Blicke durchs Ostkreuz: Fotoausstellung "Was tun wir" in der robotron-Kantine
Dresden - Fotografen sind - das mag eine Binsenweisheit sein - buchstäblich Augenzeugen. Ihr Blick durch die Kamera bildet die Gegenwart ab, die fotografischen Zeugnisse werden so auch zu Dokumenten der Vergangenheit. Sie können gesellschaftspolitisches Gewicht entwickeln, dann wieder höchst persönlich, gar intim sein. Diese Spannbreite zeigt sich beeindruckend in der Ausstellung "Was tun wir" in der robotron-Kantine.
Das Kunsthaus Dresden zeigt darin laut Untertitel "Bilder in Zeiten zerfallender Gewissheiten". Es ist eine Zusammenarbeit mit 25 Fotografinnen und Fotografen der renommierten Agentur Ostkreuz.
Ostkreuz versteht sich als "Agentur der Fotografen" und gilt als eine der wichtigsten künstlerischen und professionellen Zusammenschlüsse von Fotografinnen und Fotografen in Deutschland seit 1990.
Das heute international anerkannte Kollektiv Ostkreuz hatte sich vor 35 Jahren, nur wenige Monate nach dem Zusammenbruch der DDR, mit so bedeutenden Namen wie Sibylle Bergemann, Ute und Werner Mahler oder Harald Hauswald nach dem Vorbild der Agentur Magnum gegründet.
Die Ausstellung "Was tun wir" zeigt Werkserien von 25 Ostkreuz-Mitgliedern, wurde über anderthalb Jahre entwickelt und von den Fotografinnen und Fotografen selbst kuratiert.
Zu sehen sind neue Fotografien in Kombination mit ausgewählten historischen Arbeiten, die vor, während und nach der Wende entstanden sind. Es ist die vorerst letzte Ausstellung in der robotron-Kantine vor deren anstehender Sanierung, und es war der ausdrückliche Ostkreuz-Wunsch, in diesem baulichen "Überbleibsel" der Ostmoderne auszustellen.
Teil der Schau sind zahlreiche Langzeit-Reportagen
Denn der Ort korrespondiert mit den Inhalten, die viel über Wandel erzählen. Der leitende Gedanke: Welche Verantwortung tragen Fotograf*innen heute, mit welchen Bildern können radikale gesellschaftliche Transformationen, (geo)politische Machtverschiebungen und fortschreitende ökologische Veränderungen sichtbar gemacht werden?
Oder wie Kunsthaus-Leiterin Christiane Mennicke-Schwarz formuliert: "Was machen diese Bilder mit uns und unserer Gegenwart?" Die Schau lege Erfahrungshorizonte offen, zeige Bilder von Ende und Neuanfang, von Krieg aber auch Solidarität und Zusammenhalt, von grundlegenden Umbrüchen und den Kraftanstrengungen, die es kostet, mit ihnen umzugehen.
Teil der Schau sind zahlreiche Langzeit-Reportagen, etwa die Serie "An der Elbe" von Harald Hauswald oder "Das Dorf (1950-2022)" von Ludwig Schirmer, Ute und Werner Mahler, die das Vergehen der Zeit plastisch werden lässt.
Von der 2010 gestorbenen Sibylle Bergemann ist eine Serie über "Frauen in der Arbeitswelt" (1980er- bis 1990er-Jahre) zu sehen, bei der verschwimmt, was in Ost oder West entstand. DDR-Alltag dokumentiert Hauswalds Serie "Tanzen", entstanden seit Mitte der 1980er-Jahre zeigt er pogende Punks, Tanztee oder Turnierwettbewerbe.
Jeden Morgen die wichtigsten Nachrichten direkt in dein Postfach.
- Lokale Nachrichten aus Dresden & Umgebung
- Exklusive Hintergrundberichte
- Jederzeit abbestellbar
Auch Ukraine-Krieg ein Thema
Annette Hauschild hat in "Unser Haus" den Alltag in besetzten Berliner Häusern von 1992 bis 1999 dokumentiert, eine Szene, in der sie selber damals lebte. Schmerzlich intim die Serie "Mamma" (2024), in der Heinrich Holtgreve das Sterben seiner zu Hause gepflegten Mutter abbildet.
Auch der Ukraine-Krieg ist ein Thema. Sei es über die Verheerungen des Drohnenkrieges (Johanna Maria Fritz) oder die Versehrungen zwangsrekrutierter Veteranen von Elliott Kreyenberg, in Textil-Prints gehängt. Als Bild-Ton--Installation zeigt Ina Schoenenburg "Residuum", eine Arbeit über den Strukturwandel bei den Bergleuten in der Lausitz.
Ganz anders die Arbeit "Etwas verschiebt sich" von Anne Schönharting und Linn Schröder. Ihr Projekt stemmt sich gegen Vereinzelung: "Wir haben uns in die Natur zurückgezogen, um Ideen zu finden, dann wurde die kontemplative Natur zu unserem Thema."
Mit nur einer Kamera haben sie gearbeitet und seien sich so auch persönlich näher gekommen. Konträr dazu ihre Schwarz-Weiß-Serie "OST/WEST - Ausstellung", für die sie die Wiedervereinigung abstrakt nachgestellt haben, mit Menschen, die vor Mauerresten Mauer spielten.
Die Schau läuft bis 8. November, geöffnet Mi. bis Fr. 16-19 Uhr, Sa. und So. 12-18 Uhr.
Titelfoto: Eric Münch

