Herzstück ist das Gehörlosenzentrum an der Wielandstraße mit Beratungsstelle und Bürgertreff.
Doch auch nach 35 Jahren gibt es noch viele Barrieren, vor allem bei der Verständigung. Karola Tiffe-Mey (48), Chefin des Gehörlosenzentrums, fordert deshalb: "Gebärdensprache sollte bereits im Kindergarten vermittelt und später ein ganz normales Unterrichtsfach werden."
Wer früh Gebärdensprache lerne, könne später leichter mit gehörlosen Menschen kommunizieren. Gleichzeitig würden gehörlose Kinder nicht länger gezwungen, sich allein an eine hörende Welt anzupassen.
Uwe Kapper (66) gebärdet als Gehörloser lieber. Er kann zwar mit seiner Stimme sprechen, hört sich dabei aber selbst nicht. Lautstärke und Aussprache lassen sich deshalb nur schwer kontrollieren.
Kapper sagt: "Ich lebe in der gehörlosen Welt. Gebärdensprache ist meine Sprache." Sein Bruder ist gehörlos, seine Eltern waren schwerhörig, auch seine Frau und seine kleine Tochter sind gehörlos.
Jeden Morgen die wichtigsten Nachrichten direkt in dein Postfach.
- Lokale Nachrichten aus Chemnitz & Umgebung
- Exklusive Hintergrundberichte
- Jederzeit abbestellbar
Musik spielt auch eine große Rolle
Musik spielt trotz Taubheit eine erstaunlich große Rolle. Kapper war auf Konzerten der Rolling Stones, Depeche Mode oder Deep Purple und hat zu Hause eine große Schallplattensammlung. Die Musik fühlt er, besonders satte Bässe gehen buchstäblich unter die Haut.
Auch Schatzmeisterin Anett Zimmermann (59) schwärmt: "Ich bin ein absoluter Fan von Musik." Bass und Rhythmus spürt sie über die Vibrationen und Schwingungen.
Was sich die Mitglieder zum Jubiläum von den hörenden Chemnitzern wünschen? "Geht auf uns zu und stellt uns Fragen", sagt Verbands-Chefin Sabine Helbig-Ruppl. "Wie lebst du? Was brauchst du? Wie können wir besser miteinander kommunizieren?"
Zum 35-Jährigen gibt es am Samstagvormittag eine Festveranstaltung mit geladenen Gästen, am Abend wird gemeinsam mit Mitgliedern und Besuchern gefeiert.
Nicht nur die Hände reden
Gebärdensprache ist weit mehr als eine Folge von Handzeichen. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist laut Chemnitzer Gehörlosenzentrum eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik und eigenem Satzbau.
Aus dem gesprochenen Satz „Ich kaufe ein Buch“ wird stark vereinfacht „Ich - Buch - kaufen“. Dabei reden nicht nur die Hände: Auch Mimik, Körperhaltung, Bewegungsrichtung und die Position der Gebärden gehören zur Grammatik. Hochgezogene Augenbrauen können beispielsweise eine Frage anzeigen.
Und auch beim Gebärden gibt es Dialekte. In Sachsen werden einige Begriffe anders dargestellt als in Hamburg oder Köln. Eine weltweit einheitliche Gebärdensprache existiert ebenfalls nicht.
In Deutschland ist die DGS seit 2002 offiziell als eigenständige Sprache anerkannt (Paragraf 6 Behinderten-Gleichstellungsgesetz).
Titelfoto: Bildmontage: Freepik, Uwe Meinhold

